Fachkräftemangel in der Pflege verschärft sich dramatisch

Stand: 12.05.2021 08:26 Uhr

Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie ist die Pflege weiter im Krisenmodus. Corona hat die seit Langem gärenden Probleme in der Branche unübersehbar zu Tage befördert.

von Christina Harland

Neben Personalmangel, Überarbeitung und Unterfinanzierung kommt eine wachsende seelische Belastung unter dem Eindruck der Corona-Pandemie hinzu. Schon zu Jahresbeginn hatte der Weltpflegeverband International Council of Nurses (ICN) von einem Massentrauma und einem regelrechten Exodus aus der Pflege gesprochen.

Pandemie trifft Pflegekräfte unmittelbar

Tatsächlich hat die Pandemie Pflegekräfte nicht nur über die Maßen belastet. Sie hat unter ihnen auch viele Opfer gefordert. Nach aktuellen Angaben des Robert Koch Instituts (RKI) haben sich seit Ausbruch der Pandemie bundesweit 65.558 Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen infiziert, 106 von ihnen sind an den Folgen gestorben (Stand 10.05.2021).

Junge Menschen werden verheizt

Zum heutigen "Internationalen Tag der Pflegenden" kann die Hannoveranerin Angela Bioletti ihrem Beruf nicht mehr viel abgewinnen. Sie ist Intensivschwester im KRH Klinikum Nordstadt und geht in zwei Wochen in Rente. Ihren Beruf hat sie mehr als 30 Jahre mit Hingabe ausgeübt, immer in Vollzeit. Mit der Privatisierung des Gesundheitswesens stieg der wirtschaftliche Druck auch in ihrem kommunalgeführten Krankenhaus. Überall in Deutschland hatte das spürbare Folgen für das Personal und die Versorgung der Patienten. Das veränderte auch ihre Arbeitsbedingungen. Hinzu kam Corona. "Ich würde heute niemandem mehr guten Gewissens empfehlen, diesen Beruf zu ergreifen. Die jungen Leute werden nach der Einarbeitung auf Station inzwischen völlig verheizt. Das ist im Ergebnis gefährlich für die Patienten und das führt dazu, dass viele junge Leute gar nicht mehr in Vollzeit arbeiten wollen."

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"Leute, das schaffe ich nicht bis zur Rente"

Einer dieser jungen Menschen ist Mathias Conrad. Er arbeitet seit elf Jahren in der Unfallchirurgie am Klinikum Braunschweig und will seine Arbeitszeit jetzt radikal reduzieren. "Ich wusste bei meiner Bewerbung, das ist ein harter Job, der mir viel abverlangen würde, aber als ich neulich meinen Rentenbescheid bekam, dachte ich: 'Leute, das schaffe ich nicht, bis zur Rente zu arbeiten, unter diesen Bedingungen'. Wir sind so dünn besetzt, wenn wir einen Notfall reinkriegen, geht gar nichts mehr, dann ist eine Pflegekraft für die ganze Station und den Aufwachraum allein zuständig."

Arbeitszeit reduzieren

Verantwortung für Leben und Tod verteilt auf zu wenige Schultern: Es fehlt an Erholung, es fehlt an Wertschätzung - auch finanziell. Conrad will seine Arbeitszeit deshalb auf 25 Prozent reduzieren. Seinen Lebensunterhalt will er dann vorrangig mit dem Direktvertrieb von Reinigungsmitteln verdienen. "In allen anderen Pflegebereichen ist es doch auch nicht besser."

Pflegekräften fehlt Zeit für die Patienten

Pauline Kracht hat den Ausstieg schon hinter sich. Sie hat im Klinikum Wolfsburg in der Kindernotaufnahme gearbeitet. "Zwölf Tage Schicht, zwei Tage frei, das war keine Seltenheit. Bei uns hat immer Personal gefehlt. Ich habe den Job zwei Jahre nach der Ausbildung aufgegeben. Man sieht die Patienten leiden und kann ihnen nicht helfen, weil man keine Zeit für sie hat. So kann man nicht professionell arbeiten. Das Gehalt ist dabei als Schmerzensgeld definitiv nicht hoch genug." Die junge Frau hat mit Beginn der Pandemie mehrfach mit dem Gedanken gespielt, in den Beruf zurückzukehren, um ihr altes Team zu unterstützen. Als sie feststellte, dass die Defizite im Gesundheitswesen weiter wuchsen und die Politik nicht angemessen reagierte, beschloss sie, sich nicht ausnutzen zu lassen. Jetzt studiert sie Geisteswissenschaften.

