Stand: 26.11.2018 09:56 Uhr

Industrie und Arzt in enger Verbundenheit

von Christian Baars und Elena Kuch

Medizinprodukte wie Herzschrittmacher, Prothesen oder auch Insulinpumpen verbessern oder erleichtern vielen Menschen das Leben. Doch oft ist es kaum möglich, unabhängige Informationen zu bekommen - zumal führende Mediziner eng mit den Herstellern der Produkte zusammenarbeiten. In den USA wird zumindest offengelegt, wie viel die Ärzte dafür bekommen, in Deutschland nicht. Die US-Daten zeigen, dass der Weltmarktführer Medtronic zuletzt knapp 200 Millionen Dollar im Jahr an Ärzte gezahlt hat. Auch ein führender Mediziner in Hannover, der in Büchern, Vorträgen, Fortbildungsveranstaltungen und den Leitlinien den Einsatz von Insulinpumpen empfiehlt, arbeitet eng mit der Industrie zusammen.

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Thomas Danne gilt als führender Kinderdiabetologe in Deutschland.

Professor Thomas Danne rückt seinen Becher von der Harvard-Universität zurecht. Hinter seinem Schreibtisch reihen sich Urkunden, Medaillen und Pokale auf einem Regal aneinander. Ein gerahmtes Poster an der Wand zeigt, dass er kürzlich auf dem Welt-Diabetes-Kongress in Abu Dhabi für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Danne gilt als größter Kinderdiabetes-Experte

Hört man sich unter Kinderdiabetologen um und fragt, wer denn der einflussreichste unter ihnen sei, an wessen Empfehlungen sich die Kollegen orientieren, dann fällt fast immer sein Name. Danne leitet Deutschlands größtes Kinder-Diabetes-Zentrum in Hannover mit 700 Patienten, ist Chefredakteur des "Diabetes-Eltern-Journals", war Präsident der Internationalen Kinderdiabetes-Gesellschaft und lange Zeit Vorsitzender der Organisation "diabetesDE - Deutsche Diabetes-Hilfe". Außerdem ist er Autor diverser Standardwerke und hat die Leitlinien zur Behandlung von Diabetes bei Kindern und Jugendlichen mitgeschrieben. Sie dienen anderen Ärzten und Patienten als Orientierung. Deshalb sollten die Autoren auch möglichst unabhängig sein.

Danne empfiehlt Insulinpumpen

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Unabhängige Studie wirft Zweifel an Vorteil für Pumpen auf.

In den Leitlinien und auch sonst überall in seinen Werken sowie auf Kongressen, in Interviews und Fortbildungsveranstaltungen empfiehlt Danne den Einsatz von Insulinpumpen. Dies sind kleine Geräte, die durchgängig Insulin über einen Schlauch in den Körper von Diabetes-Patienten pumpen. So brauchen sie sich nicht mehr selbst zu spritzen. Zehntausende Diabetiker in Deutschland nutzen mittlerweile solche Pumpen.

Danne sieht als Vorteil vor allem die Flexibilität, die die Patienten gewinnen. In Deutschland würden mittlerweile 91 Prozent aller Kinder unter sechs Jahren, die Diabetes haben, mit einer Insulinpumpe behandelt - "bei uns 100 Prozent", berichtet er stolz im Interview mit NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung". Einst bezeichnete er die Geräte als "Porsche der Insulintherapie". Nun sagt er, dass sie mittlerweile noch besser seien - so wie selbstfahrende Autos. Weil die neuesten Pumpensysteme auch den Blutzucker messen und die benötigte Insulinmenge automatisch anpassen können. Die Pumpen würden das Leben erleichtern, sagt Danne.

Studien sehen keine Vorteile der Pumpen 

Doch Recherchen von NDR, WDR und SZ zeigen: Belastbare Studien, die einen klaren medizinischen Vorteil der Pumpen gegenüber einer Behandlung mit Spritzen belegen, gibt es nicht. Im Gegenteil: Eine aktuelle, Industrie-unabhängige Studie wirft Zweifel an den Empfehlungen von Danne auf. Veröffentlicht wurde sie im August 2018. Die Forscher vom britischen National Health Service (NHS) verglichen den Einsatz von Pumpen bei Kindern mit einer Spritzentherapie.

The Implant Files

An dem Projekt unter dem Titel "The Implant Files" waren mehr als 250 Journalisten von knapp 60 verschiedenen Medien aus 36 Ländern beteiligt. Darunter sind die BBC, Le Monde, AP sowie unter anderem Medien aus Japan, Südkorea, Pakistan, Indien, Argentinien, Brasilien, Mexiko und vielen europäischen Ländern. Koordiniert wurde die Recherche vom Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ).

