Stand: 14.12.2018 19:26 Uhr

Dieselbetrug: Wackelt die VW-Verteidigungsstrategie?

von Thorsten Hapke

In der Dieselbetrugs-Affäre bei Volkswagen sind neue Aussagen und Dokumente bekannt geworden, die die bisherige Verteidigungsstrategie des Konzerns erschüttern könnten. Nach Informationen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung will ein hochrangiger VW-Jurist schon im Juni 2015 den damaligen Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch darauf hingewiesen haben, dass die deutliche Überschreitung des Stickoxid-Zulassungswertes in den USA 35 Milliarden Euro kosten könnte. Diese Summe wäre kursrelevant gewesen, VW informierte über den Betrug aber erst im September 2015. Pötsch war damals als Vorstand verantwortlich für die Information der Aktienmärkte, inzwischen ist er Aufsichtsratschef bei VW.

VW sah keinen Anlass, die Aktienmärkte zu informieren

Wesentlicher Punkt der VW-Argumentation ist bislang: Es habe keinen Hinweis gegeben, dass der Rechtsverstoß in den USA so teuer werden würde, wie es im Nachhinein der Fall war, nämlich über 20 Milliarden Euro. Man habe Mitte 2015 ähnliche Fälle aus der Vergangenheit geprüft. Sie seien für die schuldigen Unternehmen relativ glimpflich ausgegangen und hätten allerhöchstens niedrige dreistellige Millionen-Beträge als Schadenssumme zur Folge gehabt. Deshalb habe es auch keinen Grund gegeben, die Aktienmärkte über die Probleme in den USA zu informieren.

Links
Link

Diesel-Affäre: Neuer Ärger für Winterkorn

Auch Ex-VW-Chef Winterkorn steht neuer Ärgern ins Haus. Seit wann wusste er vom Diesel-Betrug? Ermittler prüfen, ob er aus Audi-Zeiten Kenntnisse der Software hatte, mit der bei VW manipuliert wurde - und ob er daraus hätte Schlüsse ziehen können. extern

Brisante Informationen in einer Präsentation

Jetzt wird jedoch bekannt, dass der VW-Jurist P. mindestens einen Fall recherchiert hatte, in dem der Einsatz einer Betrugssoftware teurer war: 1998 musste ein Lkw-Hersteller eine Gesamtbelastung von einer Milliarde Euro hinnehmen. Diese Information findet sich in einer Präsentation, die der Mann zusammengestellt hatte und die er am 24. Juni 2015 einem Vorgesetzten schickte. Chef des Adressaten war der oberste VW-Jurist Martin Ganninger. In dessen Terminkalender findet sich wenige Tage später am 29. Juni um 9 Uhr ein Termin mit dem Mitarbeiter P. und mit Pötsch. In diesem Termin will P. vor dem hohen finanziellen Risiko des Verstoßes in den USA gewarnt haben.

Der VW-Chef-Jurist kann sich an kein Treffen erinnern

Allerdings kann sich an diese Sitzung und diese Warnung niemand anderes erinnern, auch nicht VW-Justitiar Ganninger. VW teilte dazu mit: "Solche Informationen waren nach Angaben mehrerer dazu befragter Personen nicht Inhalt der fraglichen Besprechung." Die Aussage werde "nachdrücklich als unzutreffend zurückgewiesen". Den Betrugsfall von 1998 sieht man bei VW nicht als vergleichbar mit dem eigenen Dieselbetrug in den USA an, denn es habe sich dabei um einen Betrug mit Lkw-Motoren gehandelt. Betroffen seien 1,3 Millionen Fahrzeuge gewesen und nicht nur 600.000 Fahrzeuge wie im eigenen Fall. Manipulierte Lkw in dieser Stückzahl zu reparieren oder vom Markt zu kaufen, sei viel teurer, als das gleiche bei Pkw vorzunehmen, heißt es.

