Stand: 13.08.2020 07:33 Uhr

Tausende Verfahren wegen Kinderpornografie

von Lars Ohlenburg und Marie-Caroline Chlebosch

Tag für Tag schaut sie sich stundenlang Kinderbilder und Filme an: Die Ermittlerin der Polizei Northeim sucht zwischen Urlaubsfotos und Selfies nach Kinderpornografie. Bild für Bild ansehen, protokollieren und bewerten. "Wenn ein Kind in einer sexuellen Pose sitzt - zum Beispiel mit gespreizten Beinen - zeigt es zwar die sexuelle Neigung des Täters, solange es bekleidet ist, ist das aber für uns rechtlich nicht unter Pornografie zu fassen. Aber wenn ein Kind unbekleidet ist, in einer sexuellen Pose, dann fällt es in den Bereich der Kinderpornografie", erzählt die Fahnderin. Die Dateien stammen von sichergestellten Handys, Computern und anderen Datenträgern. Die Täter kommen aus allen Bildungs- und Finanzschichten.

VIDEO: Kinderpornografie: Immer mehr Ermittlungsverfahren (7 Min)

Zahl der Verfahren seit Jahren steigend

Und sie kommen aus allen Ecken des Landes. Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Hannover hat im vergangenen Jahr mehr als 4.600 Verfahren gegen mutmaßliche Täter eingeleitet. "Wir haben deshalb personell aufgestockt, aus einer Abteilung wurden zwei. Anders war das nicht mehr zu händeln", sagt Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. In mehr als 90 Prozent der Fälle geht es um Kinder- und Jugendpornografie. Das sind mehr als doppelt so viele wie noch 2017. "Die Zahlen der Verfahren steigt seit Jahren an", sagt Klinge. Aktuell laufen 1.428 Ermittlungsverfahren.

Ein Missbrauchsverdacht - 130 Strafverfahren

Bergisch-Gladbach, Münster und zuletzt Northeim - deutschlandweit laufen derzeit vielerorts Ermittlungsverfahren wegen Kindesmissbrauchs und des Besitzes kinderpornografischen Materials. In Northeim steht ein Mann im Fokus, der sieben Kinder teilweise schwer sexuell missbraucht haben soll. Bei den Ermittlungen fand die Polizei Spuren, die sie zu 32 weiteren Beschuldigten führte. 130 Strafverfahren wurden eingeleitet.

Mehr Geld für mehr Personal

Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) möchte Staatsanwaltschaften und Gerichte mit mehr Personal ausstatten, um die Flut an Verfahren besser zu bewältigen. Da die Verfahren meist sehr umfangreich seien, benötigten die Behörden weitere finanzielle Mittel, so Havliza. Dafür hat die Ministerin für den Jahreshaushalt 2021 zusätzliches Geld beantragt. Wie viel das ist, sagt sie nicht. Der Landtag muss dem Haushalt allerdings noch zustimmen.

Ermittlungen oft schwierig

Dabei haben die Ermittlungsbehörden in den vergangenen Jahren bereits aufgestockt. Personal wurde im IT-Bereich ausgebildet, neue Cyber-Experten herangezogen, Hardware und Software aufgerüstet. Der Ermittlungsdruck auf die Täter soll so hoch wie möglich sein. Das geht oft nur mit massivem Personaleinsatz. Sie kämpfen sich durch 4.300 Gigabyte an Datenmaterial. Die Belastung für die Polizisten ist dabei hoch. Teilweise stundenlang müssen sie kinderpornografisches Material sichten, es bewerten und dokumentieren. Alle Beamten arbeiteten freiwillig in diesem Bereich, erklärt Göttingens Polizeipräsident Uwe Lührig. Was die Ermittler teilweise zu sehen bekommen, sei widerwärtig: "Es wühlt mich innerlich auf, das muss ich ganz ehrlich sagen, als Polizeipräsident, als Privatmann, als Vater und Opa. Ich habe größte Hochachtung vor den Ermittlerinnen und Ermittlern."

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Hallo Niedersachsen | 12.08.2020 | 19:30 Uhr

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