Stand: 23.12.2019 10:54 Uhr  - NDR Info

Jagen als Hobby: Ein neuer Trend?

von Laura-Nadin Schneider-Naue
Eine Jägerin zielt mit ihrem Gewehr. © picture-alliance/dpa Foto: Philipp Schulze
Immer mehr Frauen greifen in ihrer Freizeit zur Waffe.

Viele Jahre galt die Jagd als verstaubtes Altherren-Hobby. Grauhaarige Männer mit grünem Lodenhut und Dackel prägten das Bild in der Gesellschaft. Doch mittlerweile entdecken nicht nur jüngere Menschen die Jagd für sich, sondern auch immer mehr Frauen. In Niedersachsen sind gut 19 Prozent der 16- bis 30-jährigen Jäger weiblich. Und der Anteil der Frauen steigt weiter. Immerhin nahmen 2018 in Niedersachsen fast 5.000 Personen an dem "grünen Abitur", also an einer Jagdprüfung teil. Das sind so viele wie in keinem anderen Bundesland.

Ausbilder wie Dirk Grahn und Matthias Wolff begrüßen es, dass vermehrt Frauen auf die Jagd gehen. Das tue der Jagd gut, meint Wolff. "Das Draufgängerische, das Männer häufig mit sich bringen, das geht Frauen in der Regel ab. Und Draufgängertum bei der Jagd ist, glaube ich, kein guter Ratgeber." Auch der Deutsche Jagdverband klärt aktiv über die Aufgaben der Jäger auf. Denn die Jagd bestehe nur zum geringsten Teil aus Schießen, so Wolff. Es gehe vor allem darum, in der Natur zu sein, zu hegen und zu pflegen. Und genau darum gehe es laut einer Umfrage des Jagdverbandes heute auch vielen Jungjäger.

Jagdschein: Wochenlange Vorbereitung

Dirk Grahn und Matthias Wolff bereiten eine Gruppe mit Jagdschülern auf das "grüne Abitur" vor: fünf Männer und eine Frau mit ihrer 15-jährigen Tochter. Die Teilnehmer dieses Kurses kommen aus Hannover oder der Umgebung. Sie arbeiten in Berufen, die nichts mit dem Wald zu tun haben: als IT-Leiter, Innenarchitekt, Zahnärztin, Koch. Ihnen geht es unter anderem auch um das Naturerlebnis. So erklärt IT-Leiter Leroy, er wolle "nicht nur das Jagen, sondern auch die Natur selber kennenlernen". Der Kombi-Kurs beginnt mit einer Intensiv-Woche. Zunächst geht es um die Theorie, dann um den Reviergang und schließlich das Schießtraining. Danach folgt an drei Wochenenden weiterer Unterricht. Vom ersten Ausbildungstag bis zur Prüfung wird ein Monat vergehen.

Wissen über den Wald und seine Tiere

Teilnehmer an einem Jagdscheinkurs gehen durch einen Wald © NDR Foto: Laura-Nadin Schneider-Naue
Zu einem Jagdscheinkurs gehört auch der Reviergang im Wald.

Kenntnisse rund um den Wald, die Pflanzen und Tiere gehören ebenfalls zu dem, was die Teilnehmer im Kurs lernen. Bis zur Prüfung müssen die Jagdschüler zum Beispiel wissen, welches Tier wann Schonzeit hat. Denn neben dem Schießen und dem Reviergang gehört auch ein theoretischer Teil zum "grünen Abitur". Insgesamt 100 Fragen müssen die Teilnehmenden beantworten, wobei der Katalog mehr als 2.600 mögliche Fragen umfasst. "Welches Tier unterliegt in Niedersachsen dem Jagdrecht?", lautet zum Beispiel eine Frage, und die Anwärter haben fünf Antwortmöglichkeiten. Auch Wissen zur Hege und Pflege wird geprüft, etwa welche Eulenart am Boden brütet. An den zwei Prüfungstagen findet dann zunächst das Schießen in drei verschiedenen Disziplinen statt, danach die schriftliche Prüfung. Am zweiten Tag wird der Reviergang mit fünf Stationen simuliert.

Welche Situation ist die richtige zum Schießen?

