Stand: 09.05.2017 16:00 Uhr

Braunschweigs Tauben sind verschwunden

Tausende Tauben sind in Braunschweig verschwunden. Einfach so. Während im Jahr 2004 noch 5.400 Tiere gezählt wurden, waren es bei der letzten Erhebung vor vier Jahren nur noch 300. Anderswo würde das als glänzender Erfolg von Anti-Tauben-Maßnahmen gefeiert. Und auch die Stadtverwaltung in Braunschweig sieht sich in ihrem Fütterungsverbot bestätigt. Doch in der Stadt sind längst nicht alle glücklich über diese Entwicklung: Die Grünen fordern Vergrämungsmaßnahmen gegen Tauben zu überdenken und pochen auf die Einführung eines Stadttauben-Managements mit Taubenschlägen und artgerechter Fütterung. In anderen deutschen Städten hat solch ein kontrollierter Umgang mit den Tieren bereits Wirkung gezeigt.

Das harte Leben der Stadttaube

Blutiger Stumpf statt Taubenkopf

Beate Gries wird manchmal ganz anders, wenn sie durch die Fußgängerzone läuft. Als Tierschützerin und Mitglied der Initiative Stadttiere Braunschweig schaut sie regelmäßig nach dem Zustand der Tauben der Stadt. Was sie findet, kommt dann oft einem Gruselkabinett gleich: Manchen Tiere haben sich Fäden um die Füße gewickelt. Sie stammen hauptsächlich von menschlichem Abfall: Garn von Textilien, Haare aus Friseurläden, Drähte, Kunststoffnetze. Sie schneiden sich so tief ein, dass die Zehen absterben und abfallen. Ab und an findet Gries auch mal ein verendetes Tier mit blutigem Stumpf statt Kopf auf den Schultern. Wer so etwas macht, will sie sich dann am liebsten gar nicht vorstellen. "Greifvögel beißen den Tauben jedenfalls nicht einfach nur den Kopf ab", sagt die Tierschützerin. In jedem Fall seien Stadttauben bei vielen Menschen nicht besonders beliebt. Manch einer würde sie am liebsten ganz verschwunden sehen. Um das zu erreichen gibt es mittlerweile ein ganzes Arsenal an Anti-Tauben-Mitteln für jedermann: Netze, Stacheln für Dächer und Fenstersimse, Klebepasten, Elektrodrähte.

Striktes Fütterungsverbot

"Tierschutzwidrig" nennt Beate Gries die allermeisten dieser Methoden. Doch sogar die Stadt Braunschweig setzt auf Vergrämung, etwa an historischen Gebäuden. "So etwas wie Stacheln sind ja noch vertretbar", sagt Beate Gries - zumindest solange sie nachgeben und die Tiere nicht aufspießen. In der Hauptsache aber setzt Braunschweig, wie die meisten niedersächsischen Kommunen, auf ein striktes Fütterungsverbot. Laut Stadtverwaltung ist es der Hauptgrund für den Rückgang der Tauben-Population. Die Zahl der Stadttauben unter Kontrolle zu halten sei unter anderem wichtig, um die Verbreitung von Krankheitserregern einzudämmen, heißt es von dort. Ulrich Thüre vom Naturschutzbund (NABU) in Niedersachsen sieht das anders: Sich eine Infektion bei Tauben zu holen sei eine "sehr, sehr abstrakte Gefahr." Für Beate Gries, die auch für die Grünen im Braunschweiger Stadtrat sitzt, blieb trotzdem die Frage offen: Wohin sind die mehrere Tausend Tauben verschwunden?

Taube.

Deutlich weniger Stadttauben in Braunschweig

Hallo Niedersachsen -

Nur noch 300 Tauben statt 5.000 - das hat die neueste Zählung in Braunschweig ergeben. Die Stadt sieht keinen Grund zur Besorgnis - im Gegensatz zu einigen Tierschützern.

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Tausende Vögel weggezogen oder verhungert?

Als sie einmal bei der Verwaltung fragte, habe man ihr gesagt: Die sind ins Umland abgewandert. Die Logik: Können sich Stadttauben nirgends niederlassen und mangelt es an Nahrung, müssten sie woanders hinziehen. Für Beate Gries ist das Unfug."Unsere Stadttauben stammen ursprünglich von Zucht- und Brieftauben ab, die aus Felsentauben gezüchtet wurden", sagt die Tierschützerin. Und denen sei die Standort-Treue angezüchtet worden. Gries: "Die ziehen nirgends hin, die sind verhungert." Auch Ulrich Thüre vom NABU sagt, dass die heutigen Stadttauben eine geringe Wanderbereitschaft entwickelt hätten. Etwas anders sieht das der Biologe Jan Dams vom Weltvogelpark Walsrode. Er meint, dass die Tiere durchaus ausgewichen sein könnten: "Wären Tauben so blöd und blieben ohne Futter am selben Platz, wären sie kaum so lange erfolgreich geblieben." Doch Beate Gries ist von ihrer These überzeugt: Die verbliebenen Tauben fänden allenfalls etwas Futter in menschlichem Abfall. Der Rest der Braunschweiger Tauben sei in Massen eingegangen. Das gelte auch für die Jungen. Denn Stadttauben, sagt sie, würden auch bei Hunger brüten. An Nahrung komme der Nachwuchs derweil nicht. Gries fordert deswegen ein Einlenken der Stadt.

