Ein Mensch mit Kittel schreibt etwas auf ein Blatt auf einem Klemmbrett. Im Hintergrund ist eine Person mit grauen Haaren zu sehen. © picture alliance/Zoonar Foto: Lev Dolgachov

Im Corona-Jahr mehr Streit um Pflegegutachten des MDK

Stand: 10.03.2021 19:35 Uhr

Die Zahl der Widersprüche gegen Pflegegutachten ist im vergangenen Jahr nach oben geschnellt: Rund 30 Prozent mehr als im Vor-Corona-Jahr, das ergaben Recherchen des NDR Niedersachsen.

von Holger Bock

Die Pflege alter und kranker Menschen kostet nicht nur Kraft, sondern auch Geld. Da soll die Pflegeversicherung helfen. Doch bei der Frage, wie viel Hilfe nötig ist und was davon die Pflegekasse zahlen soll, hat es im vergangenen Jahr offenbar besonders viel Ärger gegeben. Nach Recherchen des NDR Niedersachsen ist die Zahl der Widersprüche gegen die Bescheide der Pflegekassen um rund 30 Prozent gestiegen. Rita Langmaack aus Garbsen bei Hannover ist eine der rund 16.800 Angehörigen in Niedersachsen, die nicht einverstanden waren, was der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) festgestellt hat.

MDK urteilte nach Aktenlage und Telefoninterviews

Rita Langmaack berichtet, wie ihre Mutter Anfang vergangenen Jahres einen Anruf bekam und danach gefragt wurde, wie es ihr so gehe und was sie alles noch selbst erledigen könne. Dieses Telefoninterview diente dem MDK quasi als Grundlage für das Gutachten, welchen Pflegegrad die Mutter von Rita Langmaack erhalten soll. Dieses Vorgehen bestätigt auch der MDK. Sprecher Martin Dutschek sagt, zum Schutz vor Infektionen habe der MDK auf Hausbesuche verzichtet. Das sei auf Bundesebene zwischen Gesundheitsministerium und Pflegekassen so vereinbart worden. Unter Corona-Bedingungen sollten Hausbesuche die Ausnahme sein.

Mehr als 16.800 Widersprüche gegen Einstufungen

"Meine Mutter hat im Telefoninterview mit dem MDK-Gutachter gesagt 'Ach, das krieg ich schon irgendwie hin und das schaffe ich irgendwie' und hat gedacht "Das, was ich nicht mehr hinkriege, dürfen die anderen nicht wissen'." Rita Langmaack fühlt sich überrumpelt und legt Widerspruch gegen den Bescheid ein, der wenige Tage nach dem Interview mit der Post kommt. Der wird abgelehnt und auch ein zweiter führt nicht dazu, dass die Mutter von Rita Langmaack einen Pflegegrad anerkannt bekommt. So ist es offenbar vielen Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen im ersten Corona-Jahr ergangen. Mehr als die Hälfte der 16.800 seien erfolgreich gewesen, mehr als 2019, also vor der Pandemie, auch das belegen die Zahlen des MDK Niedersachsen.

SoVD: Angehörige im Umgang mit Gutachtern verunsichert

Viele Angehörige scheuen davor zurück, mit den Pflegekassen in einen Streit einzutreten, berichten die Beraterinnen und Berater der Sozialverbände. VdK und SoVD haben nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr einen Ansturm von Hilfesuchenden im Streit um Pflegegrade erlebt. Stefanie Jäkel vom Sozialverband Deutschland erzählt, dass sich so viele Angehörige an die Beratungsstellen gewandt haben wie noch nie. Zudem seien die Hilfesuchenden verunsichert und wüssten nicht genau, wie sie sich im Telefongespräch mit einem MDK-Gutachter verhalten sollen.

MDK räumt Fehlerhaftigkeit von Telefoninterviews ein

Selbst der Medizinische Dienst der Krankenkasse in Niedersachsen räumt ein, dass Gutachten nach Aktenlage und mit einem Telefoninterview nicht optimal sind und im vergangenen Jahr zu viel Streit geführt haben. Das sei auch der Grund, sagt MDK-Sprecher Martin Dutschek, warum die Gutachter so schnell wie möglich zum bewährten Vor-Corona-System mit Hausbesuchen zurückkehren wollten. Das sei nun einmal der Goldstandard, so Dutschek und werde auch wieder zur Regel werden, sobald die pandemische Lage das zulasse.

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Aktuell | 10.03.2021 | 10:00 Uhr

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