Stand: 16.05.2020 19:17 Uhr

Corona: Heute gelockert - morgen wieder gelocked?

Eine Markierung auf dem Fußboden im Kassenbereich einer Ikea-Filiale weißt auf einen Mindestabstand von 1,5 Metern hin. © picture alliance/APA/picturedesk.com Foto: Helmut Fohringer
Die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus zeigen Forschern zufolge Wirkung. Eine Entwarnung ist das nicht. (Themenbild)

Die Einschränkungen im öffentlichen Leben zur Eindämmung des Coronavirus sind effektiv: Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler aus Göttingen. Die Forschenden des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) sowie der Universität Göttingen berechnen den zu erwartenden Verlauf des Infektionsgeschehens. "Unsere Analyse zeigt deutlich die Wirkung der unterschiedlichen Maßnahmen, die letztendlich gemeinsam eine starke Trendwende gebracht haben", so Viola Priesemann, Forschungsgruppenleiterin am MPIDS. Doch die Wissenschaftler geben keine Entwarnung: Eine zweite Welle sei durchaus möglich.

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Exponentielles Wachstum gebrochen

Untersucht wurden dem Institut zufolge vor allem drei große Einschnitte im März: die Absage von Großveranstaltungen, die Schließung von Schulen und Kitas sowie vielen Geschäften und schließlich die weitreichende Kontaktsperre. Den Computermodellen zufolge haben diese Schritte die Ausbreitung des Virus gebremst, um das exponentielle Wachstum schließlich zu brechen. Soweit die gute Nachricht.

Auswirkungen zeigen sich erst Wochen später

Nähert sich die Pandemie damit ihrem Ende, zumindest in Deutschland? Das ist nach Auffassung der Göttinger Wissenschaftler keinesfalls gesichert. Was nach einer Anpassung der Corona-Regeln mit den Infektionszahlen passiert, zeigt sich bekanntermaßen erst mit Verzögerung. Noch ist daher völlig unklar, wie sich die jüngsten weitreichenden Lockerungen auswirken werden. "Die ersten Effekte der Lockerungen vom 20. April sehen wir erst seit Kurzem in den Fallzahlen", erklärt Michael Wilczek, Forschungsgruppenleiter und Mitautor der Studie. "Und bis wir die Lockerungen vom 11. Mai bewerten können, müssen wir ebenfalls zwei bis drei Wochen warten." Täglich werten die Forschenden den Angaben zufolge die neuen Zahlen aus, um abzuschätzen, ob eine zweite Welle zu erwarten ist.

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Neuinfektionen: Gefahr neuer Welle auch bei konstanten Zahlen

Das Team hat drei mögliche Szenarien entworfen: Die Zahl der Neuinfektionen sinkt weiter, sie bleibt konstant oder sie steigt an. "Falls sich mit den Lockerungen vom 11. Mai die Ansteckungsrate verdoppelt, ist mit dem Start einer zweiten Welle zu rechnen", heißt es vom MPIDS. Sei die Ansteckungsrate hingegen etwa genauso hoch wie die Genesungsrate, bleibe die Anzahl täglicher Neuinfektionen ungefähr konstant. Auch dann bestehe aber die Gefahr einer neuen Welle. 

Für den besten Fall muss noch viel getan werden

Im optimistischsten Modell gehen die Zahlen nach unten. Dieses Ziel kann nach Ansicht von Viola Priesemann nicht ohne weitere Anstrengungen erreicht werden: "Wenn alle Personen weiterhin sehr vorsichtig sind, die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter effektiv greift und gleichzeitig alle neuen Infektionsherde früh aufgespürt und eingedämmt werden, dann können die Fallzahlen weiterhin sinken", sagt die Physikerin. "Wie genau sich die Zahlen in Zukunft entwickeln, hängt also entscheidend von unserem Verhalten, dem Einhalten von Abstandsempfehlungen und den Hygienemaßnahmen ab."

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Die drei Modellszenarien im Detail

  • Optimistisches Szenario

Im optimistischen Szenario wird angenommen, dass trotz gelockerter Restriktionen kein Anstieg der Ansteckungsrate erfolgt. Diesem Szenario liegt die Überlegung zugrunde, dass die Kontaktnachverfolgung und das Aufspüren neuer Infektionsherde so erfolgreich sein könnte, dass sie die Ausbreitung zurückdrängen, obwohl die Maßnahmen gelockert wurden.

  • Neutrales Szenario

Im neutralen Szenario wird angenommen, dass die Reproduktionszahl etwa bei R=1 liegt (dass eine infizierte Person im Schnitt eine weitere Person ansteckt, Anm. d. Red.). Dieses Szenario könnte abbilden, dass die Kontakte zwar erhöht werden, aber gleichzeitig die Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen und auch die Kontaktnachverfolgung dafür sorgen, dass es nicht zu viele Übertragungen gibt. Die Zahl der Neuinfektionen könnte dann nahezu unverändert bleiben. Mit jeder Änderung des Kontaktverhaltens riskiert man jedoch eine neue Welle.

  • Pessimistisches Szenario

Im pessimistischen Szenario wird angenommen, dass sich die Infektionsrate in etwa verdoppelt. Das kann durch eine Verdopplung der Kontakte auf der Arbeit, im öffentlichen Raum und im Freundeskreis geschehen. Ebenso kann weniger Vorsicht bei den einzelnen Kontakten dazu beitragen. Bei einer Verdopplung der Infektionsrate kommt es zu einem erneuten exponentiellen Anstieg. Bis Juli wären dann wieder rund 6.000 Neuinfektionen pro Tag zu verzeichnen.

Quelle: Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 18.05.2020 | 06:30 Uhr

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