Stand: 23.08.2020 19:30 Uhr

Käthe Nebel plant ihren Tod

von Antje Schmidt

Sie habe immer selbstbestimmt gelebt, erzählt Käthe Nebel. Dann wolle sie auch ihr Sterben selbst in die Hand nehmen. Wie genau sie dabei vorgehen möchte, verrät sie erst später im Gespräch. Käthe Nebel wird im Oktober 90 Jahre alt. Unter ihrer Bluse trägt die schmale Frau einen Brustbeutel mit ihrem vorletzten Willen. Sie möchte, so steht es dort geschrieben, nicht reanimiert werden. Die ehemalige Volksschullehrerin beschäftigt sich schon länger mit dem Thema Sterben. Seit 20 Jahren ist sie Mitglied im Sterbehilfeverein Dignitas. Weil sie der festen Überzeugung ist, dass jeder Mensch ein Anrecht hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Deshalb spricht sie gerne über das Thema Altersfreitod.

VIDEO: Sterbehilfe: Käthe Nebel plant ihren Tod (8 Min)

Geschäftsmäßige Sterbehilfe laut BVG erlaubt

Seit Februar 2020 darf die geschäftsmäßige Sterbehilfe in Deutschland nicht verboten werden. Das hat das Bundesverfassungsgericht (BVG) entschieden. Wobei das Wort "geschäftsmäßig" in diesem Zusammenhang nicht mit dem Wort profitorientiert verwechselt werden darf. "Geschäftsmäßig" beschreibt hier, dass es Dritten wiederholt erlaubt ist, Menschen beim Sterben zu helfen. "Wer selbstbestimmt sein Leben beendet, der kann sich selbstverständlich dabei Hilfe holen, ohne dass der Hilfeleistende einen strafrechtlichen Tatbestand erfüllt", erklärt Florian Willet vom Sterbehilfeverein Dignitas. Er wählt seine Worte langsam und mit Bedacht. Willet ist Rechtsphilosoph und das derzeitige Gesicht von Dignitas in Deutschland. Er will den Menschen erklären, warum es kein Verbrechen ist, andere beim Freitod zu unterstützen. Er erzählt von schlimmen Geschichten, von fehl geschlagenen Suiziden, worüber es in Deutschland keine offizielle Statistik gibt.

Zehn Freitod-Begleitungen seit Februar

Dignitas baut derzeit ein Ärzte-Netzwerk auf. Doch das ist schwierig. In den meisten Bundesländern ist es Ärzten gemäß ihrer Berufsordnung verboten, Patienten Hilfe bei der Selbsttötung zu leisten. Das ist zwar nicht mehr verfassungsgemäß und müsste geändert werden, doch die Ärztekammern lassen sich Zeit. "Nur sechs Bundesländer haben eine liberale Berufsordnung", erklärt Willet. Immerhin, seit Februar hat es in Deutschland zehn Freitod-Begleitungen mit Dignitas gegeben.

Sterbehilfe bislang nur bei schweren Krankheiten

Ohne Ärzte geht es dabei nicht. Der Arzt muss den nachhaltigen Wunsch des Patienten feststellen und das dafür nötige Medikament verschreiben. Bislang wurde der Wunsch zu sterben nur Menschen gewährt, die eine unheilbare Krankheit haben, häufig im Zusammenhang mit starken Schmerzen. Es gab noch keine Altersfreitod-Begleitung.

"Der Tod ist doch letztendlich eine Erlösung"

Käthe Nebel möchte das ändern. Sie würde sich gerne von Dignitas bei ihrem Freitod unterstützen lassen. An der Wand in ihrem Büro hängen fünf von einem Fotografen gefertigte Porträts. Wenn man die Fotos nacheinander betrachtet, kann man sehen, wie sie sich in den vergangenen 15 Jahren verändert hat. Ihre Augen machen nicht mehr mit, sie ist fast blind. Auch das Gedächtnis lässt ein wenig nach. Käthe Nebel zeigt auf die Galerie und erklärt, dass sie seit 15 Jahren in regelmäßigen Abständen Fotos für ihre Beerdigung machen lässt. Und sie verrät, wie sie sich ihr Ende vorstellt. Sollte es bis dahin nicht möglich sein, von einem Arzt in Deutschland ein Rezept für das tödliche Medikament zu bekommen, würde sie sich selbst darum kümmern. "Ich habe Mittel und Wege gefunden, an ein Schlafmittel zu kommen", erklärt sie. "Der Tod ist doch letztendlich eine Erlösung." Noch sei es nicht so weit, sagt sie und fügt an: "Wünschen würde ich mir einen schnellen Herztod." Käthe Nebel lacht. "Ich bin selber gespannt, wie ich mal enden werde."

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 23.08.2020 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) gibt im niedersächsischen Landtag eine Regierungserklärung ab. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte

Weil im Landtag: "Haben die dritte Corona-Welle überwunden"

Niedersachsens Ministerpräsident zeigte sich in seiner Regierungserklärung zuversichtlich mit Blick auf den Sommer. mehr