Ein Riesenhirsch-Knochen mit Verzierungen in zwei Ansichten. © Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege Foto: Volker Minkus

Knochen-Ritzerei in Einhornhöhle: "Morgendämmerung der Kunst"

Stand: 06.07.2021 17:25 Uhr

Für Forschende ein "Sensationsfund" und ein Hinweis auf ganz frühe Kunst: In der Einhornhöhle im Harz wurde ein offenbar von einem Neandertaler verzierter Riesenhirsch-Knochen gefunden.

Licht fällt in den Eingang einer Höhle. © dpa-Bildfunk Foto: Swen Pförtner
Der Knochen mit dem Muster wurde 2020 bei Grabungen im Eingangsbereich der Einhornhöhle gefunden.

Das Stück soll mehr als 51.000 Jahre alt sein und zeigt ein eingeritztes Winkel-Muster auf, das aus sechs Kerben besteht. Es zeige, "dass hier ein Plan, eine Intention hinter diesem Winkel-Muster steht", sagte Grabungsleiter Dirk Leder dem NDR in Niedersachsen. Die Möglichkeit, durch Symbole zu kommunizieren, mache den Neandertaler den Menschen sehr ähnlich. Vielleicht sollte mit den Symbolen auch Wissen vermittelt oder eine Geschichte erzählt werden, vermuten die Forscher.

Neandertaler mit "erstaunlich kognitiven Fähigkeiten"

Auf jeden Fall sei der Knochen verziert worden - und das lange bevor der Homo Sapiens nach Europa kam. "Dies spricht für eine eigenständige Entwicklung der kreativen Schaffenskraft des Neandertalers", sagte Archäologe Thomas Terberger: "Wir haben es hier, mit dem Beginn, mit der Morgendämmerung der Kunst zu tun." Der Knochen lasse sich auch hinstellen, unten gebe es ein Muster aus vier weiteren kurzen Kerben, fügte Archäologe Terberger hinzu. Der Fund sei ein Hinweis darauf, dass der Neandertaler ein ästhetisches Empfinden hatte und wohl über Symbole kommuniziert habe. Das weise daraufhin, dass Neandertaler schon erstaunliche kognitive Fähigkeiten aufwiesen, heißt es vonseiten der Uni Göttingen.

Schmuck bislang nur aus Frankreich bekannt

Das Forscherteam hat seine Erkenntnisse in der Fachzeitschrift "Nature Ecology and Evolution" veröffentlicht. Der Neandertaler, der genetisch nächste Verwandte des Menschen, galt lange als vergleichsweise primitiv. Bisher waren in Frankreich wenige von Neandertalern geschaffene Anhänger und Klauen als Schmuckobjekte gefunden worden sowie abstrakte Motive an Höhlenwänden in Spanien. Der Fund aus der Einhornhöhle sei eine der komplexesten bisher bekannten künstlerischen Ausdrucksformen von Neandertalern, schreibt auch die Londoner Forscherin Silvia Bello in einem Kommentar des Fachjournals.

Knochen ist mehr als 51.000 Jahre alt

Der Knochen war im vergangenen Jahr bei einer Grabung des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege unter Jagdbeute-Resten im Eingangsbereich der Einhornhöhle gefunden worden. Er lag mit der Verzierung nach unten, weswegen die Ritzerei erst beim Säubern des Stücks entdeckt wurde. Der Zehenknochen ist fast sechs Zentimeter lang, knapp vier Zentimeter breit und etwa drei Zentimeter dick. Wissenschaftler der Universität Kiel bestimmten mit der Radiokarbonmethode ein Alter von mehr als 51.000 Jahren. Damit ist der Fund viel älter als die rund 40.000 Jahre alten Schmuckobjekte aus Frankreich.

Riesenhirsch-Knochen bewusst für Schnitzerei gewählt?

Antje Schwalb von der Technischen Universität Braunschweig, die an dem Forschungs-Projekt beteiligt ist, geht davon aus, dass der Neandertaler den Knochen des Riesenhirschs bewusst für seine Schnitzerei gewählt hat. Das Geweih des Riesenhirsches hatte eine Spannweite von bis zu vier Metern.

Weitere Informationen
Klaus Meyer, ehrenamtlicher Höhlenforscher, legt bei Ausgrabungen an der Einhornhöhle zur Erforschung des Neandertalers einen Bärenknochen frei. © dpa - Bildfunk Foto: Swen Pförtner

Harz: Grabungen in Einhornhöhle gehen weiter

In der Einhornhöhle bei Scharzfeld, wo einst Neandertaler lebten, gehen die Grabungen weiter. Forscher wollen herausfinden, unter welchen Klima-Bedingungen Menschen im Harz lebten. (31.08.2020) mehr

Grabungsleiter Dirk Leder arbeitet in der Einhornhöhle im Zechstein-Dolomit im Harz an Grabungen. © NDR Foto: Eva Werler

Einhornhöhle: Forscher auf Spur der Neandertaler

Archäologen graben wieder in der Einhornhöhle im Südharz nach Gegenständen und Ablagerungen. Sie wollen das Leben des Neandertalers erforschen. Das Land fördert die Grabung mit 230.000 Euro. (17.07.2019) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 05.07.2021 | 17:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Ein klassischer analoger Impfpass steht neben einer Impfdosis und einer Spritze auf einem Tisch. Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Dwi Anoraganingrum/Geisler-Fotop © picture alliance / Geisler-Fotopress | Dwi Anoraganingrum/Geisler-Fotop Foto: Geisler-Fotopress

Hälfte der Niedersachsen vollständig gegen Corona geimpft

Laut RKI sind 50,6 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. 64,2 Prozent haben mindestens eine Impfung erhalten. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen