Stand: 31.01.2019 12:00 Uhr

Schöningen: Was kommt nach dem Kohleausstieg?

von Marc Hoffmann

Spätestens 2038 soll Schluss sein mit der Kohleverbrennung in Deutschland. Das Braunkohle-Kraftwerk Buschhaus zwischen Helmstedt und Schöningen wird im kommenden Jahr endgültig stillgelegt. Wie sieht die Zukunft für das vergleichsweise kleine Helmstedter Kohle-Revier im Südosten Niedersachsens aus? Vor über zwei Jahren wurden hier die letzten Brocken Kohle gefördert. Marc Hoffmann hat sich in Schöningen umgehört.

Bild vergrößern
Schöningen hat etwa 11.400 Einwohner - früher waren es mal 17.000 Menschen.

In Schöningen ist man stolz auf das paläon. Seit fünf Jahren zeigt das Forschungs- und Erlebniszentrum die altsteinzeitlichen Jagdspeere, die man in der Kohlengrube ganz in der Nähe gefunden hatte.

Vom futuristischen Museumsneubau aus blickt der Besucher in den langgezogenen, schwarzen Tagebau-Krater. Dahinter, am Horizont, drehen sich vielsagend ein paar Windräder.

Kommt eine Recycling-Anlage für Autobatterien?

Bild vergrößern
Schöningens Bürgermeister Henry Bäsecke bemüht sich, zukunftsträchtige Jobs in die Stadt zu holen.

Im Rathaus spricht Schöningens Bürgermeister Henry Bäsecke (parteilos) vom sanften Tourismus als nur einem Standbein für seine Stadt. Industrie-Arbeitsplätze müssten her. Im früheren Helmstedter Kohlerevier geistern viele Ideen herum. Die einer Phosphor-Rückgewinnungsanlage zum Beispiel. Bürgermeister Bäsecke will im Bereich der Elektromobilität mitmischen. "Wenn wir eine Anlage bekommen, die in der Lage ist, die Elektroautos von ihren ausgedienten Batterien zu befreien und diese dann zu recyceln, dann würden wir uns hier zu einem Kernkompetenzgebiet für Recycling entwickeln."

Abschied vom Kraftwerk

Bild vergrößern
Das Kraftwerk Buschhaus hat im Herbst 2016 seinen regulären Betrieb eingestellt, bis 2020 dient es noch als Reserve-Kraftwerk.

Doch spruchreif sei noch nichts, schiebt Schöningens Rathauschef hinterher. Den Standort mit Schienenanbindung hätte er aber schon: Das Kohlekraftwerk Buschhaus bei Schöningen, das spätestens im kommenden Jahr endgültig abgeschaltet werden soll, böte dafür genug Platz. Was den weitaus größeren Kohle-Revieren in Deutschland in einigen Jahren bevorsteht, macht Bäsecke jetzt schon durch: "Wir wollen mit diesem zeitlichen Vorsprung, den wir haben, Modelle entwickeln, die man vielleicht auf die großen Reviere entsprechend anwenden kann, um auch deren Strukturwandel voranzubringen."

"Schöningen ist eine Rentner-Stadt"

Die Fußgängerzone ist um die Mittagszeit kaum besucht. Das Heimatmuseum gegenüber dem Rathaus hat geschlossen. Im Fenster steht das Modell eines Tagebaubaggers. Daneben ein verziertes Kohlebrikett. Im Nachbarhaus stehen die Ladenräume leer. "Zu vermieten" steht auf einem Schild. Früher lebten in Schöningen über 17.000 Menschen. Heute sind es etwa 11.400.

Eine Rentnerstadt sei Schöningen, meint Klaus Hannemann. Er ist selbst Rentner, in Schöningen geboren. Viele Junge Leute seien weggezogen, den Jobs hinterher. "Der Kreis Helmstedt kommt hier nicht in die Pötte", klagt der 78-Jährige. Dass die Kohle irgendwann einmal zur Neige geht, das habe man schon sehr früh gewusst.

Hannemann erzählt von vertanen Chancen, von gescheiterten Plänen nach dem Zweiten Weltkrieg, in Schöningen ein Motorenwerk anzusiedeln. Das aber öffnete später in Salzgitter. Die damalige Braunschweigische Kohlebergwerke AG und die Gewerkschaften seien einfach zu mächtig gewesen.

Die Firmen gehen lieber nach Sachsen-Anhalt

Auch der Kommunalpolitiker Rolf-Dieter Backhaus kennt ähnliche Geschichten. Doch der 77-Jährige will lieber über die Zukunft sprechen und nicht darüber, ob man schon eher hätte umsteuern können. Backhaus zieht ein Prospekt des SPD-Ortsvereins Schöningen hervor und verweist auf das, was er und seine Kollegen im Stadtrat sowie auf Kreisebene seit den 1990er-Jahren angeschoben hätten. Oft vergeblich. "Man macht sich rechtzeitig Gedanken, schafft neue Gewerbegebiete. Das hilft nichts", sagt Backhaus. "Die Firmen kommen nicht, weil wenige Kilometer weiter in Sachsen-Anhalt 60 Prozent Förderung bezahlt wird - und wir haben höchstens 20 Prozent Förderung."

Das soll sich allerdings nun ändern. Backhaus‘ Augen glänzen. Er setzt voll und ganz auf die verprochenen Strukturhilfen vom Land Niedersachsen und vom Bund.

Weitere Informationen

Viel Geld für Kohle-Regionen in Niedersachsen

Bis 2038 will Deutschland den Ausstieg aus der Kohle vollziehen. Zur Unterstützung betroffener Regionen könnten bis zu 150 Millionen Euro jährlich nach Niedersachsen fließen. mehr

Lies bezeichnet Kohlekompromiss als Chance

Energieminister Lies hat die Ergebnisse der Kohlekommission als Chance für den Klimaschutz bezeichnet. Grünen-Landesvorsitzende Kura vermisst dagegen einen konkreten Ausstiegsplan. mehr

Zu Gast in der Welt des Homo heidelbergensis

1994 entdeckten Forscher bei Helmstedt 300.000 Jahre alte Jagdwaffen. Das Erlebniszentrum paläon präsentiert die Schöninger Speere - als Zeitreise in die Steinzeit. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 31.01.2019 | 07:20 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

03:52
Hallo Niedersachsen
03:00
Hallo Niedersachsen
03:45
Hallo Niedersachsen