Stand: 13.06.2019 20:23 Uhr

Töten männlicher Küken bleibt vorerst erlaubt

Das Bundesverwaltungsgericht hat das massenhafte Töten männlicher Küken in der Legehennenzucht vorerst als rechtmäßig bestätigt. Bis zur Einführung von alternativen Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Hühnerei dürften Brutbetriebe männliche Küken weiter töten, urteilte das Gericht in Leipzig. Im Kern ging es bei der Entscheidung darum, wirtschaftliche Interessen und den Tierschutz gegeneinander abzuwägen. Die Kammer wählte einen Mittelweg. Bundesweit werden derzeit jährlich rund 45 Millionen Küken getötet. Für Niedersachsen ist das Urteil entscheidend, weil das Land zu den größten Eierproduzenten in Deutschland gehört.

Sofortiges Verbot würde doppelte Umstellung bedeuten

Laut Tierschutzgesetz muss ein "vernünftiger Grund" vorliegen, wenn ein Tier getötet wird. Wirtschaftliche Gründe allein seien kein solcher Grund, sagte die Vorsitzende Richterin in Leipzig. Weil es aber voraussichtlich in Kürze andere Verfahren gebe, könne das Töten für eine Übergangszeit erlaubt bleiben. Bis dahin gebe es einen "vernünftigen Grund": Bei einem sofortigen Verbot des Kükentötens müssten die Betriebe zunächst mit hohem Aufwand männliche Küken züchten. Wenig später müssten sie dann ein Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei einrichten beziehungsweise ihren Betrieb auf das Ausbrüten von Eiern aus verbesserten Zweinutzungslinien umstellen.

Jedes dritte deutsche Ei aus Niedersachsen

In Niedersachsen sind im Jahr 2018 rund 4,8 Milliarden Konsumeier erzeugt worden. Nach Angaben des Landesamtes für Statistik Niedersachsen haben etwa 15,8 Millionen Hühner aus niedersächsischer Zucht somit mehr als jedes dritte Ei in Deutschland gelegt. Rund 600 Millionen Eier davon kamen aus ökologischer Haltung. Das ist mehr als jedes zehnte Ei, wie Niedersachsens Landwirtschaftsministerium auf seiner Internetseite schreibt. Im vergangenen Jahr wurden 53 Prozent der Eier aus Niedersachsen in Bodenhaltung erzeugt, weniger als noch im Jahr 2017. "Der Anteil der Eier aus Freilandhaltung stieg im Gegenzug um gut fünf Prozentpunkte auf 22 Prozent", heißt es vom Ministerium weiter.

Was bedeutet "Übergangszeit"?

Das Gericht hat mit seiner Formulierung von einer "Übergangszeit" Spielraum gelassen. "Der Senat hat keine konkrete Frist gesetzt", bestätigte Gerichtssprecherin Petra Hoock NDR.de. Vonseiten der Bundesregierung könnte es 2020 so weit sein, dass die Kükentötung abgeschafft wird. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte im April gesagt, dass ein Verfahren zur Geschlechterbestimmung im Ei im kommenden Jahr zur Verfügung stehe. "Dann greift das Tierschutzgesetz, das das Schreddern verbietet", so Klöckner.

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SPD fordert Ende des Kükentötens in diesem Jahr

Niedersachsens Politiker nehmen die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts gemischt auf. Die SPD betonte, dass es längst die technischen Möglichkeiten zur Geschlechtserkennung im Ei gebe. Sie seien serienreif und teilweise im Einsatz. "Wir fordern für Niedersachsen deshalb einen verbindlichen Ausstieg aus der Kükentötung noch in diesem Jahr", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion, Wiard Siebels.

Ministerin Otte-Kinast will Betriebe in die Pflicht nehmen

"Der Ausstieg aus dem Töten männlicher Eintagsküken der Legelinien muss mit Nachdruck vorangetrieben werden", sagte Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU). Sie erwarte von der Geflügelwirtschaft, dass sie ihre "Anstrengungen zur Erreichung der Praxistauglichkeit der Geschlechtsbestimmung im Ei nochmals deutlich erhöht". Otte-Kinast kündigte zudem an, Vertreter der niedersächsischen Brütereien, der Wissenschaft und der Bruderhahn-Initiative kurzfristig zu einem Gespräch ins Ministerium einzuladen.

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Das Töten von männlichen Küken bleibt laut Bundesverwaltungsgericht vorerst legal. Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast fordert technische Alternativen.

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Grüne erwarten, dass Züchter "auf Zeit spielen"

Die Grünen im Landtag sind von dem Urteil enttäuscht: Da das Gericht kein festes Ausstiegsdatum genannt habe, werde die Geflügelwirtschaft wohl weiter "auf Zeit spielen", sagte die stellvertretende Fraktionschefin Miriam Staudte. Der FDP-Abgeordnete Hermann Grupe forderte, die Methoden zur Geschlechtsbestimmung im Ei schnell flächendeckend einzusetzen. Systematisches, millionenfaches Töten von Küken zeuge nicht von respektvollem Umgang mit den Tieren.

Branchenverbände loben Urteil als "kluge Entscheidung"

Der Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) begrüßte das Urteil als "eine kluge Entscheidung, die der Realität gerecht wird". Das Urteil gebe der Wissenschaft Zeit, "die Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei erfolgreich zum Abschluss zu bringen", sagte Präsident Friedrich-Otto Ripke. Der Bundesverband Deutsches Ei sieht das ähnlich: Eigentlich wolle von seinen Berufskollegen niemand mehr, dass männliche Küken vergast werden, sagte der Vorsitzende Henner Schönecke aus Neu Wulmstorf (Landkreis Harburg). Sofort damit aufzuhören, sei für die deutschen Brütereien wirtschaftlich jedoch nicht verkraftbar.

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BUND setzt auf Zweitnutzungshühner, Bauckhof auf Bruderhähne

Das Urteil sei falsch, kritisierte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). "Stattdessen wäre eine Entscheidung im Sinne einer verantwortungsvollen Tierhaltung wünschenswert gewesen", hieß es vom Verband. Die Politik sei aufgefordert, den Umbau der Tierhaltung auf Zweitnutzungshühner "endlich zu beginnen". Demeter-Landwirt Carsten Bauck aus dem Landkreis Uelzen bedauerte, dass der Tierschutz erneut hinter der Wirtschaftlichkeit zurückstehen müsse. Dabei gebe es Alternativen - wie etwa die von ihm gestartete Bruderhahn-Initiative. Dabei bezahlen die Kunden mehr fürs Ei, damit die Brüder der Legehennen am Leben bleiben können.

Betriebe aus Nordrhein-Westfalen hatten geklagt

Das Verwaltungsgericht hat konkret zwei Fälle aus Nordrhein-Westfalen verhandelt. 2013 hatte die dortige rot-grüne Landesregierung die umstrittene Praxis per Erlass stoppen wollen. Die Regierung argumentierte, dass das im Tierschutzgesetz festgelegte Verbot, einem Tier ohne "vernünftigen Grund" Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen, beim massenhaften Schreddern und Vergasen missachtet werde. Zwei Brutbetriebe klagten dagegen und bekamen in den Vorinstanzen Recht. Das menschliche Interesse an der Legehennenzucht wiege schwerer als das Interesse der Tiere an ihrer Unversehrtheit, hieß es vom Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster und vom Verwaltungsgericht Minden. Die wirtschaftlichen Zwänge der Betriebe stufte das OVG als "vernünftigen Grund" im Sinne des Tierschutzgesetzes ein.

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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 | 13.06.2019 | 18:00 Uhr

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