Stand: 17.02.2019 08:30 Uhr

Ottenstein: Warum Schenken "top zufrieden" macht

von Julia Henke
Bürgermeister Manfred Weiner (CDU) steht an einem Feld bei Ottenstein. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte
Bürgermeister Manfred Weiner (CDU) ist "top zufrieden" mit der Aktion Gratis-Bauland für junge Menschen. (Archivbild)

Manfred Weiner ist ein Mann der Tat. Einer, der sich nicht dem Schicksal ausliefert - wie dem des demografischen Wandels. Diesen Eindruck jedenfalls erhält man, wenn man sich eine Weile mit dem Bürgermeister des Fleckens Ottenstein im Landkreis Holzminden unterhält. Als er im Januar 2015 den Haushaltsplan für seine Kommune erstellte, entwickelte er eine Idee. Eine Idee, auf die ein weltweites Echo folgen sollte: Ottenstein verschenkt Baugrundstücke an junge Menschen. Heute, vier Jahre später, stehen die ersten fünf Häuser, zwei weitere sollen in diesem Jahr fertig gestellt werden. Der 1.000-Seelen-Ort trotzt damit dem demografischen Wandel. Denn sechs der jungen Bauherren und -frauen sind mit ihren Kindern in den Flecken hoch über dem Wesertal gezogen.

Anfragen aus aller Welt nach falscher Übersetzung

Die Aktion machte schnell die Runde in den Medien - auch international, wie Weiner sagt. So habe er Anfragen aus der ganzen Welt erhalten. Jemand aus Australien habe ein 3.000 Quadratmeter großes Grundstück haben wollen. "Dort ist man einfach andere Dimensionen gewohnt", sagt Weiner. Auch aus Brasilien, Spanien und den Balkanstaaten hätten sich Interessenten gemeldet. Grund für das weltweite Interesse war laut Weiner eine falsche englische Version eines Artikels in der "Financial Times". Dort sowie in den sozialen Netzwerken der Zeitung sei verbreitet worden, dass Ottenstein Einwanderungsbehörde sei und ein Begrüßungsgeld von 10.000 Euro zahle. Allein aus den Balkanstaaten habe er daraufhin rund 750 Anfragen erhalten, so Weiner. Drei Familien seien direkt aus Bulgarien nach Ottenstein gekommen. Bauen konnten sie aufgrund fehlender finanzieller Mittel zwar nicht, aber laut Weiner sind sie trotzdem geblieben und leben inzwischen gut integriert im Ort.

Einwohner: "Dorfleben könnte nicht vorbildlicher sein"

Am Ende seien es rund 50 ernsthafte Interessenten für eines der zehn rund 800 Quadratmeter großen Grundstücke gewesen, so Weiner. Bei vielen sei der Hausbau aber an der Finanzierung gescheitert. So blieben die sieben übrig, die jetzt in Ottenstein wohnen oder bald dort hinziehen. Einer von ihnen ist Jan Hinrichs. Seit November wohnt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im Alter von drei Jahren und einem halben Jahr in seinem eigenen Neubau in Ottenstein. "Für die Kinder kann ich mir nichts besseres vorstellen", sagt Hinrichs, der selbst gebürtiger Ottensteiner ist und einige Jahre außerhalb des Fleckens lebte. Die kostenlosen Grundstücke hätten zur Entscheidung beigetragen, in Ottenstein zu bauen, so Hinrichs. Er und seine Frau seien glücklich in dem Ort. "Das Dorfleben könnte nicht vorbildlicher sein", sagt Hinrichs und verweist auf die zahlreichen Vereine. "Das schweißt so ein Dorf zusammen."

Gemeinde profitiert von Steuereinnahmen

Nicht zuletzt trage auch das große Engagement von Weiner, der seit 42 Jahren ehrenamtlich die Geschicke seines Fleckens leitet, zum intakten Dorfleben bei, sagt Hinrichs. Auch der Bürgermeister selbst ist mit dem vorläufigen Ergebnis der Aktion kostenloses Bauland "top zufrieden", wie er sagt. "Das war ein Erfolgserlebnis." Denn Ottenstein profitiert von seinen Neubürgern, die alle aus dem Umkreis kommen, gleich in mehrfacher Hinsicht: Allein für ein Haus nimmt Ottenstein jedes Jahr wesentlich mehr Geld an Grundsteuer und Einkommenssteuer ein, als es die Verpachtung des insgesamt ein Hektar großen Grundstücks je eingebracht hätte. Hinzu kommt das Geld, das der Flecken für jeden Einwohner aus dem kommunalen Finanzausgleich erhält. Zudem sind durch die hinzugezogenen Kinder der Erhalt von Krippe, Kindergarten und Grundschule gesichert.

Drei Grundstücke sind noch zu haben

Grundstücke in Ottenstein. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte
Fünf Häuser sind bereits gebaut, zwei weitere sollen 2019 fertig werden. (Archivbild)

Ob Weiner anderen Dörfern auch zu einer solchen Aktion raten würde? Das müsse jede Gemeinde selbst wissen, so Weiner. Ottenstein habe das Glück gehabt, dass das Bauland der Gemeinde gehörte. Außerdem gebe es im Umkreis viele große Arbeitgeber. Die übrigen drei Grundstücke will Ottenstein nun nicht mehr groß bewerben. Doch das Angebot des kostenlosen Baulands für junge Menschen gilt laut Weiner auch weiterhin. Bevor er Interessenten nach Ottenstein einlädt, schickt er sie jetzt aber erst zur Bank, um zu klären, ob sie einen Hausbau überhaupt finanziell stemmen können. Die endgültige Entscheidung darüber, wer den Zuschlag für das kostenlose Bauland erhält, fällt der Gemeinderat.

Auch die alten Menschen sollen bleiben können

Und Weiner? Der denkt bereits an ein neues Projekt. Nachdem er dafür gesorgt hat, dass junge Menschen nach Ottenstein kommen, denkt er nun an die Alten. Auf einem gemeindeeigenen Grundstück sollen eine Tagespflegeeinrichtung, Appartements für "betreutes Wohnen" für Senioren sowie ein Multifunktionshaus für die Dorfgemeinschaft entstehen. "Damit wir auch die alten Leute hier behalten können", so Weiner.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 24.05.2018 | 19:30 Uhr

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