Stand: 06.07.2020 07:10 Uhr

Missbrauchs-Anleitung im Darknet: Anzeige erstattet

von Amelia Wischnewski
Silhouette von einem Ewachsenen und einem Kind hinter einer Gardine. © Photocase Foto: Schiffner
Im Darknet gibt es eine Anleitung zum Missbrauch von Kindern. (Themenbild)

Marcel Jeninga aus Seesen (Landkreis Goslar) hat Anzeige erstattet. Seit Jahren kämpft er gegen Pädosexualität, nun ist er bei einer Online-Recherche auf ein PDF gestoßen, das es nicht geben sollte: eine Anleitung zum Kindesmissbrauch. Der anonyme Verfasser der Anleitung bezeichnet sich als überzeugten Pädophilen, gibt an, Psychologie studiert zu haben und aktualisiert das Dokument angeblich fortlaufend. Eigenen Angaben zufolge hat es 576 Seiten, Jeninga spricht sogar von einer Version mit 1.000 Seiten. Der Text kursiert im Darknet, einem verschlüsselten Bereich des Internets. Jetzt will Jeninga drei Links im frei zugänglichen Web gefunden haben, die zu der Anleitung führen.

VIDEO: Mann findet "Pädophilenanleitung" im Internet (8 Min)

US-Behörden warnten Eltern bereits 2012

Der Text liegt der Redaktion in Auszügen vor. Er ist klar strukturiert und liefert Definitionen zu verschiedenen sexuellen Ausprägungen. Er zeigt die Option auf, enthaltsam zu leben. Dann richtet er sich aber an Täter, die entschieden hätten, ihre Pädophilie "auszuleben". Gemeint ist damit, langfristige, sexuelle Beziehungen zu Kindern zwischen dem ersten und fünfzehnten Lebensjahr zu führen. Der Verfasser gibt Tipps, wie ein unerfahrener Ersttäter sich das Vertrauen von Kindern erschleichen kann, sollte er nicht bereits regelmäßigen Zugang zu einem Kind im näheren Umfeld haben. Er benutzt Begriffe wie "Romantik" und "Liebe", spricht aber auch von einer "Jagdsaison" und bezeichnet Kinder als "Beute". Auch die kindliche Anatomie spielt eine große Rolle - dazu Hinweise, wie einer Strafverfolgung bestmöglich entgangen werden kann. In den USA warnten Polizeibehörden Eltern bereits 2012 vor einem Buch, das kurzzeitig sogar auf Amazon zum Kauf angeboten wurde. Der Verfasser des aktuellen Textes gibt an, eine Fortsetzung dieses Buches geschrieben zu haben und bezieht sich positiv auf den damaligen Verfasser "The Mule".

Selbst Opfer geworden

"So eine Anleitung sollte es nicht geben, man sollte sie verbieten und den Besitz mit einer hohen Strafe belegen", fordert Marcel Jeninga. "In Großbritannien ist sie bereits seit 2015 verboten, in Holland könnte sie diesen Sommer verboten werden", so der gebürtige Niederländer. Die Familie Jeninga ist selbst betroffen. Ihr ehemaliger Nachbar, Geert B., hatte kinderpornografische Aufnahmen von der damals dreijährigen Tochter der Jeningas gemacht. Auf der Festplatte von B. fand die Polizei Tausende solcher Dateien, der Mann war polizeibekannt und mutmaßlich bereits über Jahrzehnte aktiv gewesen. Nach der Tat ist Jeninga mit seiner Familie nach Niedersachsen gezogen und engagiert sich nun auch in Deutschland gegen Kindesmissbrauch.

Verbot des Textes in Deutschland unwahrscheinlich

Die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internet- und Computerkriminalität (ZIT) in Frankfurt hat den Eingang der Anzeige gegen die Missbrauchs-Anleitung bestätigt. Das Prüfen des umfangreichen Dokuments wird voraussichtlich mehrere Wochen dauern. Die Verbreitung von unmenschlichen Gewalttaten - dazu zählt Kinderpornografie - steht bereits im Allgemeinen in Paragraf 131 des Strafgesetzbuches unter Strafe. Die Krux besteht in der Durchsetzung des Verbots: Der Verfasser ist anonym und wahrscheinlich kein Deutscher. Erschwerend kommt hinzu, dass es nicht reicht, den Text zu löschen. Sollte er auf einer Internetseite verschwinden, würde er vermutlich woanders wieder auftauchen.

Diskussion um Vorratsdatenspeicherung

Den oder die Verfasser zu identifizieren sei daher die eigentliche Aufgabe, sagt Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza. Für die CDU-Politikerin spielt die, in Deutschland nicht erlaubte, Vorratsdatenspeicherung dabei eine wichtige Rolle. "Man muss die Spuren, die ein solches Buch im Internet hinterlässt, verfolgen. Das kann man nur, wenn die Daten - also etwa IP-Adressen, Anschlusskennung, Portnummern - nicht sofort gelöscht werden", so Havliza. "Da hinken wir im Digitalen der analogen Welt massiv hinterher." Kritiker sehen in der anlasslosen Speicherung aller gesammelten Telekommunikationsdaten einen tiefen Einschnitt in demokratische und freiheitliche Grundrechte. Die wäre aber nötig, um unauffällige Täter im Nachhinein zu belangen. Ob Vorratsdatenspeicherung in diesem Fall allerdings helfen würde, ist fraglich, da der Verfasser des Textes mutmaßlich in den USA lebt.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 05.07.2020 | 19:30 Uhr

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