Stand: 07.03.2019 13:54 Uhr

Hasskriminalität: Opfer leiden besonders stark

Von 18.070 Befragten in Niedersachsen berichten fünf Prozent, dass sie im Jahr 2016 Opfer von vorurteilsmotivierter Kriminalität wurden, die auch als "Hasskriminalität" bezeichnet wird. "Bei rund Dreiviertel dieser Fälle geht es um Beleidigungen und Bedrohungen, juristisch gesehen also eher minder schwere Delikte", sagte Hartmut Pfeiffer, Leiter der repräsentativen Studie des LKA Niedersachsen gegenüber NDR.de. "Für uns völlig überraschend war aber, dass diese Erlebnisse besonders nachhaltig prägen und belasten. Wir haben hier also eine Gruppe von Opfern, um die man sich wirklich kümmern muss."

Körperliche Gewalt erfahren 3,4 Prozent der Opfer

Vorurteilsmotivierte Straftaten richten sich gegen einzelne Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Bevölkerungsgruppen. Beleidigungen und Bedrohungen machen laut der Studie 73 Prozent aller Fälle aus, dabei überwiegen die Fälle außerhalb des Internets. Dazu kommen Rufschädigung, Raub und Brandanschläge auf das Haus oder die Wohnung. Körperliche Gewalt erfahren 3,4 Prozent der Opfer. Als tatbegründende Merkmale werden unter anderem Herkunft, Religion und Hautfarbe, sozialer Status, Geschlecht, Alter, eine Behinderung und die sexuelle Orientierung genannt. 26,1 Prozent der Opfer zeigten die Taten an.

Angst im Dunkeln und Schlafstörungen

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Hartmut Pfeiffer ist Leiter für Kriminologische Forschung und Statistik am LKA Niedersachsen.

Opfer von Hasskriminalität leiden der Studie zufolge im Vergleich zu Opfern anders motivierter Straftaten besonders stark unter psychischen Folgen der Tat. "Dazu können zum Beispiel auch Schlafstörungen gehören", so Pfeiffer. Die Betroffenen fühlten sich außerdem besonders häufig in ihrer räumlichen Umgebung unsicher und hätten häufiger Angst davor, Opfer von Kriminalität zu werden. Bei Dunkelheit vermeiden sie den Ergebnissen der Studie zufolge eher, das Haus zu verlassen und neigen eher dazu, sich zu bewaffnen.

Wird sich die Tat wiederholen?

"Warum Opfer von Vorurteilskriminalität besonders stark leiden, können wir nur vermuten", so Pfeiffer. "Die Hypothese ist, dass es daran liegt, dass sie nur repräsentativ für ihre Gruppe angegriffen wurden." Weil sie an dieser Gruppenzugehörigkeit nichts ändern könnten, müssten sie damit rechnen, dass so eine Tat sich jederzeit wiederholen könnte. Dabei spiele auch die Sorge um Angehörige und Freunde eine große Rolle. Vorurteilsmotivierte Verbrechen funktionieren laut LKA als "Botschaftsverbrechen": Die Opfer würden als Repräsentanten der Bevölkerungsgruppen angegriffen, die von den Tätern abgewertet werden.

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Die Konsequenz: Gezielte Opferhilfe

"Als Konsequenz dieser Ergebnisse müssen wir in Fällen von Hasskriminalität gezielt Opferhilfe anbieten", so Pfeiffer. Polizeibeamte müssten darauf hingewiesen werden, dass sie bei Anzeigen konkret danach fragen, ob eine vorurteilsmotivierte Tat vermutet wird. In der Studie gab knapp die Hälfte aller Opfer an, von der Polizei hilfreiche Informationen erhalten zu haben. "In Zukunft müssen Beamte in Fällen von Hasskriminalität immer anbieten, Kontakte zu vermitteln, auch wenn keine körperliche Gewalt stattgefunden hat", so Pfeiffer.

43,3 Prozent der Unbeteiligten schauen weg

Der Studie zufolge schauten 43,3 Prozent der Unbeteiligten weg, wenn sie Zeugen von Hasskriminalität wurden. Über die Hälfte setzte sich für die Opfer ein. Vorurteilsmotivierte Verbrechen könnten laut LKA einen gefährlichen Aufforderungscharakter besitzen, indem sie als Legitimation für weitere Taten dienen. Bei 14,6 Prozent der Taten äußerten sich dritte Personen anschließend ebenfalls abfällig gegenüber den Opfern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 07.03.2019 | 18:00 Uhr

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