Göttingen: Eine Festnahme nach Hochhaus-Krawallen
Nach Ausschreitungen an einem unter Corona-Quarantäne stehenden Hochauskomplex in Göttingen hat es eine Festnahme gegeben. Ein Tatverdächtiger wurde am frühen Sonntagabend auf dem Gelände wiedererkannt und festgenommen. Das teilte die Polizei am Montag mit. Der Mann sei zur Dienststelle mitgenommen und nach Feststellung seiner Personalien entlassen worden. Weitere Angaben machte die Polizei zunächst nicht. Bei den Krawallen hatten am Sonnabend zeitweise 200 der etwa 700 Bewohner versucht, eine Absperrung zu durchbrechen und dabei Polizisten attackiert. Acht Beamte wurden verletzt.
Keine weiteren Zwischenfälle am Sonntag
Eine geplante zweite Testreihe unter den Bewohnern wurde am Sonnabend abgebrochen und erst am Sonntag fortgesetzt - diesmal ohne Zwischenfälle, so die Polizei. In der Nacht war es demnach ruhig. Die Testergebnisse werden für den Abend erwartet. Die erneut negativ getesteten Bewohner dürfen laut Stadt den Komplex unter Auflagen verlassen. Dabei sind maximal Dreiergruppen zulässig, alle müssen einen Mund-Nasen-Schutz tragen und sich an- und abmelden. Die Stadt will nun verstärkt auf Informationen setzen. Bei Gesprächen am Sonnabend hätten Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) und Krisenstabschefin Petra Broistedt festgestellt, dass die Bewohner viele Fragen zu den Maßnahmen haben. "Viele wissen nicht, warum wir das machen", sagte Köhler etwa über die zweite Testreihe. Diese diene der Entlastung.
Ermittlungen gegen zahlreiche Bewohner
Die Lage habe sich am Sonnabend nach einigen kleineren Einsätzen zugespitzt. Einsatzkräfte seien mit Flaschen, Steinen, Metallstangen, Holzlatten und Pyrotechnik angegriffen worden, sagte Polizeipräsident Uwe Lührig am Sonntag in einer Pressekonferenz. Knapp 300 Beamte aus der Stadt und dem Umland seien im Einsatz gewesen, damit die Lage nicht weiter eskaliert. Die Polizei ermittele wegen schweren Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung. Inwiefern eine Demonstration gegen hohe Mieten in der Stadt in der Nähe des Hauses zur Eskalation beigetragen habe, könne er nicht eindeutig beurteilen, so Oberbürgermeister Köhler. Es habe jedoch Aufrufe aus der Gruppe der Demonstranten gegeben, sich aus der Anlage herauszubegeben. Insofern könne die Kundgebung "ein Faktor" gewesen sein, sagte der Oberbürgermeister.
Wohnungen maximal 37 Quadratmeter groß
Ihm sei bewusst, wie schwierig die Lage für die Bewohner sein müsse, sagte er weiter. Die Wohnungen in dem Komplex seien lediglich zwischen 19 und 37 Quadratmeter groß und teilweise wohnten darin Familien mit mehreren Kindern. Insgesamt leben dort laut Stadt rund 200 Minderjährige in prekären Verhältnissen. In diesem Zusammenhang richtete Köhler auch direkt Kritik an die Hausverwaltung: Die private Wohnungseigentumsanlage habe eine Verwaltung, deren Kompetenzen unklar seien.
Unterstützung mit Lebensmitteln und Spenden
Die Stadt versuche nun, die Situation der Menschen in dem Komplex zu verbessern. "Wir haben ein Arzt-, ein Versorgungszentrum, einen Informationsstand und liefern zweimal täglich kostenlos Essen und fertig gepackte Lebensmittel". Zudem gebe es viele Göttinger, die die Bewohner mit Spenden unterstützten. Stabschefin Broistedt zufolge sei das System der Verteilung zunächst nicht richtig bei den Bewohnern angekommen. Die Kommunikation über Dolmetscher, Plakate und Flyer habe sich als unzureichend herausgestellt und die Stadt sei dazu übergegangen, die Bewohner auf Deutsch und Rumänisch per Kurznachrichten auf ihren Handys zu informieren.
Quarantäne bis 25. Juni - vorerst
Die Stadt hatte die 700 gemeldeten Bewohner für sieben Tage unter Quarantäne gestellt - vorerst bis zum 25. Juni. Seit Donnerstag wurden bei knapp 120 Menschen Corona-Infektionen festgestellt, nachdem sich zwei Frauen angesteckt hatten. Erst im Mai war es im nur wenige Hundert Meter entfernten 18-geschossigen Iduna-Zentrum zu einem Corona-Ausbruch gekommen, weil nach Darstellung der Stadtverwaltung dort Mitglieder mehrerer Familien bei privaten Feiern die Hygiene- und Abstandsregeln verletzt hatten.