Berufsgruppe am Limit

Das sind drei Beispiele von Menschen, die mit viel Herzblut in der Pflege gearbeitet haben und jetzt frustriert und ausgebrannt sind. Dabei handelt es sich hier offensichtlich nicht um einen Corona-Effekt. Der Fachkräftemangel ist ein seit Jahren bekanntes Phänomen. Aber die Pandemie hat öffentlichkeitswirksam verdeutlicht, wie eine ganze Berufsgruppe relativ geräuscharm über die Jahre am Limit gewirtschaftet hat. Aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit belegen, wie sich die Situation gerade zuspitzt. Auf Anfrage des NDR in Niedersachsen schreibt die Behörde. "Der Fachkräftemangel ist enorm. Der Markt ist komplett leergefegt. In der Kranken-/Gesundheitspflege hat sich die Situation im Corona-Jahr noch verschärft." Gleichzeitig sei die Zahl der in den deutschen Krankenhäusern beschäftigten Pflegekräfte im Corona-Jahr 2020 nach Auskunft der Arbeitsvermittler gestiegen. Im Oktober 2020 waren bundesweit rund 18.500 Kräfte mehr in den Kliniken beschäftigt als im gleichen Monat des Vorjahres.

Regionaldirektion beobachtet Wachstumsschub

Auch mit Blick auf Niedersachsen ist das eine interessante Entwicklung. In anderen Branchen in Niedersachsen stieg die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von Mitte 2019 bis Mitte 2020 insgesamt nur noch um 0,3 Prozent an, kam also fast zum Erliegen. In der Pflege dagegen, wuchs die Zahl der Beschäftigen immer weiter, um 3,0 Prozent in der Gesundheits-/Krankenpflege und 2,2 Prozent in der Altenpflege. "Die Pflegeberufe haben sich gegen den Trend positiv entwickelt", sagte Johannes Pfeiffer, Chef der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Bundesagentur für Arbeit. "Der Beschäftigungsaufbau allein wäre ein Grund zur Freude, denn wir brauchen immer mehr gut ausgebildete Kräfte, die sich um alte und kranke Menschen kümmern. Die Kehrseite ist allerdings, dass sich der bestehende Fachkräftemangel in der Gesundheits- und Krankenpflege noch einmal verschärft hat", so Pfeiffer.

Fachkräftemangel spitzt sich dramatisch zu

So standen im April 2020 1.149 freien Stellen nur 514 Arbeitslose mit gleicher Qualifikation gegenüber. Ein Jahr später, im April 2021, gab es noch mehr freie Stellen, nämlich 1.571, aber nur noch 485 passende Arbeitssuchende. In der Altenpflege sind die Zahlen nahezu unverändert schlecht geblieben. Hier fehlen noch mehr Fachkräfte. So standen im vergangenen April 1.636 Stellen nur 307 Arbeitslose Pflegekräfte gegenüber. Eine klaffende Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Dabei ist es nicht mehr nur schwierig, die Menschen in die Jobs zu bekommen. Es wird zunehmend schwerer, sie dort auch zu halten. Einer Studie der Bremer Universität zufolge beabsichtigt ein Drittel aller Pflegekräfte in Niedersachsen und Bremen, der Arbeit in der Pflege den Rücken zuzukehren. Ein weiteres Drittel wird in den kommenden zehn bis zwölf Jahren absehbar in Rente gehen.

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Große Herausforderung für Krankenhäuser

Helge Engelke von der niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG) bestätigt, der Fachkräftemangel hat sich zur elementaren Herausforderung für die Krankenhäuser entwickelt. "94 Prozent aller Krankenhäuser in Niedersachsen melden, dass es schwierig beziehungsweise sehr schwierig ist, Stellen im Pflegedienst zu besetzen. Derzeit können in den niedersächsischen Kliniken 1.400 Stellen nicht besetzt werden. Es ist zu erwarten, dass die Personalprobleme in der Pflege im Krankenhaus künftig weiter zunehmen werden."