Tauben-Management: weniger Vögel und weniger Durchfall

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Viele Stadttauben sind verwilderte Brieftauben - gut zu erkennen an den beringten Füßen.

Ihr Vorschlag: Ein sogenanntes Stadttauben-Management. Dabei würde die Kommune in bestimmten Bereichen betreute Taubenschläge errichten. Dort können sich die Tiere niederlassen und brüten. Außerdem bekommen sie dort Futter und werden tiermedizinisch betreut. Der Vorteil liegt für Gries auf der Hand: Die Tauben verrichten ihr Geschäft im Taubenschlag und nicht mehr auf öffentlichen Plätzen. Dazu bestünde das Futter aus artgerechten Körnern und Hülsenfrüchten: "Der Kot ist dann natürlich klein und rund und kein matschiger Durchfall, wie er vom Verzehr menschlicher Abfälle kommt", sagt Gries. Außerdem könne man so den Bestand der Tauben effektiv kontrollieren: Eine bestimmte Zahl von Taubeneiern wird durch Kunststoff- oder Gips-Attrappen ersetzt. Die Tiere merken den Unterschied nicht. Auch der NABU ist für ein Stadttauben-Management. Wenn zusätzlich andere Nistplätze unzugänglich gemacht und das Füttern in der Stadt reduziert würde, zögen die Vögel auch in die Taubenschläge um, so Ulrich Thüre.

Göttingen könnte Vorreiter werden

Der Vorschlag aus Braunschweig ist nicht neu. Auch die Grünen in Hannover und die dortige Taubenrettung hatten ein Stadttauben-Management gefordert. Die Stadt lehnt das allerdings ab, weil die Zahl der Tauben durch ein Fütterungsverbot - ähnlich wie in Braunschweig - mit knapp 250 konstant niedrig ist. Mehr Erfolg hatten unlängst die Befürworter in Göttingen. Dort entsprach der Umweltausschuss Ende April einem Vorschlag der Grünen nach einem Management. Nun will man dort zusammen mit dem Veterinäramt und der Stadttauben-Initiative ein Konzept dazu erarbeiten. Das könnte das erste kommunale Stadttauben-Management in Niedersachsen sein und ganz ähnlich aussehen wie das, was das Universitätsklinikum in Göttingen bereits seit Jahren auf seinem Gelände macht. Vor 15 Jahren begann man dort, Bauwagen zu Taubenschlägen umzurüsten und aufzustellen. Grund war der massive Taubenbefall auf den Dächern des Klinikums. Seitdem habe man gute Erfahrungen mit den sogenannten Taubenwagen gemacht, sagt Klinikums-Sprecherin Bettina Bulle.

Kosten könnten sich rentieren

Die Zahl der Tauben sei zurückgegangen und seitdem konstant. An den Gebäuden sei zudem nur noch wenig Kot zu finden, während aus den Taubenwagen jährlich circa eine Tonne Taubendreck entsorgt wird. Das kostet die Uni natürlich Geld: 23.000 Euro habe man im vergangenen Jahr in das Tauben-Management investiert. Doch vor den Taubenwagen musste die gleiche Summe alle zwei Monate aufgebracht werden, um den Kot auf den Gebäuden zu entfernen und den Kies auf dem Dach auszutauschen, so Bulle. Auch für eine Kommune könnten sich die Kosten für ein Stadttauben-Management in Grenzen halten: Die Stadt Würzburg beispielsweise gab 2016 etwa 10.000 Euro für den Unterhalt ihrer Taubenschläge aus. Indes hat man auch dort gute Erfahrungen mit der Taktik gemacht: Es gebe weit weniger Kot in der Stadt und die Taubenpopulation bleibe auch konstant, sagt ein Stadtsprecher. Und das ohne tote Tiere. Beate Gries hat indes auch in Braunschweig Hoffnung geschöpft: Die Stadt will ihren Vorschlag für ein Stadttauben-Management erneut prüfen.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 29.04.2017 | 19:30 Uhr

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