Stand: 04.01.2018 07:22 Uhr

Gewalt von Flüchtlingen trifft meist Flüchtlinge

Die Zahl der Gewaltstraftaten ist in Niedersachsen in den vergangenen beiden Jahren gestiegen - und laut einer Studie hängt der Anstieg mit dem Flüchtlingszuzug zwischen 2014 und 2016 zusammen. In diesen Jahren stieg die Zahl der Delikte demnach um 10,4 Prozent - ein Großteil davon ist laut den Kriminologen Christian Pfeiffer, Dirk Baier und Sören Kliem jungen Flüchtlingen zwischen 14 und 30 Jahren zuzurechnen. Doch mehrere Faktoren relativieren diese Zahlen.

Ein Mann wird von zwei Polizeibeamten in einen Gerichtssaal geführt.

Studie: Flüchtlinge sind nicht gewaltbereiter

Hallo Niedersachsen -

Über die Flüchtlinge stand schnell die Behauptung im Raum, sie würden ihre Konflikte zu uns mitbringen und seien gewaltbereit. Eine Studie zeigt, dass das nicht stimmt.

2,71 bei 7 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Anzeigebereitschaft höher

Die Anzeigebereitschaft ist den Forschern zufolge etwa doppelt so hoch, wenn Opfer und Täter sich vorher nicht kannten oder unterschiedlichen ethnischen Gruppen angehören. Sie gehen deshalb davon aus, dass Gewaltdelikte von Flüchtlingen entsprechend häufiger angezeigt werden. Auch sprachliche Barrieren seien Faktoren: "Man kann nichts aushandeln, die können ja nicht deutsch mit einem sprechen. Und schon geht man dann eher zur Polizei, um sich dort Hilfe zu holen", sagte Pfeiffer bereits im April vergangenen Jahres. Zudem handele es sich bei einem spürbaren Anteil der Flüchtlinge um junge Männer in der Altersspanne, in der Menschen verstärkt straffällig seien.

Kriminologe Christian Pfeiffer. © dpa Fotograf: Holger Hollemann

Pfeiffer: Fehlende Perspektive schafft Gewalt

NDR Info -

Sind Flüchtlinge häufiger kriminell als andere Bevölkerungsgruppen? Eine neue Studie legt diesen Schluss nahe. Kriminologe Christian Pfeiffer dazu im NDR Info Interview.

1 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Meist Flüchtlinge Opfer von Flüchtlingen

Eine weitere Rolle spiele die Unterbringung von Flüchtlingen unterschiedlicher Herkunft und Religion in beengten Unterkünften, was Gewalt begünstige. Bei 90 Prozent der Tötungsdelikte, in denen Flüchtlinge als Verdächtige ermittelt wurden, seien andere Flüchtlinge oder Ausländer Opfer gewesen. Auch bei drei Vierteln der schweren Körperverletzungen durch Flüchtlinge seien andere Flüchtlinge und Ausländer Opfer.

Kommentar
mit Audio

"Staat muss sich Integration mehr kosten lassen"

03.01.2018 18:30 Uhr
NDR Info

Nach einer neuen Studie begehen junge Flüchtlinge überdurchschnittlich häufig Straftaten. Jörg Seisselberg fordert in seinem Kommentar mehr Geld für eine bessere Integrationspolitik. mehr

Strafanfälligkeit abhängig von Zukunftsaussichten

Laut Studie waren zudem diejenigen Flüchtlinge weniger straffällig, bei denen die Autoren gute Zukunftschancen in Deutschland sehen. Wer als Kriegsflüchtling komme oder aus anderen Gründen gute Chancen sehe, in Deutschland bleiben zu dürfen, "wird bemüht sein, diese Aussichten nicht durch Straftaten zu gefährden", heißt es in der Studie. Der Anteil von Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan unter den Tatverdächtigen sei deutlich geringer als jener von Nordafrikanern, die kaum eine Bleibeperspektive hätten. Als Konsequenz aus der Studie sieht Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) die Bundespolitik in der Pflicht. Ein Sprecher sagte, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) solle auf die nordafrikanischen Staaten einwirken, damit die ihre "Blockadepolitik" beenden und Geflüchtete zurücknehmen. Junge Menschen aus Nordafrika hätten keinerlei Chance, in Deutschland anerkannt zu werden, erklärte der Sprecher. Die Abschiebungen scheiterten allerdings häufig.

Pistorius für konsequente Rückführung von Kriminellen

Auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) appellierte an den Bund, mehr diplomatischen Druck auf die Herkunftsländer auszuüben, in Deutschland abgelehnte Asylbewerber schnell und problemlos zurückzunehmen. Pistorius verlangte zudem eine konsequente Rückführung und eine harte Bestrafung krimineller Asylbewerber. Auch ein verstärktes Bemühen um Integration sei notwendig. Die Studie trage zur Versachlichung der Debatte bei, so der Minister weiter: "Wir dürfen das Thema Kriminalität von Flüchtlingen weder tabuisieren noch dramatisieren."

"Negativ: der Mangel an Frauen"

Die Studie nennt als weiteren Grund für die relativ höhere Strafanfälligkeit die Tatsache, dass Flüchtlinge in Deutschland häufig in Männergruppen lebten - ohne Partnerin, Mutter, Schwester oder andere weibliche Bezugsperson, wie es in der Studie heißt. "Überall wirkt sich negativ aus: der Mangel an Frauen", sagt Kriminologe Pfeiffer dazu. Dieser Mangel erhöhe die Gefahr, dass junge Männer sich "an gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen orientieren", heißt es in der Studie. Pfeiffer hält die Idee des Familiennachzugs deshalb für "nicht dumm". Auch das niedersächsische Sozialministerium betonte, wie wichtig es für Flüchtlinge sei, ihre Familien nachzuholen. Angehörige könnten vor allem auf junge Männer beruhigend einwirken, sagte ein Sprecher am Mittwoch.

Autoren plädieren für Einwanderungsgesetz

In der Studie schlagen die Autoren zudem Sprachkurse, Sport und Praktika als sinnvolle Maßnahmen vor, um der Gewalt von jungen Flüchtlingen zu begegnen. Die Wissenschaftler halten außerdem ein Einwanderungsgesetz für sinnvoll, in dem klar geregelt ist, unter welchen Bedingungen Ausländer eingebürgert werden können. "Das schafft für sie einen starken Anreiz, sich engagiert um die Erfüllung der Einwanderungsvoraussetzungen zu bemühen", heißt es in der Untersuchung. Pfeiffer forderte im Deutschlandfunk aber auch ein freiwilliges Rückkehrprogramm und eine bessere Sicherung der europäischen Grenzen.

Weitere Informationen

Flüchtlinge als Gewalttäter?

Sind Flüchtlinge gewaltbereiter als Deutsche? Zur Klärung dieser Frage hat Niedersachsens Landeskriminalamt auf NDR Anfrage seine Statistiken für 2015 und 2016 aufgeschlüsselt. (24.04.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 03.01.2018 | 08:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

02:35

"Friederike" hinterlässt Millionenschaden

23.01.2018 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
03:00

Peilsender für Grundschüler?

22.01.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen