Peter Jagla und Carola Schmidt, Harzer Tourismusverband gehen an der Harzer Brockenbahn entlang. © NDR

30 Jahre Einheit: Eine Harz-Wanderung über Grenzen hinweg

Stand: 03.10.2020 15:38 Uhr

Die innerdeutsche Grenze teilte auch den Harz. Während nach der Wende der Osten hübsch gemacht wurde, wuchs im Westen der Neid. NDR Reporter Peter Jagla ist wandern gewesen - und fragt: Wie ist es heute?

von Peter Jagla

Die Wanderschuhe geschnürt, Wasser und Banane mit dabei, wir beginnen unsere Wanderung - vom Brocken, dem höchsten Berg Norddeutschlands im Osten, über den Goetheweg nach Torfhaus im Westen. Carola Schmidt vom Harzer Tourismusverband geht den ersten Teil des Weges mit. Die agile Frau überquert die alte innerdeutsche Grenze normalerweise täglich mit dem Auto: Sie lebt im Osten, aber ihr Büro ist seit 24 Jahren im Westen. Beruflich kümmert sie sich um den Harz als Tourismusregion. Grenzen im Kopf? Tabu.

VIDEO: Brocken: Erst DDR-Grenze, dann gemeinsame Tourismusregion (5 Min)

Neue Projekte zieht neue Menschen

Im Gegenteil: "Das Wort 'Jammern' tut mir weh. Weil das alles mit Emotionen zu tun hat", sagt sie. Nachdem die Zonenrandförderung im Westen weggefallen sei und der Osten nach Grenzöffnung durch den Solidaritätszuschlag finanziell gestärkt wurde, entstand Neid im Westen: "Das ist nachvollziehbar. Aber dann hat es Klick gemacht", sagt die Touristikerin. Mittlerweile würden neue Tourismusprojekte in verschiedenen Harzer Orten viele Gäste locken. "Am Wurmberg die neuen Pisten, Torfhaus, Sankt Andreasberg. Überall hatten wir große Investitionen und das zieht neue Leute nach sich."

"Einheitsprojekt" auf Schienen scheiterte

Der Wanderweg führt anfangs parallel zu den Schienen der Brockenbahn. Täglich schnauft die alte Dampflock den Berg aus dem Osten hoch bis zum Brocken. Hunderttausende Touristen kommen so jährlich auf bequeme Weise auf 1.141 Höhenmeter und wieder runter. "Vor einigen Jahren gab es die Idee, auch Braunlage an das Schienennetz anzuschließen", sagt Schmidt. Doch unterm Strich wäre dieses "Einheitsprojekt" wohl zu teuer gewesen. So muss man zu Fuß in den Westen: Da, wo früher der sogenannte Goethebahnhof war, verlässt der Weg nun die Schienen und läuft auf alten Betonplatten schnurstracks den Berg hinunter. Es ist der alte sogenannte Kolonnenweg, auf dem die DDR-Grenzer patrouillierten. 

Nationalpark-Förster: "Natur kennt keine Grenzen"

Peter Jagla und Carola Schmidt, Harzer Tourismusverband gehen an der Harzer Brockenbahn entlang. © NDR
Hunderttausende nutzen die Brocken-Bahn im Jahr.

Am Kolonnenweg beginnt das Revier von Nationalpark-Förster Gustel Bock. Wir gehen vorbei an abgestorbenen Fichten. Wie ein toter Wald, fast unheimlich, an einigen Stellen alles grau in grau. Das einzig Grüne weit und breit ist die Uniform des Försters, der schnell den Weg weitergeht an die anderen Orte, wo neues, frisches Grün erblüht, wo früher dichter Fichtenwald war und letzte abgestorbene graue Fichtenstämme wie riesige Streichhölzer als Mahnmal gen Himmel ragen. Gustel Bock nennt das "Waldwandel" und findet die Verjüngung super: "Natur kennt keine Grenzen. Der Borkenkäfer frisst überall", sagt der überzeugte Förster und fügt hinzu: "Das ist eben das schöne, neue Bild, was wir dann zeigen können!" Er sagt: Die Einheit ist da.

Gleicher Nationalpark, unterschiedlicher Lohn

Der Nationalpark, der seit 2006 fusioniert ist, habe einen Chef, einen gemeinsamen Plan. "Aber leider verdienen wir noch unterschiedlich. Die Kollegen im Osten haben andere Verträge und bekommen weniger Geld bei gleicher Arbeit." Auf dem Papier und in der Lohntüte wird die Grenze so spürbar wieder sichtbar. Auf einem Steg, etwas erhoben, gehen wir schließlich die letzten 1.000 Meter in Richtung Torfhaus über das Moor. Eine saftig braune Fläche, die über das weite Land den Blick zurück auf den Brocken ermöglicht.

Goslars OB Junk gründete "EinHarz"-Initiative

Oliver Junk (CDU) hat sich hinzugesellt. Der Oberbürgermeister von Goslar kam vor rund zehn Jahren aus Bayern. Was er damals zuerst gehört hat? "Als ich nach Goslar kam, war das hier nur Jammerland. 'Wir sterben aus. Wir sind pleite. Wir brauchen Hilfe!'" Der Bayer, der mittlerweile auch Präsident des grenzübergreifenden Wandervereins Harzclub ist, konnte mit einem klaren Blick von außen auf die Region schauen und hat nicht verstanden, warum Ost und West an dieser Stelle nicht zusammen arbeiten: "Wir sind doch überall am Rand", sagt der Wanderfan, "in Niedersachsen ist Hannover weit weg. In Sachsen-Anhalt Magdeburg. Wenn uns hier keiner hört, dann müssen wir uns halt zusammenschließen." So gründete er die "EinHarz"-Initiative, die den Harz grenzenlos denken soll. Ein bisschen so, wie die Wanderung heute von Ost nach West. Denn vorbei an der alten Grenze ist der Weg heute grenzenlos begehbar.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 03.10.2020 | 15:59 Uhr

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