Wollte VW "Schlimmeres verhindern"?

Bei Volkswagen weist man auch darauf hin, dass man selbst dann nicht die Börsen hätte informieren müssen, wenn man von einer Schadenshöhe von mehreren Milliarden Dollar ausgegangen wäre. Im Juni 2015 stand das Unternehmen in Verhandlungen mit den US-Behörden. Eine Adhoc-Meldung für die Aktienmärkte hätte diese Verhandlungen gefährdet und zu einem größeren Schaden für das Unternehmen führen können. In diesem Fall gebe es die Möglichkeit der so genannten "Selbstbefreiung". Das heißt, der Vorstand hätte jederzeit intern dokumentieren können, dass nach Abwägung auf die sofortige Information der Aktienmärkte verzichtet wurde, um Schlimmeres zu verhindern. Trotzdem bleibt die Frage: Warum soll P. in seinem Gespräch mit Pötsch und Ganninger über den Ernst der Lage geschwiegen haben, wo er doch einige Tage vorher Informationen dazu in einer Präsentation zusammengestellt hatte?

Wann wusste Pötsch von der finanziellen Dimension?

Die neuen Informationen dürften in gleich zwei Verfahren eine Rolle spielen: im sogenannten KapMuG-Verfahren vor dem Oberlandesgericht Braunschweig. In diesem Musterverfahren wollen verschiedene Fondsgesellschaften über acht Milliarden Euro erstreiten, weil VW ihrer Ansicht nach die Börsen über den Betrug zu spät informiert habe. Die Informationen sind aber auch für die Staatsanwaltschaft Braunschweig wichtig, die gegen den heutigen Aufsichtsratschef Pötsch, Konzernchef Diess und den ehemaligen Konzernchef Winterkorn wegen Marktmanipulation ermittelt. Wenn Pötsch tatsächlich noch früher als bislang gedacht über die finanziellen Folgen des Betrugs informiert gewesen wäre, würde eine Anklage wahrscheinlicher.

Weitere Informationen

Gericht gibt grünes Licht für das Klageregister

Die Musterfeststellungklage für VW-Kunden ist seit Freitag auf dem Weg. Das Oberlandesgericht Braunschweig hat das Klageregister der Verbraucherzentralen zugelassen. (23.11.2018) mehr

Dieselaffäre: Audi zahlt 800 Millionen Euro Strafe

Wegen der Abgas-Manipulationen hat die Staatsanwaltschaft München ein Bußgeld von 800 Millionen Euro gegen VW-Tochter Audi verhängt. Gegen Ex-Audi-Chef Stadler wird weiter ermittelt. (16.10.2018) mehr

Richter zweifelt an Volkswagens Aufklärungswillen

Hat Volkswagen alles getan, um seinen Aktionären den Dieselbetrug rechtzeitig mitzuteilen? Der Vorsitzende Richter beim Kapitalanleger-Musterverfahren in Braunschweig zweifelt daran. (12.09.2018) mehr

VW-Abgas-Skandal: Wer ermittelt gegen wen?

Das Musterverfahren gegen VW in Braunschweig ist nicht das einzige im Abgas-Skandal. Mehrere Behörden ermitteln in mehreren Fällen - eine Übersicht. (11.09.2018) mehr

Die VW-Abgas-Affäre: Eine Chronologie

Der Abgas-Skandal hat VW in die schwerste Krise der Firmengeschichte gestürzt. Der finanzielle Schaden geht in die Milliarden. Und nach Winterkorn und Müller ist nun Diess VW-Chef. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 15.12.2018 | 10:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

02:36
Hallo Niedersachsen

Terror in Neuseeland: Solidarität mit Muslimen

22.03.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
03:50
Hallo Niedersachsen

Rassismus beim Länderspiel in Wolfsburg?

22.03.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
02:32
Hallo Niedersachsen

T-Shirt-Wetter: Sommer im März

22.03.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen