Stand: 16.03.2020 15:34 Uhr

Was bringt ein Tempolimit? NDR macht den Test

von Kathrin Kampmann und Joop Wösten

Unsere Nachbarn in den Niederlanden machen es vor. Seit heute gilt dort auf Autobahnen tagsüber die Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde. Und das, während Politiker hierzulande sich seit Jahren nicht einmal zu einem deutlich weniger rigorosen Tempolimit durchringen können. Zwei NDR Reporter machen heute deshalb in Niedersachsen den Selbsttest und schauen, welchen Unterschied es macht, ob man holländisch-gemütlich mit 100 Stundenkilometern unterwegs ist oder mit Bleifuß fährt.

In den Niederlanden: keine Ausnahme mehr

Was in den Niederlanden Wirklichkeit wird, dürfte bei manchem deutschen Autofahrer für Schnappatmung sorgen. Zwischen 6 und 19 Uhr ist maximal Tempo 100 auf den Autobahnen erlaubt. In der vergangenen Woche waren noch einige Schilder mit Klebestreifen abgeklebt. Jetzt gibt es keine Ausnahmen mehr von der neuen Geschwindigkeits-Maxime. Allerdings: Nach 19 Uhr gilt wieder das alte Tempolimit von 130 Kilometer pro Stunde.

Vorbild Niederlande: "Beschissen, aber unumgänglich"

Vorangegangen ist in den Niederlanden eine Debatte um die Reduzierung von klimaschädlichen Emissionen. Denn das Land überschreitet bislang die Stickoxid-Grenzwerte der EU. Zuvor hatte das oberste Gericht in Den Haag Genehmigungsverfahren für große Bauvorhaben gestoppt, um den Stickoxidausstoß nicht noch weiter ansteigen zu lassen. Selbst Ministerpräsident Mark Rutte bezeichnete den Tempo-100-Beschluss im November als "beschissen, aber unumgänglich". Durch die Maßnahme sollen außerdem CO2-Emissionen reduziert werden, die als hauptursächlich für den Klimawandel gelten.

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Debatte in Deutschland

Hierzulande ist die Debatte um ein Tempolimit dagegen bekanntermaßen seit jeher verfahren. Hauptargument vieler Befürworter ist die Sicherheit auf den Autobahnen, neuen Auftrieb bekam die Diskussion durch die Klimabewegung. Dennoch ist ein entsprechender Vorstoß erst im Februar im Bundesrat gescheitert und das, obwohl hierzulande gerade mal eine Obergrenze von 130 Stundenkilometer diskutiert wird.

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Für viel Wirbel hatte gesorgt, dass der ADAC von seinem strikten "Nein" zum Tempolimit abgerückt war. Vor dem Verkehrsgerichtstag in Goslar sagte Präsidiumsmitglied Gerhard Hillebrand, der ADAC sei nicht mehr grundsätzlich gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Nach wie vor verweist der ADAC auf seiner Homepage jedoch darauf, dass 50 Prozent der Mitglieder ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen ablehnen. Darüber hinaus unterstreicht der Automobil-Club, dass man in Deutschland am sichersten auf der Autobahn fahre. Die meisten Verkehrstoten gebe es auf Landstraßen.

Selbsttest in Niedersachsen

Doch welchen Unterschied macht es rein emissionstechnisch wirklich, ob man mit Tempo 100 oder mehr unterwegs ist und wie verändert sich das Fahrgefühl? Braucht man wirklich so viel länger als normal oder bremsen uns Baustellen, Staus und Co. auf unseren Autobahnen sowieso so sehr aus, dass ein Tempolimit überflüssig ist? Diesen Fragen wollen zwei NDR Reporterin einem nicht repräsentativen Selbsttest nachgehen. Dazu tritt einer mit 100 Stundenkilometer zum großen Vergleich an, der andere fährt "ganz normal", also so, wie es bisherige Geschwindigkeitsbegrenzungen und der gesunde Menschenverstand vorgeben.

Baugleiche Fahrzeuge und Zeitstopp bei der Pipi-Pause

Folgende Regeln gelten für unseren Test: Wir fahren mit zwei absolut baugleichen Fahrzeugen, das heißt: gleiches Modell, gleiches Alter und gleiche Motorisierung. Auch bei der Beladung sind wir genau. Gewichtsunterschiede bei Besatzung und Fracht gleichen wir aus. Außerdem müssen wir zum Tanken dieselbe Zapfsäule verwenden.

Während der Fahrt dokumentieren wir nicht nur unser Vorankommen, sondern auch unser Fahrgefühl, unseren Puls und ziehen Pipi-Pausen ab, damit wir am Ende ganz genau sagen können, wie viel langsamer man mit Tempo 100 ist und wie unterschiedlich hoch der Spritverbrauch ist.

Unsere Route führt uns quer durch Niedersachsen: Von Bad Bentheim über Osnabrück und Hannover nach Lüneburg. Dort angekommen wertet ein Experte für Fahrzeugtechnik der Ostfalia Hochschule für uns aus, wie groß die Unterschiede in den Emissionsausstößen sind. Um wissenschaftlich ganz korrekt zu sein, müssten weitere Tests auf Prüfständen gemacht werden. Aber so weit können wir nicht gehen. Wir bekommen nicht die letzte Zahl hinter dem Komma. Trotzdem: Unterschiede bei Stickoxid- und CO-2-Verbräuchen lassen sich relativ genau ermitteln - und Rückschlüsse daraus ziehen.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 16.03.2020 | 19:30 Uhr

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