Stand: 28.08.2019 12:15 Uhr

Von Porsche bis VW: Ein Leben für das Auto

Nach dem Tod des früheren VW-Chefs Ferdinand Piëch würdigen zahlreiche Wegbegleiter den Ingenieur und Unternehmer. Piëch war am Sonntag im Alter von 82 Jahren gestorben. In einer Mitteilung schrieb seine Witwe Ursula Piëch, dass die Beisetzung im engsten Familienkreis stattfinden werde. Weiter heißt es dort: "Das Leben von Ferdinand Piëch war geprägt von seiner Leidenschaft für das Automobil und für die Arbeitnehmer." Er sei bis zuletzt ein begeisterter Ingenieur und Autoliebhaber gewesen. Piëch hinterlasse eine große Familie mit 13 Kindern und mehr als doppelt so vielen Enkelkindern.

VIDEO: Ferdinand Piëch - ein Patriarch tritt ab (15 Min)

Reaktionen: "Technisch brillant" und perfektionistisch

In den Reaktionen auf den Tod zeigen sich vor allem Ehrfurcht und Respekt für den technikbegeisterten, autoverliebten Manager, der VW zu einem Konzern von Weltrang gemacht habe. "Ferdinand Piëch war mutig, unternehmerisch konsequent und technisch brillant", sagte der derzeitige Vorstandsvorsitzende Herbert Diess. Er sei verantwortlich für Innovationen wie den TDI-Motor und den Quattro-Allradantrieb und habe "Qualität und Perfektion bis ins Detail in den Automobilbau gebracht". Für Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) ist Ferdinand Piëch einer der großen Unternehmer in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Er habe sich um Volkswagen und damit auch um Niedersachsen große und bleibende Verdienste erworben.

Osterloh: "Ohne Piëch nicht da, wo wir stehen"

VW-Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh sagte: "Volkswagen stünde ohne Ferdinand Piëch nicht da, wo wir jetzt stehen. Dafür schulden wir ihm unseren Dank und unsere Anerkennung." Der frühere Bundespräsident Christian Wulff bezeichnete Piëch als uneigennützigen Manager. "Ich habe mich bei allen Aufs und Abs über die Jahre hinweg überzeugen können, dass es ihm stets um den Konzern VW und nicht die Verfolgung von Eigeninteressen ging", sagte Wulff, von 2003 bis 2010 niedersächsischer Ministerpräsident und damit im Aufsichtsrat von VW vertreten.

2015 zieht sich Piëch zurück

Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender, lange Jahre Ziehsohn des Patriarchen und 2015 vorläufiger Sieger im Kampf zwischen ihm und Piëch um die Macht im Konzern, würdigte den Verstorbenen als "jahrzehntelangen Förderer und Wegbegleiter". Die gemeinsame Arbeit sei stets freundschaftlich und inspirierend gewesen. "Für seine Unterstützung war und bin ich ihm sehr dankbar", sagte Winterkorn. Wolfgang Porsche, Sprecher der Familie Porsche, nannte seinen Cousin einen außergewöhnlichen Manager und Auto-Enthusiasten, der er zeitlebens war. "Mit meinem Cousin verbinden mich viele gemeinsame Erinnerungen. Im Mittelpunkt stand dabei das Ringen um das Erbe unseres Großvaters Ferdinand Porsche, das wir erfolgreich weitergeführt haben." Ein Ringen war es zuletzt tatsächlich: Im Jahr 2015 distanzierte sich die Familie, die Anteile am VW-Konzern hält und im Aufsichtsrat sitzt, von Piëch. Der hatte sich unerwartet als Aufsichtsrats-Chef gegen Winterkorn gestellt, den Machtkampf letztlich aber verloren und sich zurückgezogen.

Mächtiger Strippenzieher hinter den Kulissen

Piëch wurde am 17. April 1937 in Wien geboren. Er war der Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche. Später studierte er Maschinenbau und arbeitete in der Folge bei Porsche. Anschließend wechselte er zu Audi, wo er es bis zum Vorstandsvorsitzenden brachte. 1993 ging er nach Wolfsburg und prägte über viele Jahre die Geschicke des Volkswagen-Konzerns. Zunächst als Vorstandsvorsitzender von 1993 bis 2002. Anschließend saß er bis zum besagten Jahr 2015 dem Aufsichtsrat vor - als maßgeblicher Protagonist der Familien Porsche und Piëch, der VW-Großaktionäre. Dabei galt Piëch als mächtiger Strippenzieher hinter den Kulissen. Der detailversessene Autoliebhaber lenkte das immer größer werdende VW-Imperium schließlich zusammen Konzernchef Winterkorn mit strenger Hand, ehe er sich von seinem Lebenswerk entfremdete. Im Jahr 2015 dann die folgenschwere Äußerung, er sei "auf Distanz" zu Winterkorn.

Piëchs System der Angst

Kritiker sehen in der unter Piëch etablierten Führungskultur, die von Winterkorn übernommen wurde, einen Grund für den Dieselskandal, der die Existenz von Volkswagen vor fast vier Jahren in Gefahr brachte. Durch den von Piëch eingeführten Managementstil konnte nach Ansicht von Kritikern über viele Jahre ein System der Angst entstehen, in dem Ingenieure lieber manipulierten, als zugaben, dass Abgasgrenzwerte nicht eingehalten werden konnten. Wie er über die Konkurrenz dachte, zeigen folgende Sätze von ihm: "Immer wenn Krieg ist, sind am Ende weniger vorhanden und es gibt immer Gewinner und Verlierer. Und ich habe die Absicht, mit unseren Partnern, die VW in der ganzen Welt hat, der Sieger zu sein." Erst 2017 besiegelte Piëch mit dem Verkauf eines Großteils seiner Stammaktien seinen Ausstieg aus dem Volkswagen-Imperium.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 27.08.2019 | 15:00 Uhr

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