100 Jahre alte Flaschenpost in Haus bei Göttingen entdeckt

Stand: 08.06.2021 06:56 Uhr

Bei Bauarbeiten haben Handwerker im Fußboden eines alten Hauses bei Göttingen eine knapp 100 Jahre alte Flaschenpost gefunden. Details zu dessen Geschichte hat der Heimatverein recherchiert.

von Marco Schulze

"Es wurde dieser Fußboden am heutigen Tag von Herrn Illie, geboren am 9. Oktober 1882, gelegt." So beginnt der Brief, der auf den 22. Juli 1921 datiert ist. Fast einhundert Jahre ist das her. Seitdem schlummerte das Dokument, versteckt in einer Flaschenpost, im Fußboden eines alten Hauses ganz in der Nähe von Göttingen.

Brief zusammen mit Fotos und Geldscheinen versteckt

Es klingt wie in einem historischen Film, was sonst noch so beschrieben wird: "Für 1 Zentner Gerste wird bezahlt 165 Mark. Für Weizen 200 Mark. Für Roggen 185 Mark." Vermutlich sind das die Verkaufspreise, die die Landwirte vor fast 100 Jahren erzielen konnten. Unterzeichnet wurde der Brief von zwei jungen Frauen. Sie haben den Zettel zusammen mit zwei Fotos und drei Geldscheinen wohl mit Absicht im Fußboden versteckt, in der Hoffnung, dass dieser irgendwann entdeckt werde.

Unscheinbarer Fund

Es haben nur wenige Tage gefehlt, dann hätte die Flaschenpost genau 100 Jahre unter dem Fußboden gelegen. Doch Handwerker Dirk Bierwirth hat das verhindert - durch Zufall. Bei Bauarbeiten entdeckte er eine alte unscheinbare Flasche. "Die war eigentlich nichts Besonderes, unscheinbar und hatte die Größe eines Flachmanns, bisschen größer, bisschen stärker vielleicht", erzählt er. Erst als die zerbrochene Flasche wenig später im Schrotthaufen wiederentdeckte, bemerkte er den geheimnisvollen Inhalt.

Gutsbesitzer lässt Brief entschlüsseln

Bierwirth übergab die Flasche an den Besitzer des Guts, Winno Freiherr von Wangenheim. Der konnte kaum glauben, was er da sah. "Das hat mich natürlich total umgehauen, dass wir hier sowas finden", sagt er. Ihn freute besonders, dass der Inhalt der Flaschenpost noch so gut erhalten sei. Doch weil der Brief in Sütterlin geschrieben war, beauftragte er den ortsansässigen Heimatverein. Und der entschlüsselte den Brief nicht nur, sondern recherchierte auch gleich noch die Geschichte hinter den Verfasserinnen.

Historischer Fund soll ausgestellt werden

Mehrere alte Schriftstücke liegen aufeinander. © NDR
Der Brief ist auf den 22. Juli 1921 datiert.

Eine der beiden sei vermutlich die Frau des damaligen Gutsverwalters gewesen, sagt Dieter Kulle vom Heimatverein Waake-Bösinghausen (Landkreis Göttingen). Die andere hingegen habe auf dem Gut wohl als Art Haushälterin gearbeitet. Zum Zeitpunkt des Briefes sei sie 22 Jahre alt gewesen. Der Brief macht auch deutlich, unter welch schwierigen Bedingungen die Frauen zur Zeit der Weimarer Republik gelebt haben. Wörtlich schreiben sie: "Wer diese Flasche öffnet, kann sich vielleicht nicht vorstellen, in welch schweren Zeit wir leben." Dass die Flaschenpost überhaupt so lange unbeschadet überlebt habe, ist für Dieter Kulle ein kleines Wunder. Der historische Fund soll nun einen Ehrenplatz im neuen Heimatmuseum bekommen. Das soll nächstes Jahr eröffnet werden, nur wenige Meter von der Fundstelle der Flaschenpost entfernt.

Nächste Flaschenpost geplant

Guts-Besitzer Winno Freiherr von Wangenheim hat die Geschichte auch seinen drei Töchtern erzählt. Sie möchten der Nachwelt nun auch etwas Persönliches von ihnen vererben. "Die wollen da allerdings Herzen und Knete reintun, die sind noch sehr jung, ob das dann die richtige Idee ist, weiß ich nicht, aber wir finden einen guten Kompromiss", sagt von Wangenheim. Das Haus wird noch mehrere Wochen Baustelle sein, also noch genug Zeit, um eine neue Flaschenpost zu verstecken.

Weitere Informationen
Eine Frau hält eine historische Flaschenpost in der Hand. © Stadt Goslar

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Hallo Niedersachsen | 08.06.2021 | 19:30 Uhr

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