Auf einem Tisch steht eine Salatschüssel und danben liegen Löffel. © Kulero

Essbares Besteck: Diesen Löffel muss niemand mehr abgeben

Stand: 26.06.2021 08:17 Uhr

Viele Einwegplastikprodukte sind ab dem 3. Juli 2021 in der EU verboten. Dazu gehören zum Beispiel Strohhalme, Luftballonstäbe und Einweg-Geschirr. Eine Lösung hat ein Göttinger Start-up entwickelt.

"Das Verbot ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Juliane Schöning, Mitgründerin der Firma Kulero. Denn Plastikprodukte bringen große Probleme für die Umwelt mit sich. "Das Schöne ist daran, dass man es ganz einfach vermeiden kann", so die Unternehmerin. Gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Hemant Chawla vertreibt sie essbare Löffel, Schüsseln, Strohhalme und Teller. Seit der Firmengründung wurden laut Schöning rund fünf Millionen Plastikprodukte in Deutschland durch ihre essbaren Produkte ersetzt, in Indien sogar rund 15 Millionen. Und die Verkaufszahlen sind schon im Vorfeld des EU-Verbots gestiegen: "Dieses Jahr kaufen die Kunden sehr viel mehr als nur Test-Kartons", erzählt die Unternehmerin.

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Jede Stunde rund 320.000 Einweg-Becher

Das EU-Verbot gilt unter anderem für Einwegbesteck und -geschirr aus Plastik, Trinkhalme, Rührstäbchen, Wattestäbchen und Luftballonstäbe aus Kunststoff sowie To-go-Getränkebecher und Fast-Food-Verpackungen. Der Handel kann vorhandene Ware zwar noch abverkaufen, die Produkte dürfen aber ab dem 3. Juli EU-weit nicht mehr produziert werden. Und das aus gutem Grund: Nach Angaben des Bundesumweltministeriums werden in Deutschland zum Beispiel stündlich rund 320.000 Einweg-Becher für heiße Getränke verbraucht - davon bis zu 140.000 To-go-Becher. Jedes Jahr landen weltweit mehrere Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren und sind die Ursache für den qualvollen Tod vieler Meereslebewesen. Auch Nord- und Ostsee sind betroffen.

Löffel aus Brotteig 

Die Gründer der Firma "Kulero" posieren für ein Foto. © Kulero Foto: Kulero
Juliane Schöning und Hemant Chawla vertreiben essbares Besteck und Geschirr.

Berge von Müll waren es auch, die Kulero-Mitgründer Hemant Chawla auf die Idee für das essbare Besteck brachten. In seinem Heimatland Indien bestellte er 2017 bei einem Festival ein Reisgericht, aber der Stand hatte keine Löffel mehr. Stattdessen reichte ihm der Verkäufer Brot. Gleichzeitig türmte sich überall um ihn herum der Abfall der anderen Gäste. Die Idee, Besteck aus Brotteig herzustellen, war geboren. Die Löffel werden ausschließlich aus natürlichen Zutaten hergestellt und es gibt sie in verschiedenen Geschmacksrichtungen. In heißen Suppen halten sie nach Angaben der Unternehmer bis zu 30 Minuten, in kalten Speisen und Eis bis zu 60 Minuten. Produziert wird in Westindien und bei einem Kekshersteller in Baden-Württemberg. Abnehmer sind laut Juliane Schöning vor allem Eisdielen, aber auch Hotels, Restaurants und Supermärkte. In Gefängnissen und Psychiatrien wird das essbare Besteck aus Sicherheitsgründen verwendet, denn mit Besteck aus Brot kann niemand verletzt werden.

Auch Menschen nehmen Plastik zu sich

Bisher landet Plastikmüll oft in Parks, an Uferböschungen oder am Strand. Dort zerbröselt es mit der Zeit. Die Mikropartikel werden vom Wind fortgetragen und vom Regen in Flüsse, Seen und Meere gespült. Auch im Wasser zerbröselt Plastikabfall mit der Zeit zu kleinsten Teilchen und wird von Vögeln und Fischen gefressen. In diesem Kreislauf nehmen irgendwann auch Menschen das Plastik über die Nahrung zu sich: Nach Angaben australischer Forscher sind es pro Woche bis zu fünf Gramm Mikroplastik - das entspricht etwa dem Gewicht einer Kreditkarte.

Plastikmüll soll erst gar nicht entstehen

Für die Zukunft hat Kulero-Mitgründerin Juliane Schöning einen klaren Plan: noch weiter zu wachsen und noch mehr Kunden zu überzeugen. Gerade bei Festivals, in der Gastronomie und auch beim Catering in der Luftfahrt sieht sie noch viel Potential. Bald wird ein fünfter Mitarbeiter fest eingestellt, der Vertrieb wurde bereits durch Studierende verstärkt. Außerdem soll das Sortiment erweitert werden, neue Produkte befinden sich in der Entwicklung. Sie sollen dazu beitragen, dass Plastikmüll erst gar nicht entsteht. Denn auch, wenn das Müll-Problem in Deutschland auf den ersten Blick nicht ganz so offensichtlich ist wie in anderen Ländern - es ist ein globales Problem. Passend dazu haben die Jungunternehmer auch einen internationalen Firmennamen gewählt: "Kulero" heißt "Löffel" in der Weltsprache Esperanto.

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NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 01.07.2021 | 09:00 Uhr

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