Stand: 27.07.2020 19:08 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Abhör-Affäre: Volkswagen sucht den Spitzel

Geschäftsleute sitzen an einem Konferenztisch. © picture-alliance
Wer hat während des Prevent-Streits Inhalte von VW-Meetings aufgezeichnet? (Themenbild)

Der Autobauer Volkswagen ist auf der Suche nach einem Spitzel aus den eigenen Reihen, der in den Jahren 2017 und 2018 Gespräche einer Arbeitsgruppe mitgeschnitten hat. In der Gruppe ging es um den Streit mit dem Zulieferer Prevent und wie VW darauf reagieren wollte. Wenn interne und vertrauliche Sitzungen dokumentiert würden und "solche Informationen unberechtigt an die Öffentlichkeit gelangen, schockiert uns das zutiefst. Der Fall wird selbstverständlich untersucht", teilte VW mit.

Strafanzeige gegen Unbekannt angekündigt

Der Konzern hat eine mögliche Strafanzeige gegen Unbekannt angekündigt. Bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig war am Montag noch keine Anzeige eingegangen, wie die Behörde mitteilte. Solche Delikte würden üblicherweise nur auf Antrag des Geschädigten verfolgt. Die Staatsanwaltschaft prüft jedoch nach eigenen Angaben, ob dennoch auch von Amts wegen ein Verfahren einzuleiten ist.

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Prevent prüft rechtliche Schritte gegen VW

Das Online-Wirtschaftsmagazin "Business Insider" hatte am Sonnabend Auszüge aus den Mitschnitten veröffentlicht. Dem Bericht zufolge gibt es fast 50 Stunden Audiomaterial. Von Prevent hieß es, das Unternehmen habe keine Kenntnis von den Aufnahmen gehabt. "Da die Aktionen von VW Prevent gezielt geschadet haben, prüfen wir derzeit selbst rechtliche Schritte gegen Volkswagen", teilte ein Sprecher der Zulieferergruppe am Montag in Frankfurt mit. "Den Medienberichten zufolge stehen hier Verstöße gegen das Kartellrecht, mögliche Aktien-Insider-Transaktionen, Falschaussagen gegenüber Behörden und Gerichten sowie ein inakzeptabler Umgang mit vielen Zulieferern im Raum." Dies sollte die zuständigen Behörden auf den Plan rufen, so das Unternehmen.

VW dementiert Absprachen mit Daimler und BMW

In der Arbeitsgruppe war offenbar unter anderem darüber debattiert worden, ob VW sich von Prevent trennen sollte - wie es letztlich auch geschah. 2018 hatte Volkswagen die Vertragsbeziehungen gekündigt. Darüber hinaus zitiert "Business Insider" Aussagen aus den Mitschnitten, denen zufolge VW sich mit Daimler und BMW darüber abgesprochen haben könnte, wie eine Übernahme des Zulieferers Grammer durch die Prevent-Eigentümerfamilie Hastor verhindert werden könnte. VW und Daimler haben Absprachen dementiert, BMW will sich zu angeblichen internen Gesprächen bei VW nicht äußern.

Arbeitsgruppe war "kein Entscheidungsgremium"

Vor vier Jahren hatte ein Prevent-Tochterunternehmen die Belieferung von VW mit Sitzbezügen und Getriebegehäusen im Streit um Bedingungen eingestellt und VW über Tage zu einem Produktionsstopp gezwungen. Betroffen war damals auch das Stammwerk in Wolfsburg. Noch immer sind Gerichte mit der Auseinandersetzung beschäftigt. Die betreffende Arbeitsgruppe trug damals den Namen "Projekt 1" und sollte ausarbeiten, wie man mit dem Zulieferer Prevent umgehen sollte. Das VW-interne Team hatte nach Angaben des Autokonzerns die Aufgabe, "weiteren Schaden vom Unternehmen, seinen Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten abzuwenden. Es wurde offen über alle möglichen Lösungsansätze diskutiert, viele aber auch verworfen. Es war kein Entscheidungsgremium."

Neuer Markenchef war für Team verantwortlich

Ralf Brandstätter, Vorstandsvorsitzender der Marke VW, spricht bei einer Pressekonferenz von Volkswagen. © picture-alliance Foto: Christophe Gateau
Seit Juli ist Brandstätter Markenchef bei VW.

Verantwortung für das Team hatte neben dem früheren Konzern-Einkaufschef Francisco Javier Garcia Sanz auch Ralf Brandstätter, damals Beschaffungsvorstand der Marke Volkswagen. Eben jener wurde erst vor Kurzem als Vorstandschef der Kernmarke VW Pkw eingesetzt. Ist der Zeitpunkt des Bekanntwerdens der Bespitzelung nach der Beförderung bewusst gewählt? "Ich glaube, es hat keine Auswirkungen für irgendjemanden bei Volkswagen", sagte der Nord/LB-Analyst Frank Schwope. Die Abhör-Aktion wirke "wie ein Spionagethriller, der aber deutlich mehr negative Auswirkungen auf den Spion haben wird als auf VW", so Schwopes Einschätzung am Sonntag im NDR Regionalmagazin Hallo Niedersachsen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Funkbilder - der Tag | 26.07.2020 | 19:30 Uhr

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