Stand: 17.12.2018 15:02 Uhr

Hebammen fehlen: Kreißsaal schließt fünf Tage

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Ab Sonnabendmorgen können Frauen im Kreißsaal des Helios Klinikums Gifhorn wieder Babys zur Welt bringen.

Fünf Tage lang wird es im Helios Klinikum Gifhorn keine Geburten geben. Von Montag bis Sonnabendmorgen um 6 Uhr bleibt der Kreißsaal geschlossen. Als Grund für diesen Schritt nennt die Klinik akuten Personalmangel. Generell gebe es zu wenige Hebammen, was an der Klinik zusätzlich durch Ausfälle wegen Krankheit und Schwangerschaft verschärft werde. Ein kurzfristiger Engpass sei deshalb nicht mehr zu kompensieren, teilte die Klinik bereits Mitte November mit. Das Haus hatte sich bislang erfolglos nach neuem Personal umgesehen. Die Klinik beteuerte, auch künftig die Geburtshilfe-Station aufrecht erhalten zu wollen. Um Hebammen dauerhaft für die Klinik zu gewinnen, zahlt der Konzern eine Startprämie von 5.000 Euro bei Neueinstellungen.

34 Geburtskliniken seit 2003 geschlossen

Vom Fachkräftemangel ist nicht allein die Klinik in Gifhorn betroffen. In ganz Niedersachsen fehlen Hebammen. Auch deshalb hat sich die Zahl der Geburtskliniken stark verringert. Konnten Schwangere im Jahr 2003 noch in 107 Krankenhäusern Babys zu Welt bringen, geht das jetzt nur noch in 73. Zum Jahresende werden auch das Krankenhaus Wittmund und das Pius-Hospital in Oldenburg ihre Kreißsäle schließen. Im fast 2.000 Quadratkilometer großen Landkreis Diepholz gibt es schon seit sieben Jahren keine Geburtsstation mehr. "Die Versorgung von werdenden Müttern in den Krankenhäusern ist gesichert, aber die Wege werden weiter", sagte der Verbandsdirektor der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG), Helge Engelke.

Ein Viertel der Hebammen geht bald in Rente

Sechs Hebammenstellen sind derzeit in den drei Geburtskliniken des Klinikums Region Hannover (KRH) in Gehrden, Großburgwedel und Neustadt am Rübenberge unbesetzt. "Frei werdende Stellen können nicht so schnell wieder besetzt werden, wie wir uns dies wünschen", sagte KRH-Sprecher Nikolas Gerdau. Er bezeichnete die Situation aber als stabil. Nach Angaben der Vorsitzenden des Landeshebammenverbandes, Veronika Bujny, müsste es pro 100 Geburten im Jahr eigentlich eine Vollzeitstelle für eine Hebamme geben. Im Moment komme eine Stelle aber auf 130 Geburten. Bujny prophezeit, dass sich der Personalmangel noch weiter zuspitzen wird. Denn in den kommenden acht Jahren gingen etwa ein Viertel der etwa 2.300 Hebammen in Niedersachsen in Rente.

Könnte der Bund die Geburtshilfe unterstützen?

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, rät NKG-Verbandsdirektor Engelke, die Ausbildung von Fachkräften zu stärken und attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen. Zudem müsse über eine andere Finanzierung der Geburtshilfe nachgedacht werden, etwa durch den Bund, so Engelke. Ende 2017 wurden landesweit 253 Hebammen an zehn Schulen ausgebildet, wie das Kultusministerium mitteilte. Dies seien 50 Plätze mehr als 2016 gewesen; Tendenz steigend. Außerdem will die Landesregierung nach Angaben des Wissenschaftsministeriums mehr Studienplätze für angehende Geburtshelferinnen schaffen. Die Hochschule Osnabrück bietet etwa einen Bachelorstudiengang mit 45 Anfängerplätzen an. Bujny vom Landeshebammenverband fordert: "Die Ausbildungszahlen müssen wir nahezu verdoppeln. Das muss rasch gehen."

Auch an Intensivpflegern mangelt es

Doch der Mangel an Hebammen ist nicht das einzige Problem. In den Kliniken fehlen auch Intensivpflegekräfte, die Frühchen und kranke Neugeborene behandeln. In diesem Jahr konnte die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) 298 schwerkranke Kinder aus anderen Kliniken nicht aufnehmen, weil Intensivpfleger fehlten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 17.12.2018 | 07:30 Uhr