Sendedatum: 24.01.2017 21:15 Uhr  - Panorama 3  | Archiv

Lingen: Warum stürzte das Turnhallen-Dach ein?

von Esra Özer, Mareike Fuchs und Philipp Hennig

Ein zufälliger Blick an die Decke hat vermutlich Menschenleben gerettet. Hausmeister Manfred Kuhl räumte wie immer die Geräte in der Turnhalle der Johannesschule in Lingen auf. Noch am Morgen hatten sich hier Schulkinder aufgehalten. Kuhls Blick ging nach oben. Hing die Decke nicht ein wenig tiefer als sonst, eine kleine Rundung? Manfred Kuhl dachte zuerst an eine optische Täuschung, holte sich dann aber eine zweite Meinung ein.

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Die Stadt Lingen sperrte die Halle umgehend und stützte das Dach von außen mit einem Kran. Dennoch hielten die Träger nicht, das Dach brach ein. "Ich war fassungslos", sagt Mutter Birgit Gövert. Ihre Tochter Emma nutzt die Halle regelmäßig. "Man geht doch als Eltern davon aus, dass das geprüft ist, dass es bombensicher für die Kinder ist", sagt Gövert. Wenige Tage vor dem Einsturz hatte ihre Tochter noch in der Halle trainiert.

Gutachter soll Einsturz untersuchen

Über die Ursache des Zusammenbruchs herrscht nach wie vor Unklarheit. Ein Gutachter soll im Auftrag der Stadt den Grund für den Einsturz untersuchen. Erst zehn Tage zuvor habe man eine Sichtkontrolle vorgenommen und dabei nichts Auffälliges bemerkt. "Da sind zwei Handwerker des Bauhofs hier gewesen. Sie haben dieses Dach begutachtet", sagt Lothar Schreinemacher, Stadtbaurat in Lingen. "Das machen wir ein paar Mal im Jahr. Und dabei ist überhaupt nichts in irgendeiner Art aufgefallen."

Trägerkonstruktion stammt aus dem Jahr 1966

Im Jahr 2010 wurde das Dach der Halle ausgetauscht und im Zuge dessen energetisch saniert. Die hölzerne Trägerkonstruktion aus dem Jahr 1966 wurde dabei nicht ausgewechselt. Doch bereits 2006 sei das Dach der Johannesschule überprüft worden. "Im Rahmen der Sanierung der Hallen- und Dachkonstruktion in bauphysikalischer und energetischer Sicht erfolgte eine weitere umfangreiche Überprüfung im Jahr 2010", schreibt die Pressesprecherin der Stadt Lingen auf Anfrage von Panorama 3. Dabei seien keine Auffälligkeiten oder Schäden festgestellt worden.  2016 wurde - wie im Jahr 2010 geplant - eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach befestigt.

Weitere Dächer einsturzgefährdet

Trümmer in der eingestürzten Turnhalle
Hier spielten vor Kurzem noch Kinder - nun liegen hier Trümmer.

Doch wie kann ein Hallendach einfach so einstürzen? "Normalerweise gibt es zwei Gründe für das Einstürzen von Holzträgern: Entweder das Holz ist feucht geworden und deshalb anfällig, oder es liegt zu viel Gewicht darauf, weil zum Beispiel die Statik falsch berechnet wurde", sagt Ernst-Ullrich Köhnke. Köhnke ist Gutachter für Holzkonstruktionen und durfte sich mit Zustimmung der Stadt Lingen im Auftrag des NDR die eingestürzte Halle ansehen. Doch die üblichen Hinweise auf Feuchtigkeit konnte er bei seiner Begehung erst einmal nicht feststellen. Übermäßig viel Schnee lag vor dem Einsturz auch nicht auf dem Dach.

Eine weitere Turnhalle in Lingen, im Stadtteil Bramsche, musste wegen Einsturzgefahr vorsorglich gesperrt werden. Zudem darf die Halle des Gymnasiums Papenburg derzeit nicht genutzt werden, auch diese Halle wurde vorsorglich gesperrt.

Sind die Leimbinder das Problem?

Auf die Frage, welche Gemeinsamkeiten die zwei Hallen in Lingen haben, antwortet die Stadt, dass sowohl die Halle der Johannesschule als auch die Halle der Grundschule Bramsche von sogenannten Leimbindern (Brettschichtholzträger) getragen werden Die Konstruktionsarten der Dächer würden sich aber unterscheiden. Der für die Halle in Papenburg zuständige Landkreis Emsland teilte Panorama 3 schriftlich mit, es handele sich ebenfalls um eine Leimbinder-Konstruktion.

Sogenannte Leimbinder waren im Jahr 2006 in die Schlagzeilen gekommen. Damals stürzte die Eislaufhalle im bayerischen Bad Reichenhall während des laufenden Betriebes ein, zwölf Kinder und drei Erwachsene starben unter den Trümmern. Bis heute ist die exakte Unfallursache nicht geklärt, eine Rolle hat aber wohl der Kleber gespielt, mit dem die Holzträger verleimt waren. Dieser Kleber war anfällig für Feuchtigkeit und schon Wochen vor dem Einsturz tropfte es vom Dach. Zudem hat die statische Berechnung Fehler aufgewiesen. Als Folge von Bad Reichenhall überprüften etliche Gemeinden die Sicherheit ihrer Turnhallen und Sportstätten.

Regelmäßige Kontrollen nur empfohlen

Anders als bei Bauwerken wie Brücken, ist bei Gebäuden nach hiesigem Baurecht eine regelmäßige Überprüfung nicht festgeschrieben. Zwar ist der Bauherr und Liegenschaftsbesitzer verpflichtet, seinen Bau in einem guten und gefahrlosen Zustand zu halten, doch wie er dem nachkommt, ist Ermessenssache. Während jeder Autobesitzer mit seinem Fahrzeug alle zwei Jahre zum TÜV muss, gibt es für die Überprüfung von Gebäuden nur Empfehlungen. Wie die der Landesbauminister nach den Ereignissen von Bad Reichenhall aus dem Jahr 2006. Demnach wird die Begehung von Turnhallen durch eine fachkundige Person alle zwei bis drei Jahre nahegelegt, eine eingehende Überprüfung solle alle 12 bis 15 Jahre stattfinden.

Zuletzt wurde 2010 geprüft

Die letzte umfangreiche Überprüfung hatte es in Lingen der Stadt zufolge im Jahr 2010 gegeben. Wie es dennoch dazu kommen konnte, dass nur ein Zufall ein schlimmes Unglück verhinderte, darauf gibt es bisher keine Antwort. Die Ergebnisse des Gutachtens liegen noch nicht vor. Auch der Umstand, dass gleichzeitig zwei Hallen im Emsland vorsorglich gesperrt wurden, wirft weiter Fragen auf. 

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 24.01.2017 | 21:15 Uhr

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