Missbrauchsprozess in Göttingen: Mutter will sensibilisieren

Stand: 23.06.2021 07:30 Uhr

In Göttingen steht ein 50-Jähriger vor Gericht, weil er mehrere Kinder missbraucht haben soll. Eine Mutter berichtet, wie sie und ihre Tochter den Prozess erlebt haben.

von Lars Stuckenberg und Marie-Caroline Chlebosch

Als es im Frühjahr 2020 an der Haustür klingelt, ist Annette K. (Name von der Redaktion geändert) ahnungslos: "Wir waren zuhause und dann standen zwei Polizisten vor meiner Tür." Die Beamten betreten die Wohnung der Familie im Landkreis Northeim, gehen mit Annette K. ins Kinderzimmer, schließen die Tür. Was sie ihr dann berichten, ist ein Schock für die Mutter - es geht um ihre damals zwölfjährige Tochter und um den Verdacht des sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Polizisten sagen, der mutmaßliche Täter sei ein Bekannter der Familie.

Heute wird Urteil erwartet

Walter S. ist der Stiefvater einer Freundin des Mädchens. Auch diese ist ein mutmaßliches Missbrauchsopfer. Der Mann wird im März 2020 festgenommen, seit September vergangenen Jahres wird ihm vor dem Landgericht Göttingen der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 50-Jährigen teils schweren sexuellen Missbrauch vor, das Herstellen und den Erwerb von Kinderpornografie sowie die sexuelle Belästigung von Kindern. Heute soll das Urteil gegen den Mann aus dem Landkreis Northeim fallen. Annette K.s Tochter ist eines von fünf mutmaßlichen Opfern, an denen sich Walter S. vergangen haben soll.

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Ein Angeklagter bedeckt sein Gesicht mit einer Mappe. © dpa-Bildfunk Foto: Swen Pförtner

Sechs Jahre Haft für Walter S. wegen Kindesmissbrauchs

Das Landgericht Göttingen hat sein Urteil gefällt. Der Verurteilte S. hatte Kontakt zu Andreas V. aus Lügde. mehr

Mutter: "Sie hat sich verändert"

Noch immer versucht Annette K. zu verstehen, warum ihre Tochter sich ihr nicht anvertraut hat. "Sie hatte Angst, sagte sie, dass ich schimpfe. Sie hatte Angst, dass sie es provoziert hat, dass sie Schuld daran ist. Ich habe ihr gesagt, dass das nicht der Fall ist", erzählt die Mutter. Sie macht sich Vorwürfe. Denn wenn sie heute darüber nachdenkt, habe sie durchaus eine Veränderung im Verhalten ihrer Tochter wahrgenommen: "Sie hat nur noch Jacken getragen, nur noch Pullover, nur noch lange Sachen." Annette K. bemerkt auch, dass ihre Tochter sich immer mehr zurückzieht: "Vorher war sie ein lebenslustiges Mädchen, sie ist viel rausgegangen, hat sich mit Freunden getroffen, sie hat viel gelacht." Die Mutter schiebt damals die Verhaltensveränderungen auf die Pubertät.

Anwältin: "Viele Kinder schämen sich"

Die Geschichte der Familie ist kein Einzelfall, sagt Helen Wienands, die Anwältin der Familie. "Das passiert leider sehr häufig, dass die Kinder sich schämen, dass sie Sorge haben, es jemandem zu erzählen. Dass sie vielleicht Angst haben, auch dass man ihnen nicht glaubt, sodass es leider sehr häufig vorkommt, dass diese Kinder sich niemandem anvertrauen, was natürlich den mutmaßlichen Tätern dann in die Hände spielt."

130 Ermittlungsverfahren eingeleitet

In den Fokus der Ermittler ist Walter S. durch einen anderen großen Missbrauchsfall geraten – den Missbrauchskomplex Lügde. Walter S. soll Kontakt zu dem bereits wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs verurteilten Andreas V. gehabt haben. Eines der aktuell betroffenen Mädchen soll sogar von beiden Männern missbraucht worden sein. Im Missbrauchsfall Northeim stellte die Polizei 40 Datenträger mit kinderpornografischem Material sicher. Darunter auch Videos, in denen sich Walter S. mutmaßlich an einem Kind vergeht. Die Auswertung von Chatnachrichten belegt nach Angaben der Staatsanwaltschaft, dass er Kontakt zu weiteren Pädosexuellen gehabt haben soll. Insgesamt wurden von der Sonderkommission der Polizei Northeim 130 Verfahren eingeleitet.

Aussage vor Gericht ist für Kinder schwierig

Rechtsanwalt Steffen Hörning vertritt ein anderes mutmaßliches Opfer im Prozess. Er berichtet, wie schwierig es für die Kinder ist, vor Gericht auszusagen: "Es ist einfach auch in dem Verfahren phasenweise unerträglich gewesen, zu erleben, dass Kinder über einen langen Zeitraum nahezu täglich oder wöchentlich sexuell missbraucht worden sind - manche Kinder von mehreren Personen. Und dass diese Kinder natürlich am Tag X, wenn sie ihre Angaben in einem Prozess machen sollen, kaum noch in der Lage sind, diese Dinge im Einzelnen konkret abzurufen."

Erleichterung nach der Aussage

Annette K.s Tochter musste im September 2020 aussagen. Unzweifelhaft ein belastender Moment für das Mädchen. Annette K. erinnert sich aber auch ein Gefühl der Erleichterung bei ihrer Tochter: "Als sie aus dem Gerichtssaal rauskam, hatte sie ein Lächeln auf den Lippen. Das habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Ich fragte: 'Alles okay, hast du ausgesagt?' 'Ja, Mama, ich habe es geschafft. Ich habe es hinter mir.'" Erst danach konnte die Aufarbeitung mit einem Psychologen beginnen.

"Noch einmal nachfragen"

Der Alltag der Familie ist noch immer geprägt von den Erlebnissen, erzählt die Mutter. Ihre Tochter sucht Nähe, will viel kuscheln. Manchmal schreit sie aber auch scheinbar grundlos. Und noch eines ist der Mutter aufgefallen: Das Mädchen habe verlernt, "Nein" zu sagen. Schließlich habe auch der Täter ihr "Nein" nicht akzeptiert, so hat es ihr ihre Tochter erklärt. Annette K. hadert mit sich, fragt sich immer wieder, warum sie nicht früher bemerkt hat, dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimmt: "Es sind teilweise wirklich nur Kleinigkeiten, die auffallen. Kinder kommen nicht und sagen: 'Hier ist das und das passiert.' Aber dann gerade noch einmal nachfragen. Das ist es, was ich den Eltern mitgeben kann."

"Das hat er verdient"

Von dem Urteil am Mittwoch erwartet sich Annette K. ein Stück Gerechtigkeit für ihre Tochter: "Ich bin der Meinung, er hat das Weltbild der Kinder auch kaputtgemacht. Dafür muss er einfach bestraft werden. Und das nicht nur ein bisschen, sondern meiner Meinung nach schon in voller Härte. Das hat er verdient." Die Staatsanwaltschaft forderte sechs Jahre und neun Monate Haft, die Nebenklagevertreter acht Jahre und sechs Monate mit anschließender Sicherungsverwahrung.

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Ein Angeklagter hält sich einen Aktenordner vor das Gesicht. © NDR

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Hallo Niedersachsen | 23.06.2021 | 08:00 Uhr

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