Europaweiter Anlagebetrug: Kunden erleiden Millionenschaden

Stand: 28.10.2021 10:50 Uhr

Gemeinsam haben Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaften in Braunschweig, Göttingen und Rostock ein Netzwerk von Online-Anlagebetrügern ausgehoben. Diverse Internet-Plattformen wurden gesperrt.

Fast zwei Jahre lang dauerten die Ermittlungen zu dem gewerbsmäßigen Anlagebetrug über Internet-Plattformen, bevor Ermittler in der vergangenen Woche europaweit zuschlugen. Mario Krause, Leiter des Fachkommissariats Cybercrime in Braunschweig, sprach auf einer Pressekonferenz der beteiligten Behörden von "Zehntausenden Opfern" die "vermutlich mehrere Hundert Millionen Euro verloren" hätten. Schätzungen zufolge sei durch die mehr als 170 Plattformen eines IT-Unternehmens aus der Ukraine ein Gesamtschaden von 500 Millionen Euro pro Jahr entstanden, sagte der Leitende Ermittler aus Rostock, Martin Schmidtke. Durch die Abschaltung der vermeintlichen Handelsplattformen seien mehrere Zehntausend Anleger vor weiteren Schäden bewahrt worden.

Hilfe für Geschädigte über Hotline und LKA-Internetseite

Bislang sei allein in Deutschland ein Vermögensschaden von etwa 15 Millionen Euro nachgewiesen, hieß es auf der Pressekonferenz. Für die Geschädigten hat die Polizei eine Telefonhotline unter der Rufnummer (0531) 476 25 25 geschaltet, über die sie erfahren, was sie unternehmen können. Weitere Hinweise erhalten sie auch über die Internetseite des Landeskriminalamts Niedersachsen www.polizei-praevention.de Dort sind unter anderem die Plattformen des Netzwerks gelistet, die den Ermittlungsbehörden bislang als kriminell bekannt sind.

Geschädigte werden beim Anmelden informiert

Einigen Geschädigten, die sich in ihrem Benutzerkonto der betrügerischen Plattformen anmelden wollen, werde ein Sperrbanner angezeigt, sagte Mario Krause, Leiter des Fachkommissariats Cybercrime in Braunschweig. Neben Informationen stehe für sie ein Geschädigten-Formular zum Download bereit. Dieses sollen sie ausfüllen und damit zu ihrer örtlichen Dienststelle gehen, wo sie Anzeige erstatten können, so Krause.

FX-Leader: Kunden unerlaubt mit Prominenten gelockt

Im Fokus der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Göttingen stand nach Angaben von Staatsanwalt Manuel Recha ein Ermittlungsverfahren gegen das Unternehmen FX-Leader. Es habe den Handel mit binären Optionen, also hochspekulativen Finanzderivaten, vorgetäuscht. Das Unternehmen habe über Online-Anzeigen, in denen auch unbefugterweise mit Prominenten wie beispielsweise Günther Jauch geworben wurde, Kunden auf die eigene Webseite gelockt. Dort erstellten Kunden dann laut Recha ein Profil und starteten in der Regel mit einer Investition von 250 Euro. Ein Finanzberater habe sie dann zu höheren Investitionen animiert. Eine Auszahlung der Investitionen sei nie erfolgt. "Viele Kunden dürften sich noch gar nicht darüber bewusst sein, dass sie getäuscht wurden", sagte Recha.

Personen der Führungsebene wurden ermittelt

Die mutmaßlichen Täter gingen laut Recha arbeitsteilig vor. Ein Teil sei für die Technik, ein anderer für die Kundenakquise und ein dritter für die Geldwäsche zuständig gewesen. Den Ermittlern sei es gelungen, Personen zu ermitteln, die der Führungsebene zuzuordnen seien. Die Spuren hätten nach Bulgarien, Zypern und in die Ukraine geführt. Dort schlugen die Einsatzkräfte aus Braunschweig, Göttingen und Rostock dann am vergangenen Mittwoch beim sogenannten ActionDay zu. Mehr als 100 Einsatzkräfte waren an der Aktion beteiligt. Unterstützt wurden sie von Europol, Eurojust und Spezialkräften der jeweiligen Länder. Durchsucht wurden unter anderem Firmensitze, Anwaltskanzleien und Callcenter. Das Auswerten der Beweismittel werde erhebliche Zeit in Anspruch nehmen, sagte Recha.

Mutmaßlicher Hintermann auf Zypern festgenommen

Die mutmaßlichen Täter seien auf frischer Tat erwischt worden, sagte Cybercrime-Fachbereichsleiter Krause. Ein mutmaßlich entscheidender Hintermann sei auf Zypern festgenommen worden, inzwischen sei er nach einer Kautionszahlung aber wieder auf freiem Fuß. Die Ermittler gehen laut Krause davon aus, dass er für die Verschleierung der Finanzströme und die Bezahlung der Infrastruktur von FX-Leader verantwortlich ist. Die deutschen Ermittler haben in Zypern die Auslieferung des Beschuldigten beantragt. In Bulgarien seien zwei Callcenter durchsucht worden. Durch schlagartiges Eindringen in die Gebäude hätten die Ermittler Zugriff auf unverschlüsselte Computer und Daten gehabt. Dabei seien aktive Kundendatenbanken gefunden worden.

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IT-Unternehmen in der Ukraine als Schnittstelle

Zeitgleich dazu fanden im Auftrag der Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizeiprävention Rostock auch in der Ukraine Durchsuchungen statt. Die Ermittlungen konzentrierten sich laut dem Leiter der Kriminalpolizeiinspektion Rostock, Sandro Münse, auf ein IT-Unternehmen, das im Verdacht steht, unterschiedliche Trading-Plattformen erstellt und betrieben zu haben. Laut Oberstaatsanwalt Harald Nowack konnten mehr als 100 Plattformen ermittelt und abgeschaltet werden. Das IT-Unternehmen stellt laut dem Leitenden Ermittler Martin Schmidtke eine Schnittstelle zwischen Auftraggeber, Callcenter-Betreiber und Geldwäschesystem der Kriminellen dar. Allein durch eine Plattform des Unternehmens sei innerhalb von 14 Monaten weltweit ein Schaden von knapp 6,1 Millionen US-Dollar entstanden. In Deutschland seien knapp 1.000 Geschädigte ermittelt worden, die einen Schaden von 2,4 Millionen Euro erlitten hätten.

Ausgangspunkt: Anzeigen in Göttingen und Rostock

Die weitreichenden Ermittlungen waren durch Anzeigen von geschädigten Anlegern aus dem Raum Göttingen und Rostock ins Rollen gekommen. Das Opfer aus Niedersachsen investierte nach Angaben von Staatsanwalt Recha 250.000 Euro bevor ihm der Betrug aufgefallen sei. Durch ein schnelles Einschreiten der Ermittlungsbehörden habe ein Teil des Geldes gesichert werden können. Oberstaatsanwalt Nowack aus Rostock ermahnte Anleger, sich genau über eine Plattform zu informieren bevor sie dort ihr Geld anlegten.

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Markt | 01.11.2021 | 20:15 Uhr

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