Ein Schüler lernt zu Hause am Laptop wegen des Coronavirus. © imago images Foto: Action Pictures

Tonne verteidigt freiwilliges Homeschooling vor Weihnachten

Stand: 11.12.2020 13:55 Uhr

Lehrer sind verärgert über die Entscheidung, dass Schüler von Montag an freiwillig Homeschooling machen dürfen. Laut Kultusminister Tonne ist das jedoch nichts anderes als Unterricht im Szenario B.

"Natürlich ist das eine Maßnahme, die Schulen erst einmal belastet, weil das eine Änderung ist", sagte Grant Hendrik Tonne (SPD) im Interview mit NDR 1 Niedersachsen. Allerdings handele es sich nicht um eine Neuregelung an sich, betonte der Kultusminister. Auch im Wechselmodell, bei dem jeweils nur die Hälfte einer Klasse in der Schule unterrichtet wird, würden Schülerinnen und Schüler mit Aufgabenpaketen für zu Hause versorgt. Bei der jetzigen Regelung für die Woche vor den Weihnachtsferien handele es sich im Prinzip um ein "freiwilliges Szenario B".

Schule soll Beitrag zur Mobilitäts-Einschränkung leisten

Dass diese Vorgabe nun so plötzlich komme, bedauere er, sagte der Minister. Vor zwei Wochen sei nicht absehbar gewesen, dass dieser Schritt notwendig werden würde. Angesichts wieder steigender Corona-Zahlen gehe es jetzt aber darum, in den kommenden drei bis vier Wochen die Mobilität herunterzufahren. Dazu könne Schule mit der jetzigen Regelung einen Beitrag leisten. Seiner Ansicht nach sei dies ein verträglicher Weg, der jenen gerecht werde, die etwa aufgrund der Betreuungssituation in die Schule kommen müssten und jenen, die zu Hause lernen könnten. Ein digitaler Unterricht sei dafür nicht zwingend erforderlich. Aufgaben könnten auch per Mail oder als Aufgabenblätter verschickt werden.

Appel: Nicht notwendige Klassenarbeiten ausfallen lassen!

An Lehrer, die vor den Weihnachtsferien noch Klassenarbeiten schreiben wollten, appelliert Tonne, diese nach Möglichkeit ganz ausfallen zu lassen. In diesem besonderen Schuljahr gehe es nicht darum, "business as usual" zu machen. Anstelle von zwei Klassenarbeiten sei eine ausreichend. In die späteren Zeugnisnoten könnten Lehrkräfte dann einen Mix aus schriftlichen Arbeiten, mündlichen Beiträgen und zu Hause erbrachten Leistungen einfließen lassen, sagte der Kultusminister. Die Schulen müssten jetzt prüfen, welche Klausuren verzichtbar seien. Was nicht verzichtbar sei, könne eventuell verschoben werden. Wenn auch das nicht funktioniere, müssten die Schüler für diese Klausuren eben für ein, zwei Stunden in die Schule kommen.

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Abwarten, wer am Montag in die Schule kommt

Zuvor hatten Schulen und Lehrerverbände die kurzfristige Entscheidung der Landesregierung kritisiert. Der Schulleiter einer großen Schule im Land, der namentlich nicht genannt werden wollte, sprach gegenüber dem NDR in Niedersachsen von einer großen Katastrophe und absolutem Chaos. Bisher hätten er und sein Kollegium Verständnis dafür gehabt, dass sich in der Corona-Pandemie nicht alles perfekt planen lasse, sagte der Schulleiter. Nun werde man einfach abwarten, wer noch zur Schule kommt. Seinen Anspruch, Bildung zu vermitteln, habe er für die kommende Woche aufgegeben.

Unterrichtspläne umschmeißen, Distanzlernen organisieren

Laura Pooth, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kritisierte, dass die Entscheidung zu kurzfristig und scheibchenweise komme. "Die Beschäftigten hatten alles geplant und müssen jetzt ihre Pläne wieder umschmeißen und Distanzlernen organisieren", sagte sie. Gleichzeitig wüssten die Lehrer gar nicht, wie viele Schüler am Montag in die Schule kommen. Die Entscheidung für das freiwillige Homeschooling vor Weihnachten hätte früher kommen müssen, sagte Pooth.

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Landesschülerrat: Entscheidung übereilt und undurchdacht

Auch der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte bemängelt, dass geordneter Unterricht mit dem freiwilligen Homeschooling nicht gewährleistet werden könne. Der Landesschülerrat hatte schon Ende November Wechselunterricht für alle Schulen bis zu den Ferien gefordert. Dass jetzt einfach jeder der will, zu Hause bleiben kann, scheint den Schülern übereilt und undurchdacht. Die Landesregierung wälze die Verantwortung auf die Schüler und ihre Eltern ab, anstatt klare Entscheidungen zu treffen, sagte der Sprecher des Landesschülerrats, Florian Reetz aus Braunschweig.

Befreiung vom Präsenzunterricht soll unkompliziert sein

Für Eltern, die ihre Kinder ab der kommenden Woche vom Präsenzunterricht befreien lassen wollen, soll dies unkompliziert möglich sein. Per E-Mail oder telefonisch können sie in der Schule Bescheid geben, dass ihre Kinder zu Hause lernen sollen. Das Kultusministerium geht davon aus, dass Eltern diese Möglichkeit vor allem für ältere Schülerinnen und Schüler, die allein zu Hause bleiben können, in Anspruch nehmen. Grundsätzlich gilt das Angebot aber für Kinder aus allen Jahrgangsstufen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 11.12.2020 | 12:00 Uhr

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