Der Verdächtige im Vermisstenfall "Maddie" McCann.

Fall "Maddie": Ermittlungen gegen Christian B. laufen weiter

Stand: 03.06.2021 08:39 Uhr

Hat sich die Staatsanwaltschaft Braunschweig zu weit aus dem Fenster gelehnt, als sie vor einem Jahr einen Verdächtigen im Fall "Maddie" präsentierte? Bisher hat sie den Mann nicht angeklagt.

von Claudia Gorille

Hans Christian Wolters von der Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt ein Statement vor Mikrofonen ab. © NDR
Christian Wolters, Sprecher der Staatsanwaltschaft Braunschweig, teilt am 3. Juni 2020 mit, dass es einen konkreten Verdacht im Fall "Maddie" gebe.

Der Fall der damals dreijährigen Madeleine McCann, die im Mai 2007 aus einer Ferienanlage in Portugal verschwand, hatte weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Jahrelang suchten Scotland Yard und die portugiesische Polizei erfolglos nach dem verschwundenen Kind. Im Juni 2020 rückt die Staatsanwaltschaft Braunschweig wie aus dem Nichts einen Verdächtigen in den Fokus. Christian Wolters, Sprecher der Staatsanwaltschaft Braunschweig, nennt keinen Namen. Doch aus den wenigen Angaben finden Medien heraus: Bei dem Unbekannten handelt es sich um Christian B.

Kriminalanalyst kritisiert Staatsanwaltschaft: Vorgehen "inakzeptabel"

Ein Jahr später ist noch immer keine Anklage gegen Christian B. erfolgt. Das sei inakzeptabel, kritisiert der Kriminalanalyst Mark T. Hofmann. "Vor die Kameras der Weltöffentlichkeit zu gehen und zu sagen, wir wissen, wer es ist, dann aber keine Beweise zu liefern, das ist schon eine ungewöhnliche Strategie und wird den Persönlichkeitsrechten des Beschuldigten nicht ganz gerecht", so Hofmann gegenüber dem NDR in Niedersachsen.

Staatsanwaltschaft weist Vorwürfe zurück

Behördensprecher Wolters sieht das anders und verweist zum Vergleich auf laufende VW-Verfahren. "Die haben in den Jahren 2015 und 2016 begonnen, da laufen die Ermittlungen immer noch. Da sind zwar Anklagen erhoben worden, aber da ist es auch so, dass Beschuldigte mit dem Verdacht seit Jahren leben müssen. Das ist sicherlich nicht wünschenswert, lässt sich aber nicht vermeiden", so Wolters. Auch habe die Staatsanwaltschaft bewusst nicht den Namen des Verdächtigen genannt oder Lichtbilder veröffentlicht und sich damit sehr viel Mühe gegeben, die Persönlichkeitsrechte des Verdächtigen zu wahren.

Verteidiger recherchiert vor Ort in Portugal

Der 44-jährige Christian B. verbüßt derzeit in der Justizvollzugsanstalt in Wolfenbüttel eine Haftstrafe wegen Vergewaltigung einer Amerikanerin in Portugal. Einer seiner beiden Verteidiger, Friedrich Sebastian Fülscher, kritisiert, dass er noch immer keine Akteneinsicht erhalten hat. "Ich kann nicht einsehen, auf welcher Tatsachengrundlage ein Vorwurf gemacht wird", sagt Fülscher. Die Staatsanwaltschaft begründet die derzeitige Geheimhaltung damit, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien. "Außerdem sehen wir die Gefahr, dass einzelne Ermittlungshandlungen gefährdet sein könnten, wenn wir jetzt Akteneinsicht gewähren", so der Sprecher. Verteidiger Fülscher recherchiert derweil vor Ort. Zweimal sei er in Portugal gewesen und habe sich mit einstigen Weggefährten von Christian B. getroffen. "Ich halte es für unmöglich, ein solches Verfahren zu verteidigen, ohne sich einen Eindruck von den örtlichen Gegebenheiten zu machen", so Fülscher.

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"Keine Beweise, keine Leiche, keine Leichenteile"

In diesem Jahr wäre Maddie 18 Jahre alt geworden. Scotland Yard veröffentlichte in den sozialen Medien ein Bild, wie das Mädchen heute aussehen könnte und fragt die Öffentlichkeit: "Haben Sie mich gesehen?". Der Zeugenaufruf ist in mehreren Sprachen verfasst. Deutsche Ermittler gehen dagegen davon aus, dass Maddie nicht mehr lebt. "Wir haben keine forensischen Beweise, keine Leiche, keine Leichenteile. Aber wir haben Beweismittel, die für uns keinen anderen Schluss zulassen, als dass Maddie tatsächlich von unserem Beschuldigten getötet worden ist", sagt Wolters. Er könne verstehen, dass sich die Eltern an den Strohhalm Hoffnung klammerten, solange keine sterblichen Überreste von Maddie gefunden worden sind.

Ein Screenshot zeigt eine Vermisstenanzeige mit einem Altersprogressions-Bild der verschwundenen Madeleine McCann. © www.findmadeleine.com
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Eltern hoffen weiter auf Lebenszeichen

Die Eltern von Maddie hoffen immer noch auf ein Wiedersehen. Die Erinnerung an die "verlorenen oder gestohlenen Jahre" ohne ihre Tochter sei diesmal "besonders schmerzlich, da wir eigentlich Madeleines 18. Geburtstag feiern sollten", erklärten Kate und Gerry McCann wenige Tage vor Maddies Geburtstag am 12. Mai. Doch gäben sie die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht auf, "und sei sie noch so gering". Auf ihrer Internetseite "findmadeleine.com" gratulierten sie ihrer Tochter zum 18. Geburtstag.

Entlastende Beweise zugunsten von B. gibt es bisher nicht

Das Medienecho auf die Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft am 3. Juni 2020 war gewaltig. Seit dem seien mehr als 1.000 Hinweise eingegangen, bilanziert Sprecher Wolters. Eine Gruppe von Sonderermittlern beim Bundeskriminalamt sei ununterbrochen damit beschäftigt, diese zu prüfen. "Manche Hinweise haben uns richtig weiter gebracht", sagt Wolters. Aber: Eine Anklage sei noch nicht in Sicht. "Wie lange wir noch ermitteln, das ist nicht abzusehen. Ich persönlich gehe davon aus, dass es noch einige Monate dauern wird. Es kann auch sein, dass wir bis ins nächste Jahr kommen." Wolters betont, die Ermittlungen seien ergebnisoffen, es werde nicht einseitig ermittelt. Hinweise, die Christian B. entlasteten, seien bislang allerdings nicht gefunden worden.

Christian B. steht zudem in Verdacht, eine Frau aus Irland 2004 in Portugal vergewaltigt und zwei Kinder in Portugal sexuell belästigt zu haben. Die Ermittlungen in diesen Fällen seien ebenfalls langwierig und schwierig. Ob und wann es zu Anklagen kommt, konnte Wolters nicht abzuschätzen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 03.06.2021 | 08:00 Uhr

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