Bis zur Prüfung müssen die Schülerinnen und Schüler von Dirk Grahn und Matthias Wolff noch einiges lernen - vor allem das Schießen. Doch bevor das eigentliche Schießtraining beginnt, erklären die beiden, in welcher Situation ein sicherer Schuss möglich ist. Die Gruppe simuliert an einem Tag die Jagd in einer kaum bewachsenen Sandkuhle. Am oberen Rand der Kuhle soll ein imaginiertes Rehwild stehen. Eine der Teilnehmerinnen, die 15-jährige Victoria soll sagen, ob sie schießen würde. Sie lässt sich nicht beirren und antwortet richtig: "Ich würde nicht schießen, weil es höher ist als ich und ich danach keinen Kugelfang habe." Keinen Kugelfang - das heißt, bei einem Schuss von der Kuhle aus schräg nach oben könnte die Kugel einfach weiterfliegen, und dadurch möglicherweise auch Menschen gefährden.

Ein Papierschiff auf einem Globus. © 2013 suze / Photocase

AUDIO: Die Jagd - ein hippes Hobby? (26 Min)

Jagdunfälle und Tierschutz: Kritik an der Jagd

Jagdunfälle kommen in Deutschland selten vor, aber sie passieren. Darum fordert unter anderem die Tierschutzpartei, die Hobby-Jagd abzuschaffen. Andere Kritiker bezweifeln den generellen Sinn der Jagd. Die Tierrechtsorganisation PETA argumentiert beispielsweise, dass die Tiere durch die Jagd eine geringere Lebenserwartung hätten, in der Folge früher geschlechtsreif würden und dadurch letztlich die Geburtenrate ansteige. Und Jägern ginge es nicht um Naturliebe, sondern um das Sammeln von Trophäen.

Mittlerweile posten Nutzer Fotos von ihren Jagderlebnissen in den Sozialen Medien, auch vom erlegten Tier. Dazu posieren Jäger mitunter mitsamt Gewehr und gestylt wie für eine Party. Von Gegnern der Jagd ernten sie für solche Bilder manchmal einen regelrechten Shitstorm. Ausbilder Matthias Wolff sieht solche Fotos pragmatisch: "Dagegen spricht ja nichts, wenn es der Sache dient. Wenn es ihnen gelingt, dadurch junge Menschen für die Jagd zu begeistern, nicht fürs Schießen, sondern für das große Thema Jagd, dann kommt uns das ja allen zugute."

Respekt vor dem ersten Abschuss

Rehe © NDR Foto: Laura-Nadin Schneider-Naue
Jäger sollen nur schießen, wenn sie sich sicher sind, gut zu treffen.

Dennoch ist das Schießtraining besonders wichtig. Denn ausgebildete Jäger sollen nur schießen, wenn sie sich sicher sind, gut zu treffen. Die erste reale Jagd, das erste erlegte Reh, das würde man nicht vergessen, sagen die beiden Ausbilder. Bei Matthias Wolff liegt das nicht lange zurück, er besitzt den Jagdschein erst seit einigen Jahren. Wolff erinnert sich daran, wie froh er war, als sein erster Rehbock sofort umfiel. Auch die Jagdscheinanwärter beschäftigt dieser erste Schuss. Teilnehmer Sascha hofft, möglichst gut zu treffen, um dem Tier Leid zu ersparen. "Ich denke, ich habe kein Problem damit, ein Tier zu töten, denn ich esse auch Fleisch", sagt er. Wenn man Fleisch isst, sollte man dazu auch grundsätzlich bereit sein. "Aber ich habe dann schon den dringenden Wunsch, dass das auch sofort klappt."

Erfolgreiche Jagdschein-Prüfung

Links

Jagdscheininhaber in Deutschland

Informationen des Deutschen Jagdverbandes. extern

Fast alle Anwärter bestehen wenige Wochen später ihre Prüfung. Die Ausbilder raten ihnen, weiter zu trainieren. Denn bis die Jagdschüler das erste Mal an einer realen Jagd teilnehmen werden, wird wahrscheinlich noch etwas Zeit vergehen. Sie haben aber in diesem Monat außer dem Wissen über einen sicheren Schuss noch vieles mehr gelernt: Kenntnisse über die Natur, den Wald und seine Bewohner.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Forum am Sonntag | 22.12.2019 | 06:05 Uhr

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