Das Ergebnis: Die Unterschiede zwischen den beiden Therapieformen sind nicht allzu groß und somit statistisch nicht aussagekräftig. Aber im Durchschnitt hatten Kinder, die mit einer Pumpe behandelt wurden, eine schlechtere Blutzuckereinstellung, benutzten mehr Insulin und hatten mehr Nebenwirkungen als Kinder, die täglich mehrere Injektionen mit einer Spritze erhielten. Dabei kostete die Pumpenbehandlung jährlich etwa 5.000 Euro und damit etwa 2.000 Euro mehr als die konventionelle Therapie. Der einzige Vorteil für die Insulinpumpen: Die Eltern fühlten sich besser, bei ihnen wurde eine höhere Lebensqualität beobachtet.

Viele technische Probleme

Auch eine aktuelle, große Beobachtungsstudie, die häufig als Beleg für den Nutzen der Pumpen angeführt wird, kommt zu keinem klaren Ergebnis. "Wir haben gezeigt, dass die Kontrolle des Blutzuckers mit einer Pumpe einen Tick besser geht", sagt Reinhard Holl von der Universität Ulm, einer der Autoren der Studie. "Dies aber nur, wenn die Patienten beziehungsweise die Eltern richtig geschult sind." Außerdem trifft dies nur auf die gesamte Untersuchungsgruppe zu. Insbesondere bei kleineren Kindern konnte kein Vorteil der Pumpentherapie gemessen werden. Zudem gibt es immer wieder technische Probleme. In den USA, wo im Gegensatz zu Deutschland Daten zu Vorfällen öffentlich sind, wurden 2017 weit mehr als 100.000 mögliche Probleme mit teils schwerwiegenden Gesundheitsschäden oder gar Todesfällen gemeldet.

 Enge Zusammenarbeit mit Herstellern

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Über einen Katheter führen Insulinpumpen das Insulin in den Körper. Katheter von Medtronic wurden bereits zurückgerufen, weil sie fehlerhaft waren.

Zweifel gibt es auch an der Unabhängigkeit von Thomas Danne und seinen Empfehlungen. Denn er ist nicht nur vielfach ausgezeichnet, sondern arbeitet auch eng mit der Industrie zusammen - mit Pharmakonzernen, die die Insuline für die Pumpen produzieren sowie mit den großen Pumpenherstellern. Für den Weltmarktführer, die Firma Medtronic, hat er diverse Untersuchungen durchgeführt. Er berät das Unternehmen, spricht auf gesponserten Kongressen und preist die Medtronic-Pumpen in Pressemitteilungen des Konzerns.

Danne an Firma beteiligt

Danne ist zudem Anteilseigner und leitender Mediziner bei der israelischen Firma DreaMed. Sie entwickelt Software für Insulinpumpen. Wenige Monate nach der Gründung der Firma im Jahr 2014, verkündeten DreaMed und Medtronic, dass sie eine strategische Partnerschaft eingehen würden. Medtronic investierte zwei Millionen US-Dollar und versprach, DreaMed an den Verkäufen der Geräte mit ihrer Technologie zu beteiligen. Das heißt, auch Danne könnte dann mitverdienen. Möglicherweise würde er etwas bekommen, sagt er, bislang sei der neue Algorithmus aber noch nicht im Einsatz. Bislang habe er lediglich ein Beraterhonorar erhalten. In welcher Höhe, sagt er jedoch nicht.

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Kritik an Verbindungen

"Wenn ich einen Beratervertrag mit einer Firma habe, kann ich nicht in einer Leitlinie Entscheidungen über die Produkte dieser Firma treffen", sagt Thomas Lempert, der die Organisation Leitlinien-Watch gegründet hat und sich für unabhängige Bewertungen einsetzt. Aus seiner Sicht sei es "die gröbste Geschichte, wenn jemand zu einem Produkt forscht, an dem er selbst verdient, darüber publiziert und auch noch Leitlinien dazu schreibt". Genau das ist bei Danne der Fall.

Danne legt Honorare nicht offen 

Er selbst sieht in dieser Verquickung kein Problem. "Wir versuchen, mit allen Pumpenherstellern zusammenzuarbeiten", sagt Danne. Jeder Vertrag werde geprüft, außerdem sei alles transparent. Selbstverständlich würde er offenlegen, wie viel er von Medtronic und anderen Firmen bekomme. Doch auf eine spätere Mail mit der Frage, wie viel es denn sei, antwortet Danne, die  Zuwendungen seien grundsätzlich vertraglich geregelt. "Insofern werden Sie dafür Verständnis haben, das ich nicht einseitig Vertragsinhalte offenlegen kann." Die Firma DreaMed hat keine Fragen beantwortet, aus Gründen der Vertraulichkeit. Auch Medtronic hat auf Fragen zu der Zusammenarbeit keine Antworten geschickt.

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