Mehr Engagement für den Nachwuchs

Die NKG setzt auf die Steigerung der Ausbildungszahlen. Mit der Ausbildungsallianz Niedersachsen hätten sich insgesamt 20 Verbände und Arbeitsgemeinschaften mit dem Ziel zusammengeschlossen, eine übergreifende, verlässliche und gemeinschaftliche Pflegeausbildung anzubieten und den Bedarf an Nachwuchskräften in den Pflegeberufen zu sichern.

Hohe Abbrecherquote bei Azubis

Dass mehr Ausbildung den Fachkräftemangel ausbremsen kann, bezweifeln Branchenbeobachter allerdings. Bisher bricht nach Auskunft des Pflegeverbands DBfK ein Drittel der Azubis die Ausbildung ab. Das Problem liegt also offenbar nicht allein am Berufsimage sondern klar an den Arbeitsbedingungen. Zu wenig Geld, zu viel Belastung, unverlässliche Dienstpläne.

"Steuern geradewegs auf Kollaps zu"

"Eine katastrophale Entwicklung", sagt Stefan Schwark vom DBfK Nordwest in Hannover: "Wir steuern geradewegs auf einen Kollaps zu. Schuld ist der unselige Kostendruck im Gesundheitswesen. Pflegekräfte werden nur noch als Kostenfaktor wahrgenommen, nicht als wertvolle Ressource. Wir müssen unser Gesundheitswesen endlich besser ausstatten. Wir brauchen verlässliche Arbeitsbedingungen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine akademische Ausbildung der Fachkräfte."

Der Präsident des Deutschen Pflegerats, Franz Wagner, forderte unlängst ein Einstiegsgehalt von 4.000 Euro für Pflegefachkräfte. "Das wäre eine angemessene Entlohnung. Damit wäre der Pflegeberuf konkurrenzfähig mit anderen Berufsgruppen". Bislang verdienen Pflegefachkräfte nach Auskunft der Bundesagentur für Arbeit im Mittel etwa 3.500 Euro brutto.

Behrens für "tarifgerechte Löhne"

Für mehr monetäre Wertschätzung in der Altenpflege will sich auch Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) stark machen. "Wir haben hoch qualifizierte und engagierte Beschäftigte in der Pflege und genau das müssen sie auch in der Bezahlung spüren. Aus diesem Grund setze ich mich für tarifgerechte Löhne ein. Im Niedersächsischen Landtag wird derzeit die Neufassung des Niedersächsischen Pflegegesetzes beraten. Damit werden wir die Investitionskostenförderung an die Zahlung tarifgerechter Löhne verknüpfen." Pflegeeinrichtungen, die ihre Pflegekräfte bisher noch nicht tarifgerecht entlohnen, würden so motiviert, eine bessere Bezahlung ihrer Pflegekräfte mit den Kostenträgern zu verhandeln. Die Kostenträger seien gesetzlich zur Refinanzierung tariflicher Entlohnung verpflichtet. Mit dieser Regelung leiste Niedersachsen einen wichtigen Beitrag zur flächendeckenden Einführung tarifgerechter Löhne in Pflege, so Behrens.

"Sonst macht es keiner ..."

Nie war allen so klar, wie jetzt in der Pandemie, dass Pflegekräfte systemrelevant sind. Verbessert hat sich dennoch nicht viel. Warum zeigt sich diese Berufsgruppe so duldsam? Für Intensivpfleger Mathias Conrad liegt die Erklärung im Selbstverständnis seiner Kolleginnen und Kollegen. "Eigentlich müssten die Pflegekräfte jetzt auf die Barrikaden gehen, aber das ist eine spezielle Sorte Mensch mit enormer Leidensfähigkeit und hohem Verantwortungsbewusstsein. Die meisten denken: 'Ich muss ja weitermachen, sonst macht es keiner.'"

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 12.05.2021 | 19:30 Uhr

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