Stand: 06.06.2018 07:00 Uhr

Großes Gefälle: Abiturquote hängt vom Wohnort ab

von Annette Deutskens

In etwa zwei Wochen erhalten die Abiturienten in Niedersachsen ihre Zeugnisse. Wie viele den höchsten deutschen Schulabschluss geschafft haben, ist von Region zu Region und von Stadt zu Stadt extrem unterschiedlich. Ob ein Schüler Abitur macht, hängt offenbar auch von dem Umfeld ab, in dem er lebt. Das legen Zahlen des Landesamtes für Statistik aus dem Jahr 2016 nahe. Im Durchschnitt liegt die Abiturquote in Niedersachsen bei 36,7 Prozent - das heißt, 36,7 Prozent der gleichaltrigen Bevölkerung verlassen die Schule mit dem Abitur.

Höhere Abiquoten in Großstädten

In den Großstädten sind es zum Teil weitaus mehr, in den ländlichen Regionen teilweise deutlich weniger. Spitzenreiter bei den Abiturquoten sind die Städte Braunschweig, Wolfsburg, Oldenburg und Osnabrück. Von den 18- bis 20-Jährigen hat hier mehr als jeder Zweite das Abitur. Schlusslichter sind dagegen ländliche Regionen im Westen wie die Landkreise Ammerland, Leer und Cloppenburg, aber auch die Stadt Salzgitter. In diesen Gegenden hat nur etwa jeder Vierte in dem entsprechenden Alter das Abitur. Ein Bundesland, identische Lehrpläne, Zentralabitur - wie kann es sein, dass die Abiturquoten trotzdem so unterschiedlich ausfallen? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht, Erklärungsansätze allerdings sehr wohl, wie die Gegenüberstellung zweier Städte zeigt.

Profitieren Städte von Fächerangeboten?

In Braunschweig liegt die Abiturquote bei 57,2 Prozent. Die Stadt ist geprägt von großen Forschungseinrichtungen und Hochschulen und zählt in diesem Bereich nach eigenen Angaben zu den führenden Regionen in ganz Europa. Dementsprechend viele Akademiker leben in der Stadt. Und die schicken ihre Kinder besonders häufig auf ein Gymnasium, sagt Volker Ovelgönne, Schulleiter des traditionsreichen Wilhelm-Gymnasiums: "Aus diesen Haushalten kommend ist es für viele Kinder selbstverständlich, das Abitur anzustreben und es möglichst auch erfolgreich abzulegen." Er verweist allerdings darauf, dass ein Teil der Schüler auch aus benachbarten Landkreisen komme - unter anderem, weil es in Braunschweig spezielle Fächer wie Altgriechisch gebe. Diese Schüler werden mit ihrem Abitur der Stadt Braunschweig zugerechnet, obwohl sie nicht dort leben. Und trotzdem: Ein Abstand zu vielen ländlichen Regionen bleibt.

"Muss ich denn wirklich Abitur machen?"

Im Landkreis Cloppenburg ist die Arbeitslosigkeit - wie auch in Braunschweig - gering, aber dann hören die Gemeinsamkeiten auch fast schon auf. Die Abiturquote liegt mit 29,1 Prozent deutlich niedriger. Es gibt viel verarbeitendes Gewerbe, landwirtschaftliche Betriebe, mittelständische Familienunternehmen. Dazu eine Mentalität, die die Schulleiterin des Clemens-August-Gymnasiums in Cloppenburg als "bodenständig" beschreibt. Der eine oder andere überlege eher: "Muss ich denn wirklich Abitur machen?", sagt Annette Ovelgönne-Jansen. Sie ist die Schwester des Braunschweiger Schulleiters Volker Ovelgönne.

Die Abiturienten Freya Wynant und Yannik Strozinsky.

Abiturquote variiert stark zwischen den Regionen

Hallo Niedersachsen -

Während in Braunschweig 57 Prozent der Schüler Abitur machen, sind es im Landkreis Cloppenburg nur knapp 30 Prozent. Welche Faktoren sind für die Unterschiede verantwortlich?

2,92 bei 24 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Fünf Mails pro Woche oder fünf Mails im Jahr

Dass die Abiturquoten der zwei Orte in diesem Maße auseinander liegen, hat beide erstaunt. Neben den unterschiedlichen Arbeitgebern und der unterschiedlichen Mentalität halten die Geschwister auch die Rolle der Eltern für entscheidend. Wenn die Schullaufbahn der Kinder nicht den gewünschten Verlauf zu nehmen scheint, zögerten viele Eltern in Braunschweig nicht, dem Schulleiter eine E-Mail zu schicken: "Von diesen Mails bekomme ich etwa fünf in der Woche und meine Schwester in Cloppenburg bekommt fünf im Jahr. Das ist schon ein großer Unterschied", sagt Volker Ovelgönne.

Anteil der Akademiker ist entscheidend

Was die beiden Schulleiter in der Praxis beobachten, ist auch durch die Forschung belegt: Der Einfluss der Eltern ist entscheidend. Je mehr Akademiker in einer Region leben, desto mehr Kinder machen dort das Abitur. Bildungsforscher Marcel Helbig sieht dafür im Wesentlichen zwei Gründe: "Zum einen bringen die Kinder mehr Kompetenzen mit, beispielsweise eine hohe Sprachkompetenz schon bei der Einschulung. Der zweite Grund ist, dass die Entscheidung für das Gymnasium von Akademikereltern viel häufiger getroffen wird als von Eltern, die selber kein Abitur haben. Das Zutrauen in die Kinder ist ein anderes." Hinzu kämen auf dem Land zum Teil lange Schulwege zum nächsten Gymnasium in der Stadt, was auch einige Schüler und Eltern abschrecke.

Kernproblem deutscher Bildungspolitik

Was all das für die beiden Schulleiter in Braunschweig und Cloppenburg bedeutet? In Braunschweig muss Volker Ovelgönne manchmal den Bildungseifer der Eltern bremsen und ihnen behutsam deutlich machen, dass eine andere Schulform vielleicht die bessere für das Kind sein könnte. Und in Cloppenburg fragt sich seine Schwester, wie sie die Schüler erreicht, die das Zeug fürs Abitur haben, aber von ihrem Umfeld nicht entsprechend unterstützt werden. "Was die beiden Schulleiter beschreiben, ist das Kernproblem deutscher Bildungspolitik", sagt Bildungssoziologe Helbig. "Die Trennung von zehnjährigen Kindern in 'gute' und 'schlechte' Schüler."

Weitere Informationen

Jedes 40. Kind in Niedersachsen bleibt sitzen

Der Anteil der sogenannten Sitzenbleiber in Niedersachsens Schulen ist im Zehnjahresvergleich gestiegen. Gegenüber dem Schuljahr 2006/2007 stieg der Anteil aber nur geringfügig. (21.05.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 06.06.2018 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

03:50
Hallo Niedersachsen
04:16
Hallo Niedersachsen
04:31
Hallo Niedersachsen