Stand: 10.01.2020 16:32 Uhr  - NDR Info

In der Tiefe des Schachts Konrad

von Carmen Woisczyk
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Gottesdienst vor dem Gedenkstein Schacht Konrad in Salzgitter-Bleckenstedt.

Zwei Mal im Jahr treffen sich Anwohner aus Salzgitter Bleckenstedt zu einem Gottesdienst am Ortsrand. Hinter ihnen - etwa 300 Meter entfernt - ragt der Förderturm des ehemaligen Bergwerks Schacht Konrad weit sichtbar in den Himmel. Eisenerz wurde dort nur bis 1976 abgebaut, weil es sich wirtschaftlich nicht mehr gelohnt hat. Jetzt wird das Bergwerk umgebaut - bereits seit 10 Jahren - zum ersten und bislang einzigen nach Atomrecht genehmigten Endlager in Deutschland. Rings herum gibt es Felder, Landwirte mit ihren Höfen und Dorfbewohner in direkter Nachbarschaft. Gegen die Anlage protestieren Pastor Albrecht Fay aus Braunschweig und seine Bleckenstedter Gemeinde. Sie gehen nach dem Gebet mit einem großen, geschmückten Holzkreuz durch den Ort - ein friedlicher Protestzug gegen das Endlager. Denn vielen macht das Endlager Angst. Nach der voraussichtlichen Fertigstellung 2027 werden hier rund 300.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle eingelagert - ohne dass man sie jemals wieder herausholen könnte.

Schild mit der Aufschrift "Schacht Konrad" © dpa - Bildfunk Foto: Peter Steffen

Unter Tage im Schacht Konrad

NDR Info - Die Reportage -

Seit zehn Jahren wird Schacht Konrad zu einem Atommüllendlager umgebaut. Die Reportage zeigt den Stand der Arbeiten und die Menschen, die dagegen protestieren.

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Eine gigantische Baustelle unter Tage

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Thomas Lautsch vom BGE vor dem Umschlagplatz unter Tage - hier werden später die Atomabfälle für den Weitertransport unter Tage verladen.

Der Umbau des Erzbergwerks zum Endlager findet 1.000 Meter unter der Oberfläche statt. Die gigantische Baustelle verschlingt Unmengen Geld und Material - die Kosten sollen sich am Ende auf 4,2 Milliarden Euro belaufen. Wer wissen will, wie es aktuell im Schacht Konrad aussieht, kann eine Besucherführung mitmachen. Jeder könne sich die Baustelle anschauen, sagt Thomas Lautsch von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), die Schacht Konrad betreibt.

Noch ist hier nichts von einem Endlager zu sehen. Ein Fahrstuhl bringt die Besucher aber auch ganze oder zerlegte Fahrzeuge hinunter in Schacht 1 - etwa 100 gibt es unter Tage, darunter riesige Bagger. Außerdem werde alles, was sonst noch für den Umbau des Bergwerks zum Endlager gebraucht wird, über diesen Schacht transportiert, erklärt Lautsch, technischer Geschäftsführer der BGE. Die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle werden später allerdings über einen zweiten Schacht in die Tiefe gebracht - etwa einen Kilometer Luftlinie entfernt. Am Fuß von Schacht 2 wird das Herzstück des Endlagers gebaut: der Umschlagplatz. Dort werden die Abfälle später für den weiteren Transport unter Tage auf Fahrzeuge verladen.

Lagerstätte für Atommüll

Unten angekommen steigen Besucher in Autos um: Mit diesen geht es durch dunkle Tunnel unter dicken, lauten Abluftröhren und Ventilatoren hindurch. Es ist sehr warm: Unter Tage herrschen Temperaturen von bis zu 36 Grad Celsius. Der Weg führt kreuz und quer durch ein Tunnelsystem. Laut Lausch befinden sich rund 40 Kilometer Strecke unter der Oberfläche. Bagger kommen einem hier oft entgegen - mit Schaufeln so groß wie ein Kleinwagen. Sie befördern den Abraum: Geröll und Gestein, das beim Tunnelbau anfällt, denn viele vorhandenen Tunnel werden breiter ausgebaut. Es werden auch neue Hohlräume in das Gestein gegraben - zum Beispiel für den Atommüll im künftigen Endlager und für den sogenannten Umschlagplatz. Der Zugang zum Schacht 2 werde in den kommenden Jahren saniert und für den Betrieb des Endlagers ausgebaut, erklärt der Geschäftsführer der BGE, Thomas Lausch.

Schacht Konrad mit Umschlagplatz und Betonfabrik

Später wird es am Umschlagplatz so ähnlich ablaufen wie in einem Hafen, wenn Schiffscontainer mit einem Kran verladen werden. Der Atommüll steckt in unterschiedlich großen Containern, die per Lkw oder Eisenbahnwaggon in Salzgitter am Schacht 2 ankommen. Der strahlende Abfall wird nach der Anlieferung direkt über den Schacht 2 unter Tage gebracht. Die Container mit dem Abfall werden schon vor dem Transport nach Salzgitter vollkommen mit Beton verfüllt. Die radioaktiven Stoffe seien darin also so dick eingebettet, dass die Strahlung an der Außenwand des Containers die zulässigen Grenzwerte nicht übersteige, erklärt Lausch.

Unter Tage steht bereits eine Betonfabrik. Denn wenn die Container unter Tage in die Einlagerungskammern kommen, werden sie gestapelt und mit Beton ummantelt, der in der Fabrik unter Tage hergestellt wird. Die Betonschicht verhindert zusätzlich, dass der Atommüll strahlt, verrutscht und eben auch, dass er jemals wieder herausgeholt werden kann. Das Endlager sei sicher, auch dann, wenn sich das Gebirge etwas bewegt, erklärt Thomas Lautsch. Außerdem sei es vor allem wartungsfrei, wenn es einmal vollständig mit Beton verfüllt ist. Der Bau und später der Betrieb würden ständig kontrolliert und überwacht, erzählt der Geschäftsführer. Unter anderem kontrolliert das niedersächsische Umweltministerium den Betreiber des Endlagers, also die BGE. Diese ist wiederum eine bundeseigene Gesellschaft des Bundesumweltministeriums.

Belüftung der Anlage während der Betriebsphase

Belüftungsrohre und Ventilatoren laufen nur während des Umbaus und danach, solange wie der Atommüll hinuntergebracht wird, erklärt Lautsch. Doch genau vor diesen Emissionen während der Betriebsphase fürchten sich viele Menschen in Bleckenstedt. Einige misstrauen der BGE und der Politik. Sie glauben nicht, dass die Abluft ungefährlich ist. Thomas Lautsch kennt diese Sorgen. Und er betont, man begegne den Ängsten, indem man sie ernst nehme und durch Transparenz. Deshalb gebe es ja auch die Besucherführungen, die die Menschen aufklären und so die Furcht nehmen sollen.

Wohin mit dem Atommüll?

Der Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland ist längst beschlossen. Doch noch gibt es hierzulande kein Endlager für hochradioaktive Stoffe. Schacht Konrad, Deutschlands bisher einziges genehmigtes Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, ist heftig umstritten. Denn auch wenn Betreiber und Politiker anderer Meinung sind, viele Menschen - darunter Anwohner von Salzgitter-Bleckenstedt - finden es falsch, Schacht Konrad zum Endlager umzubauen.

Chronologie
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Das ehemalige Eisenerzbergwerk Schacht Konrad bei Salzgitter soll ein Endlager für Atommüll werden. Doch der Weg dahin ist lang - eine Chronologie. mehr

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Die Reportage | 12.01.2020 | 06:30 Uhr

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