Schüler sitzt am Computer. © picture alliance / Zoonar | lev dolgachov

Kultusminister verärgert Lehrer mit digitalem Zukunftstag

Stand: 09.02.2021 17:06 Uhr

Auch in der Corona-Pandemie will Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) den Zukunftstag umsetzen - und zwar digital. Schulen reagieren verärgert, sie fühlen sich überlastet.

von Torben Hildebrandt

Der Minister hat sich neuen Ärger mit den Lehrerverbänden eingehandelt. Diesmal geht es nicht um große Themen wie Niedersachsens Corona-Kurs in den Schulen oder die Unterrichtsversorgung. Der Streit entzündet sich am Zukunftstag, auch bekannt als Girl's- oder Boy's-Day. Der Kultusminister will auch in der Pandemie an dem Projekttag zur Berufsorientierung festhalten. Die Schulen sollen digitale Angebote organisieren.

Wechselnde Unterrichtsformen Herausforderung genug

Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL) reagiert verärgert. Ein Zukunftstag mitten in der Corona-Zeit? VNL-Landeschef Torsten Neumann hält das für einen Affront: "Unsere Schulen und ihre Lehrkräfte sind nach einem Jahr Pandemiebewältigung über die Maße belastet und arbeiten bereits am Limit, sehr viele darüber", sagte Neumann. "Diese Anweisung aus dem Ministerium demotiviert mehr, als dass sie hilft." Der Schulalltag mit Präsenz-, Wechsel- und Distanzunterricht sei herausfordernd genug, so Neumann. Auch Schulleiter schütteln den Kopf. "Es ist unglaublich, wie man jetzt auf so eine Idee kommen kann", sagte der Chef einer Gesamtschule, der namentlich nicht genannt werden möchte. Laura Pooth, die Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, wird ebenfalls deutlich: "Der Minister muss für Entlastung sorgen - und nicht für Belastung."

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Schulen sollen Online-Angebote erstellen

Das Ministerium hat die Schulen in der vergangenen Woche über den Zukunftstag informiert, der am 22. April stattfinden soll - "nach Entscheidung durch Herrn Minister", wie es in dem Brief heißt. Da die Schülerinnen und Schüler nicht in die Betriebe reinschnuppern können, werden die Schulen aufgefordert, Online-Angebote auf die Beine zu stellen. Die Schulen sollen "Projekteinheiten zur gendersensiblen Beruflichen Orientierung" durchführen, heißt es in dem Schreiben. Das Ministerium liefert gleich Links zu Internetseiten mit, auf denen sich die Schulen Anregungen für den Projekttag holen können.

Ministerium sieht keine Zusatzbelastung

Im Kultusministerium teilt man die Sorgen der Lehrkräfte und Schulleiter nicht. "Gerade in diesen Zeiten halten wir die Berufsorientierung für notwendig und auch machbar", teilte ein Ministeriumssprecher auf Anfrage des NDR in Niedersachsen mit. "Das ist ja keine neue, zusätzliche Erfindung, sondern ein den Schulen bekanntes Instrument, das jetzt Corona-gerecht zum Einsatz kommen soll."  Im vergangenen Jahr habe der Zukunftstag abgesagt werden müssen, "inzwischen hat sich Schule aber neu sortiert". Und weiter heißt es: Digitale Angebote seien inzwischen "erprobte und wesentliche Instrumente an den niedersächsischen Schulen", insbesondere für ältere Schüler.

GEW-Chefin will Kultusminister umstimmen

Ein digitaler Zukunftstag - machbar oder Zumutung? Schulleiter sprechen von einem "verfrühten Aprilscherz" oder gar von "Unsinn". Zwar halten auch Lehrerverbände die Berufsorientierung für wichtig, aber eben nicht als Projekttag in der Corona-Pandemie. "Da wird immer mehr oben drauf gepackt", klagt GEW-Landeschefin Pooth. Sie will jetzt versuchen, den Kultusminister im direkten Gespräch umzustimmen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 10.02.2021 | 08:00 Uhr

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