Erstimpfungs-Stopp in Niedersachsen sorgt für heftige Kritik

Stand: 12.05.2021 19:24 Uhr

Nachdem gut ein Drittel der Niedersachsen mindestens einmal gegen Corona geimpft sind, will das Land nun den Schwerpunkt auf Zweitimpfungen legen. Das sorgt für heftige Kritik.

Die bereits geimpften Menschen müssten nun zuerst ihre zweiten Impfungen erhalten, ehe die Erstimpfungen wieder in gewohntem Umfang fortgeführt werden könnten, sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Oliver Grimm, am Mittwoch in Hannover. "Es wird sich das Tempo etwas verlangsamen, es wird sich aber das Tempo der Zweitimpfungen erhöhen." Derzeit schließt sich das Zeitfenster für die Zweitimpfungen, weil der zweite Piks bei Biontech innerhalb von sechs Wochen erfolgen muss.

Ministerium: "Zweitimpfung gewährleistet"

In welchem Umfang wegen des Rückstaus Impfzentren Termine für Erstimpfungen absagen mussten, konnte Grimm nicht beziffern. Eigentlich hätten die Impfzentren nur Termine in das Buchungsportal einstellen können, für die sie bereits Impfstoff fest in Aussicht hätten. "Wir müssen jetzt einen kleinen Puffer anlegen in den Impfzentren." Auf jeden Fall sei die Zweitimpfung gewährleistet, betonte Grimm. Neben den Impfzentren müssten sich auch die Arztpraxen nun vorübergehend auf Zweitimpfungen konzentrieren. "Das Verhältnis wird sich drastisch zugunsten der Zweitimpfung verschieben", so Grimm weiter.

Oldenburg: Derzeit keine Spitzenlast im Impfzentrum

Das Impfzentrum in Oldenburg kündigte an, in dieser Woche vor allem Zweitimpfungen vorzunehmen. "In den nächsten Wochen stehen tatsächlich dann nur Zweitimpfungen an", hieß es am Mittwoch. Die Belieferung mit Impfstoff bewege sich zurzeit leider nur auf einem mittleren Niveau, die Spitzenlast könne somit im Impfzentrum momentan nicht erreicht werden.

Knapp 600.000 Menschen auf Wartelisten

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Ab Anfang Juni sollen dann wieder verstärkt Erstimpfungen möglich sein. Derzeit warten rund 590.000 Männer und Frauen dafür auf Listen. Niedersachsen soll im Mai insgesamt rund 240.000 Impfdosen pro Woche vom Bund bekommen. Landräte hatten zuvor kritisiert, dass Bund und Länder falsche Hoffnungen machten: Es würden immer mehr Gruppen zum Impfen eingeladen, obwohl der Impfstoff weiter knapp sei. Die Landesregierung wies das zurück - es handele sich um Mathematik, die Waage von Erst- und Zweitimpfungen pendele sich nun ein, erklärte ein Ministeriumssprecher. Zudem soll ab Juni weiterer Impfstoff kommen. Auch die niedergelassenen Ärzte sollen dann mehr Dosen bekommen.

Weniger Impfstoff zurückgestellt, um mit Erstimpfung voranzukommen

Niedersachsen hatte zum Start der Impfkampagne zunächst jeweils Dosen für die Zweitimpfung zurückgestellt, kam deshalb aber mit den Erstimpfungen weniger zügig voran als andere Bundesländer. Deshalb wurde diese Praxis schrittweise aufgegeben. Am Dienstag habe Niedersachsen im Bundesländervergleich auf Platz fünf bei der Quote der Erstimpfungen gelegen, betonte Grimm. 34,4 Prozent der Bevölkerung haben inzwischen eine Erstimpfung, 8,3 Prozent sind vollständig geimpft. Besonders die von dem Virus verstärkt bedrohten älteren Menschen sind bereits größtenteils geimpft.

Grünen fordern verlässliche Impfstrategie

Der Impfstopp sorgt für heftige Kritik: "Wie kann eine Landesregierung ihre Lockerungsstrategie im Parlament mit dem kräftigen Impffortschritt argumentieren und fast zeitgleich den Impfzentren mitteilen, dass sie Lieferschwierigkeiten haben und vorerst keine Erstimpfungen vornehmen können", fragte Grünen-Fraktionschefin Julia Willie Hamburg. "Das Aussetzen von Erstimpfungen in den Impfzentren ist ein Skandal." Es könne nicht sein, dass Impfberechtigte jetzt wochenlang lediglich auf die bereits lange Warteliste geschickt werden. Die Regierung müsse umgehend mit dem Landtag, Impfzentren und Hausärzten eine tragfähige und verlässliche Impfstrategie für die kommenden Wochen entwickeln.

"Zusätzliche Frustration unnötig und kontraproduktiv"

Kopfschütteln auch bei der FDP-Gesundheitspolitikerin Susanne Schütz: "Dass die Zweitimpfungen anstehen, ist schon lange klar." Warum die Landesregierung trotzdem noch vor Kurzem die Impfberechtigung für die Priorisierungsgruppe 3 ausgerufen hat, sei nicht nachzuvollziehen. "Hier wurde Hunderttausenden Menschen Hoffnung auf eine baldige Impfung gemacht, obwohl bereits klar war, dass diese erst sehr viel später werden stattfinden können." In der aktuellen Lage sei eine zusätzliche Frustration der Menschen unnötig und kontraproduktiv.

Wie viel können die Hausärzte verimpfen?

Vonseiten des Bundes war zunächst angekündigt worden, dass die niedergelassenen Ärzte pro Woche zwischen 20 und 50 Impfdosen erhalten. Bei rund 9.000 Praxen im Land ergibt sich daraus, dass dort zwischen 180.000 und 450.000 in der Woche geimpft werden könnten.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 12.05.2021 | 13:00 Uhr

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