Stand: 29.01.2018 12:11 Uhr

Autoindustrie: Stickstoff-Tests an Menschen?

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Erst die Affen- dann Menschenversuche: Der Lobby-Verein EUGT und deutsche Autobauer stehen in der Kritik.

Der Druck auf die deutsche Autoindustrie wächst und der Ruf nach Aufklärung wird immer lauter: Eine von Volkswagen, Daimler und BMW finanzierte Forschungseinrichtung soll nicht nur Affen, sondern auch Menschen Stickoxiden ausgesetzt haben. Das geht aus einem Report dieses Lobby-Vereins, der mittlerweile aufgelösten "Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor" (EUGT), hervor. Er liegt dem Südwestdeutschen Rundfunk (SWR) vor, zuerst hatten die "Stuttgarter Zeitung" und die "Süddeutsche Zeitung" über die weitere Studie der EUGT berichtet.

Angeblich keine Wirkung festgestellt

Für die "Kurzzeit-Inhalationsstudie mit Stickstoffdioxid (NO2) bei gesunden Menschen" seien laut SWR in einem speziellen Versuchslabor des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am Universitätsklinikum Aachen 25 Menschen untersucht worden, nachdem sie jeweils über mehrere Stunden Stickstoffdioxid in unterschiedlichen Konzentrationen eingeatmet hätten. NO2 ist der Schadstoff, dessen Messwerte von VW in den USA jahrelang manipuliert worden waren, um die gesetzlichen Grenzwerte für Dieselfahrzeuge offiziell einzuhalten. Laut der EUGT wurde keine Wirkung festgestellt. Jedoch steht in der Studie auch, dass, wenn die Testpersonen den Schadstoff länger eingeatmet hätten, es durchaus zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen hätte kommen können.

Kein Zusammenhang mit dem Dieselskandal?

Nach Angaben des zuständigen Institutsleiters Thomas Kraus von der Uni Aachen haben die angeblichen Schadstoffversuche mit Menschen keinerlei Verbindung mit dem Abgasskandal. Die Studie sei von 2013 und damit vor dem Bekanntwerden des VW-Dieselskandals durchgeführt worden. Sie habe sich mit dem Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz befasst, erklärte Kraus der Deutschen Presse-Agentur. Weil der Grenzwert herabgesetzt worden sei und es keine Studien zu Menschen gegeben habe, seien die Probanden Belastungen ausgesetzt worden, die unterhalb der Belastungen am Arbeitsplatz lägen. Eine Ethikkommission habe die 2016 veröffentlichte Studie als vertretbar bewertet.

Forscher "auf keinster Weise" von EUGT beeinflusst

Allerdings habe die von den Konzernen VW, Daimler und BMW gegründete EUGT die Studie gefördert - jedoch die Forscher "in keinster Weise" beeinflusst, so Kraus. Er erklärte, die NO2-Konzentration für die Studie sei vergleichbar mit der in der Umwelt gewesen. Gesundheitliche Effekte habe es nicht gegeben.

Affen vier Stunden Auspuffabgasen ausgesetzt

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Zuvor waren am Freitag Abgastests mit Affen bekannt geworden und hatten für Empörung gesorgt. Um zu zeigen, wie unschädlich "saubere" Diesel angeblich sind, soll die EUGT zehn Affen gezielt Schadstoffen ausgesetzt haben, wie die "New York Times" berichtete. Das Blatt beruft sich dabei auf Gerichtsunterlagen und Regierungsdokumente. Demnach wurden die Tiere 2014 vier Stunden lang in Räumen mit Auspuffgasen eines VW Beetle eingesperrt. Das Ganze sei Teil einer Studie gewesen, bei der VW federführend gewesen sein soll. Sie sollte beweisen, dass die Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen hat.

Weil: Tierversuche "widerlich und absurd"

"Zehn Affen stundenlang mutwillig Autoabgase einatmen zu lassen, um zu beweisen, dass die Schadstoffbelastung angeblich abgenommen habe, ist widerlich und absurd." Mit diesen Worten hat Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) die Tierversuche kritisiert, von denen er nach eigenen Angaben erst aus den Medien erfahren hat. Weil und Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU), die gemeinsam im Aufsichtsrat des Konzerns sitzen, fordern eine vollständige Aufklärung der Geschehnisse, wie es von Seiten des Landes hieß. Es müsse sichergestellt werden, dass nie wieder vergleichbare Studien in Auftrag gegeben werden.

Althusmann: "Dumm und töricht"

Althusmann bezeichnete die Tierversuche beim Test von Dieselabgasen als "absurd und unentschuldbar". "Die Verantwortlichen für diese Versuche verschiedener Autobauer werden sich jetzt ihrer Verantwortung stellen müssen", so der CDU-Politiker. "Hier darf es kein Vertuschen oder Verharmlosen geben. Ich rate dringend dazu, hier alles auf den Tisch zu legen." Es seien ethische Grenzen überschritten worden, was weder entschuldbar noch nachvollziehbar sei. Solche Versuche seien "dumm und töricht", den Diesel-Skandal womöglich verharmlosen zu wollen, sei dreist.

Betriebsrat fordert Aufklärung und Konsequenzen

Der VW-Betriebsrat forderte eine eingehende Untersuchung. "Wir werden hierzu eine umfassende Aufklärung einfordern", sagte Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh der "Welt" (Montagausgabe). Wenn das stimme, dann habe das mit einwandfreiem ethisch-moralischen Verhalten nichts, aber auch gar nichts zu tun. Sollten damalige Verantwortliche noch an Bord sein, "dann müssen personelle Konsequenzen geprüft werden", verlangte er.

"Wir entschuldigen uns für das Fehlverhalten"

Der Wolfsburger Autobauer hatte sich für die Versuche an Affen am Wochenende entschuldigt. "Wir sind der Überzeugung, dass die damals gewählte wissenschaftliche Methodik falsch war", erklärte VW. "Es wäre besser gewesen, auf eine solche Untersuchung von vornherein zu verzichten." VW distanziere sich klar von allen Formen der Tierquälerei, hieß es weiter. "Wir entschuldigen uns für das Fehlverhalten und die Fehleinschätzung Einzelner."

Auch Daimler distanziert sich

Autobauer Daimler distanzierte sich ebenfalls von den Studien und der EUGT. "Wir sind über das Ausmaß der Studien und deren Durchführung erschüttert", schreibt der Konzern auf seiner Internetseite. "Auch wenn Daimler keinen Einfluss auf den Versuchsaufbau hatte, haben wir eine umfassende Untersuchung eingeleitet, wie es dazu kommen konnte."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 29.01.2018 | 06:00 Uhr

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