Stand: 11.11.2019 17:10 Uhr

"Onay kann keine Wunder vollbringen"

Der Grünen-Politiker Belit Onay wird neuer Oberbürgermeister von Hannover. Bei der Stichwahl am Sonntag gewann er mit 52,9 Prozent gegen Eckhard Scholz (parteilos), der für die CDU ins Rennen gegangen war. Hannover ist damit nach Freiburg, Darmstadt und Stuttgart die vierte Großstadt, in der ein Grünen-Politiker die Geschicke leitet.

Ein Kommentar von Gerd Wolff, NDR Info

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Grünen-Politiker Onay feiert nach Bekanntwerden des Wahl-Ergebnisses mit seiner Frau Derya.

Zunächst die Argumente, die niemand ernsthaft bestreiten kann: Belit Onay ist eine spannende Personalie für Hannover. Die Stadt gewinnt mit diesem Oberbürgermeister. Niedersachsens Metropole muss sich bekanntlich immer noch gegen den Ruf wehren, provinziell zu sein. Ein Oberbürgermeister mit Migrationshintergrund, ein junger Familienvater und noch dazu ein Grüner, der sich überzeugender ausdrücken kann als sein Konkurrent -  was will man mehr nach 73 Jahren mit sozialdemokratischen Stadtchefs, von denen besonders der letzte die Standards deutlich unterbot? Hannover ist nun in der Wahrnehmung vieler in der Riege der zukunftszugewandten, modernen Großstädte angekommen. Die unterschätzte Schöne kann glänzen.

Die Hannoveraner haben also den Wechsel gewählt. Und jetzt?

Bürgerliches Überleben ist weiter möglich

Erst einmal muss niemand fürchten, dass künftig veganer Wahnsinn bürgerliches Überleben in Hannover unmöglich macht. Sosehr Belit Onay im Wahlkampf für seine autofreie City und eine Verkehrswende geworben hat, so lange wird es dauern, sie einzuführen. Aber sie wird am Ende kommen, und Hannover kann zeigen, wie sich eine Zukunft mit gutem Rund-um-die-Uhr-Nahverkehr und entscheidend weniger Kohlendioxid und Feinstaub erradeln läßt. Flach genug dafür ist es ja.

Bezahlbarer Wohnraum, bessere Kitas - die soziale Komponente in Onays Wahlkampf ist nicht erfolgversprechender als das, was andere Großstädte ankündigen, wenn sie spüren, was die Zeit geschlagen hat. Hier wird Onays "Aufbruch wagen" von den Plakatwänden an der finanziellen Realität gemessen werden müssen.

Onay will ein Oberbürgermeister für alle sein

Der neue Oberbürgermeister ist von 53 Prozent der Wählerinnen und Wähler ins Amt befördert worden. Das ist kein Erdrutsch - vor allem, wenn man bedenkt, dass er von einer sozialdemokratischen Wahlempfehlung profitieren konnte. Hannover hat sich von zwei sympathischen Kandidaten den eloquenteren erwählt, und der muss nun zeigen, dass er wie versprochen einer für alle sein kann. Wunder in einer zunehmend auseinander treibenden Stadtgesellschaft kann auch ein aufstrebender, grüner Superstar wie Belit Onay nicht vollbringen.

Gelingt der Schulterschluss mit der Verwaltung?

Dass er die nötigen kommunikativen Fähigkeiten hat, konnte er im Wahlkampf belegen. Doch wenn es mit dem Wähler geklappt hat, gelingt auch der Schulterschluss mit der Verwaltung? Unter den eingerüsteten Türmen im renovierungsbedürftigen Neuen Rathaus von Hannover lauert die waidwunde Sozialdemokratie. Der Machtverlust an der Spitze könnte eine verunsicherte Bürokratie zum Boykott verführen.

Onay muss einen Mittelweg zwischen harter Hund und Kuschelkater finden, um die Dezernate auf Trab zu bringen und die personellen Erwartungen an ein Ende des roten Filzes zu erfüllen. Der Rat ist für einen Oberbürgermeister das Maß der Dinge, der Fortbestand der noch immer SPD-dominierten Ampelkoalition ist nicht garantiert - die FDP war schließlich für Onays Konkurrenten. Der Neue wäre wohl klug beraten, hielte er sich an die wenigen grünen Fachfrauen im Rathaus, unter anderen die Interims-Verwaltungschefin. Nicht alle Männer in seiner Partei - so heißt es - sehen Onays Aufstieg mit multikultureller Gelassenheit.

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NDR Info | Kommentar | 11.11.2019 | 17:08 Uhr

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