Stand: 02.01.2019 20:00 Uhr

VW-Pläne für 2019: Aus "Brumm" wird "Summ"

von Hans Stallmach (Braunschweig), Hilke Janssen (Hannover), Birgit Menzel (Zwickau), Arne Schulz (NDR Info Wirtschaftsredaktion)

Der Diesel-Skandal und dessen Folgen haben den Automobilhersteller Volkswagen in den vergangenen Jahren in seinen Grundfesten erschüttert. Nun gilt es, die Weichen für eine wieder erfolgreiche Zukunft zu stellen. Das Hauptaugenmerk soll dabei auf die Elektromobilität gelegt werden - für die Mitarbeiter und Zulieferer in den "VW-Regionen" ist das eine große Herausforderung.

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Eine Werkshalle mit Zukunft: Bei VW in Braunschweig werden Batteriesysteme zusammengebaut.

Halle 23 im VW-Werk Braunschweig: Hier entstehen die Batteriesysteme, die später unter dem Fahrwerk des E-Golfs montiert werden. "Hundeknochen" nennen die Mitarbeiter das längliche, etwas klobige Endprodukt. Es fasst mehrere Batterie-Module zusammen.

Heiko Niebuhr arbeitet seit 20 Jahren bei Volkswagen, lange Zeit in der Lenkerfertigung. Mit der Arbeit in Halle 23 trat der gelernte Industrie-Elektroniker in eine neue Welt ein: "Ich baue die Einzelteile zusammen, verdrahte das Ganze und schraube praktisch das Batteriesystem zusammen."

Die Welt des Starkstroms

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Etwa 50.000 Batteriesysteme werden in Braunschweig bei VW pro Jahr fertiggestellt.

In dieser neuen Welt dreht sich alles um Strom, genauer: um Starkstrom. Wie alle Kollegen muss Niebuhr einen spannungsfesten Pullover tragen. "Damit der Strom abgeleitet wird und mich nicht verletzt, wenn ich getroffen werden sollte. Was ja immer passieren kann, wenn man unsachgemäß arbeitet", erklärt Niebuhr.

Die meisten Arbeiten in Halle 23 werden von Robotern ausgeführt. Doch das Kerngeschäft - das Verschrauben und Vernetzen der einzelnen Zellen zu einer Batterie - erfolgt per Hand. Niebuhr und seine Kollegen wurden in einem vierwöchigen Kurs auf die neue Aufgabe vorbereitet. Jetzt ist der langjährige Mitarbeiter Teil der "Transformations-Strategie E-Mobilität".

In Braunschweig produziert Volkswagen jährlich rund 50.000 Batteriesysteme. Schon im Herbst sollen es eine halbe Million sein. Dafür baut der Konzern gerade eine neue Fabrik, nur wenige Kilometer von Halle 23 entfernt.

Ein Elektroauto steht an einer E-Ladestation der Stadtwerke Greifswald an einem Parkplatz. © picture alliance/Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa Foto: Stefan Sauer

Wie sich VW auf die E-Mobilität einstellt

NDR Info - Wirtschaft -

Der Auto-Konzern befindet sich im Umbruch: Niedersachsens größter Arbeitgeber schafft in diesem Bereich viele neue Stellen, während andernorts Jobs verloren gehen werden.

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Das Pionier-Werk in Zwickau

Nicht nur in Braunschweig ist eine Zeitenwende angebrochen. In Zwickau sollen im Herbst die ersten Autos der sogenannten ID-Modellreihe in Serie gehen. Es sind die ersten Fahrzeuge, die es nur mit Elektroantrieb geben wird.

1,2 Milliarden Euro investiert VW in Zwickau. Insgesamt steckt der Konzern etwa 30 Milliarden Euro in seine elektrische Zukunft - in nur fünf Jahren. In Zwickau werden dafür fast alle der knapp 8.000 Mitarbeiter umgeschult. Thomas Ulbrich ist Vorstand für E-Mobilität bei der Kernmarke VW. Er betont: "Allein von den bisher entschiedenen Produkten innerhalb der ersten Welle werden wir zehn Millionen Fahrzeuge auf Räder bringen. Zwickau ist der Startpunkt eines weltweiten Rollouts dieser Technologie in unsere internationalen Standorte."

Arbeitsplätze bei Zulieferern in Gefahr?

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Nicht nur Werke in China und den USA werden auf Zwickau folgen, sondern auch die Standorte in Emden und Hannover. Zumindest für die ersten Jahre des Umbruchs haben die festen Mitarbeiter dort eine Jobgarantie bekommen. Danach jedoch könnten viele Arbeitsplätze wegfallen.

Vielleicht noch größere Sorgen müssen sich die etwa 120.000 Beschäftigten in der Zulieferindustrie in Niedersachsen machen. Elektroautos ließen sich mit viel weniger Aufwand bauen als Verbrenner, sagt der Chef des Arbeitgeberverbands NiedersachsenMetall, Volker Schmidt: "Sie brauchen kein Getriebe mehr, sie brauchen keinen Kühler mehr, sie brauchen keine Abgas-Anlage mehr." Zahlreiche Zulieferteile würden schlicht nicht mehr gebraucht. Betriebe, die sich auf solche Teile spezialisiert haben, brauchen demnach ein ganz neues Geschäftsmodell.

Versprechen lautet: Kohlenstoffdioxid-neutrale Produktion

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Herbert Diess ist als Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG für die Neuausrichtung des Konzerns verantwortlich.

Andererseits dürfte der Wandel zur Elektromobilität eher fließend vonstatten gehen. Volkswagen setzt gewissermaßen auf eine Doppelstrategie. Klassische Benzin- und Dieselfahrzeuge werden zunächst weiter gebaut. Die Gewinne sollen den Wandel zur Elektromobilität finanzieren.

Die Zukunft des Autobauers werde schließlich nachhaltig und sauber sein, verspricht der Konzern. Volkswagen hat das Zwickauer Werk komplett auf Ökostrom umgestellt, für das Werk in Emden gibt es ähnliche Überlegungen. Und auch von den asiatischen Lieferanten der Batteriezellen verlangt VW, dass sie kohlenstoffdioxid-neutral produzieren.

Die Autobranche könne "die Welt nicht alleine retten", schrieb VW-Chef Herbert Diess kürzlich in einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt". Sie werde aber ihren Beitrag leisten. An diesem Versprechen muss sich der Konzern aus Wolfsburg in den kommenden Jahren messen lassen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 03.01.2019 | 06:38 Uhr

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