Stand: 19.06.2018 18:00 Uhr

Warum musste es gerade der 31. Oktober sein?

Nach Hamburg und Schleswig-Holstein haben nun auch die Politiker in Niedersachsen dafür gestimmt, dass der 31. Oktober zukünftig ein landesweiter Feiertag sein wird. Die Bürgerschaft in Bremen wird voraussichtlich am Donnerstag folgen. In Mecklenburg-Vorpommern ist der 31. Oktober längst Feiertag. Ist die Entscheidung für einen zusätzlichen Feiertag am Reformationstag eine gute Entscheidung?

Ein Kommentar von Peter Mücke, NDR Info

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Der 9. Mai als Feiertag wäre zum Beispiel ein starkes Signal für Europa gewesen, meint Peter Mücke.

Als Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) im Wahlkampf im vergangenen Herbst den Niedersachsen einen neuen Feiertag versprach, hat er wohl kaum damit gerechnet, welche Diskussionen er damit auslösen würde. Monatelang stritten Kirchen, Religionsgemeinschaften und Verbände darüber, welcher denn nun der richtige Tag für den neuen gesetzlichen Feiertag ist: der Reformationstag, den Weil von Anfang an wollte, oder doch der Buß- und Bettag, der Europatag, der Weltfrauentag, der Tag des Grundgesetzes oder der Tag der Weißen Rose?

Längeres Nachdenken hätte sich gelohnt

In den anderen Nord-Ländern wurde das mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Schleswig-Holstein und Hamburg sind vorgeprescht und haben sich längst auf den Reformationstag festgelegt. Dabei hätte es sich auch hier gelohnt, ein bisschen länger darüber nachzudenken, bei welchem Feiertag sich möglichst viele Menschen wiederfinden können.

Zu Recht haben die jüdischen Gemeinden auf die zahlreichen antisemitischen Schriften Martin Luthers hingewiesen. Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, Luthers Pamphlet "Von den Juden und ihren Lügen" zu lesen, der kann in der Tat Bauchschmerzen bekommen, dass jetzt ausgerechnet der Reformationstag gesetzlich gefeiert werden muss. In dieser Schrift fordert Luther unter anderem dazu auf, Synagogen niederzubrennen, Juden in Ställen und Scheunen einzusperren und sie zur Arbeit zu zwingen.

Buß- und Bettag wäre die bessere Alternative gewesen

Auch die Bedenken der katholischen Kirche sind berechtigt: Der 31. Oktober steht für die Kirchenspaltung und ist zumindest für Katholiken nicht unbedingt ein Anlass zum Feiern. Zumal es - anders als in den anderen norddeutschen Bundesländern, die sehr protestantisch geprägt sind - in Niedersachsen Regionen mit überwiegend katholischer Bevölkerung gibt, wie das Emsland oder das Eichsfeld. Der Buß- und Bettag wäre da die deutlich bessere Alternative gewesen. Doch dafür fand sich keine Mehrheit im Landtag.

Ist ein weiterer kirchlicher Feiertag noch zeitgemäß?

In der Tat kann man auch die Frage stellen, ob es im Jahr 2018 überhaupt noch zeitgemäß ist, einen weiteren kirchlichen Feiertag einzuführen. Rund ein Drittel der Menschen in Niedersachsen gehört keiner Religionsgemeinschaft an. Warum also nicht der 23. Mai, der Tag des Grundgesetzes, dem sich alle Bürger verpflichtet fühlen sollten? Oder der Europatag am 9. Mai? Das wäre ein starkes Signal in Zeiten der Krise der Europäischen Union gewesen.

Auch der Vorschlag der jüdischen Gemeinden, den 22. Februar, den Tag der Weißen Rose, zum gesetzlichen Feiertag zu machen, wäre eine Überlegung wert gewesen. An diesem Tag wird der junge Leute gedacht, die in der Gruppe Weiße Rose Widerstand gegen die Nationalsozialisten leisteten und deshalb 1943 hingerichtet wurden. Auch ein solcher Feiertag hätte nicht nur Niedersachsen gut gestanden.

Um inhaltliche Fragen ging es offenbar nicht

Immerhin haben sich die Niedersachsen die Zeit genommen, diese Fragen zu diskutieren. In den Ausschuss-Anhörungen hatte sich eine Mehrheit der Verbände gegen den Reformationstag ausgesprochen. Genutzt hat es nichts: Der Landtag hat sich am Ende doch für den 31. Oktober ausgesprochen, der schon in diesem Jahr gesetzlicher Feiertag im ganzen Norden wird.

Was bleibt ist der Eindruck, dass es stärker um einen arbeitsfreien Tag mehr an sich ging als um inhaltliche Fragen. Ein Grund zum Feiern ist das sicher nicht.

Weitere Informationen

Beschlossen: Reformationstag wird neuer Feiertag

Der Reformationstag wird neuer Feiertag in Niedersachsen. Das hat der Niedersächsische Landtag am Nachmittag mit einfacher Mehrheit beschlossen. Lange Diskussionen waren vorausgegangen. mehr

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NDR Info | Kommentar | 19.06.2018 | 17:08 Uhr

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