Stand: 24.11.2018 00:00 Uhr

Krankenwohnung hilft kranken Obdachlosen sehr

von Marlena Maerz, NDR Niedersachsen

Wenn man krank ist, möchte man eigentlich nur eins: ins Bett oder aufs Sofa - und möglichst schnell wieder gesund werden. Die rund 1,2 Millionen Obdachlosen in Deutschland haben es oft schwer, richtig gesund zu werden. Ihnen fehlen das Bett, die Ruhe - und oft auch die medizinische Versorgung. In Niedersachsen gibt es in der Region Hannover seit einigen Jahren Krankenwohnungen für die Betroffenen. Vor einem Jahr hat die Caritas auch auf dem Land eine Krankenwohnung für Obdachlose eröffnet. In Ankum (Landkreis Osnabrück) wurde nun einer erste Bilanz gezogen.

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Der Obachlose Frank ist froh, dass ihm in der Krankenwohnung geholfen wird.

Etwa 30 Jahre lang hat Frank auf der Straße gelebt. Seinen Nachnamen will er nicht nennen. Frank war viel im Landkreis Osnabrück unterwegs, auch mal in Köln oder Hamburg. Doch nun geht das nicht mehr. Der Körper spielt nicht mehr mit, sagt der 48-Jährige: "Ja, was habe ich? Polyneuropathie, die Nervenbahnen sind das. Und die Leber hat einen weg, die Lunge, die Pumpe. Aber dafür wird ja auch was gemacht jetzt."

Frank ist einer von zehn Obdachlosen, die in den vergangenen zwölf Monaten in der Krankenwohnung in der Gemeinde Ankum nördlich von Osnabrück versorgt werden konnten. Die Betroffenen kamen mit Grippe, offenen Wunden oder nach einer Operation. Einige blieben nur wenige Tage, andere mehrere Wochen.

Frank lebt seit drei Monaten in der Krankenwohnung. Zwei Schlafzimmer, Küche, Bad mit Terrasse. Für ihn zunächst ein ungewohntes Gefühl: "Auf einmal habe ich so durchgepennt. Das erste Mal seit Jahren. Sonst sind das ja immer im Schnitt nur so drei, vier Stunden. Man schläft ja nur mit einem Auge, wenn du draußen bist. Richtig. Und da habe ich mich auch richtig erholt, Stück für Stück."

Akute Erkrankung muss vorliegen

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Die Sozialarbeiterin Sonja Korosa von der Caritas kümmert sich um die kranken Obdachlosen.

Sonja Korosa von der Caritas hat ihn auf das Angebot aufmerksam gemacht. Die Sozialarbeiterin koordiniert die Arbeit in der Krankenwohnung. Und sie entscheidet, wer dort unterkommen kann: "Es muss eine akute Erkrankung vorliegen oder eine chronische Erkrankung, die jetzt gerade in einer akuten Phase ist. Wir besuchen dann sofort die Ärztin, die dann auch feststellt: Okay, derjenige ist jetzt tatsächlich reiseunfähig, er braucht medizinische Behandlung."

"Hauptsache, der Schmerz war weg"

So wie bei Frank. Sonja Korosa begleitet ihn zum Arzt, sie klärt Fragen mit der Krankenkasse. Viele Betroffene sind sich beispielsweise gar nicht sicher, ob sie überhaupt versichert sind. Wenn man auf der Straße lebt, sei die Hürde zum Arzt zu gehen sehr hoch, sagt die Sozialarbeiterin. Etwa weil die Betroffenen unsicher sind, wer die Kosten übernimmt, oder weil sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Auch Frank lebte nach dem Motto: Das geht schon weg: "Ich habe mich dann immer mit Alkohol betäubt, Drogen ab und zu dazwischen und Tabletten. Und dann ging das. Hauptsache, der Schmerz war weg."

"Das Leben auf der Straße macht krank"

Deutschlandweit gibt es fünf Krankenwohnungen für Obdachlose, darunter zwei in Hannover. Die Wohnung in Ankum mitten auf dem Land ist etwas besonderes, weil dort die Obdachlosen abseits der Stadt richtig zur Ruhe kommen können.

Christian Jäger arbeitet bei der Zentralen Beratungsstelle Niedersachsen. Sie koordiniert die Hilfen für Menschen in Wohnungsnot. Steigende Mieten, fehlende Sozialwohnungen, ein höheres Armutsrisiko. Die Zahl der Obdachlosen steigt seit Jahren, sagt Jäger: "Und wenn man sich klar macht, dass das Leben auf der Straße krank macht, kann man klar ableiten, dass auch der Bedarf an Krankenwohnungen für diesen Personenkreis ansteigt."

Land und die Kommunen in der Pflicht?

Meist scheitert es jedoch am Geld. Jäger sieht das Land und die Kommunen in der Pflicht. Die Wohnung in Ankum wird von der Caritas, dem Landkreis Osnabrück und der Aktion Mensch finanziert. Zunächst für drei Jahre.

Frank wird demnächst in ein Wohnheim ziehen: "Mit Straße ist Schluss. Ich kann nicht mehr. Es geht nicht mehr. Der Kopf sagt ja, aber die Beine sagen: Ist nicht mehr." Frank hofft, dass die Wohnung in Ankum Nachahmer findet: "Wie gesagt: Die Bude kann ich nur empfehlen für die Leute. Davon sollt es mehr geben. Echt."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 24.11.2018 | 07:38 Uhr

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