Eine Long Covid-Patientin läuft durch einen Park. © NDR

Diagnose Long Covid: Ein Leidensweg mit offenem Ende

Stand: 09.08.2021 07:09 Uhr

Wer eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden hat, ist nicht automatisch gesund. Für viele beginnt der Leidensweg erst. In einer Reha-Klinik in Vechta finden Long-Covid-Patienten Hilfe.

von Elske Beermann

Dorthe ist 42 Jahre alt. Sie wirkt auf den ersten Blick gesund und aktiv. Ein flotter, federnder Gang, wache Augen - niemand sieht ihre bleierne Müdigkeit, die Erschöpfung, die Gedächtnis-, Konzentrations- und Wortfindungsstörungen, die Lärmempfindlichkeit, den Schwindel, die Muskelschmerzen. Die Diagnose: Long Covid. Dabei war Dorthes Corona-Infektion im November scheinbar recht harmlos. Sie hatte mehrere Tage Fieber und Gliederschmerzen, musste aber nicht im Krankenhaus behandelt werden. Danach kamen die Symptome, die immer noch anhalten und die eigentlich ihr ganzes Leben zum Stehen gebracht haben.

Leiden für Außenstehende schwer nachvollziehbar

Seit November ist Dorthe krankgeschrieben. Sie eilte von Arzt zu Arzt, erhielt unterschiedliche Diagnosen. Ein Arzt empfahl ihr, gegen ihre Müdigkeit Kaffee zu trinken und sich einen Hund anzuschaffen, um wieder in Bewegung zu kommen. Auch sonst spürt Dorthe einen immensen Leidensdruck. Für Außenstehende ist ihre Erkrankung kaum bemerkbar und deshalb oft schwer nachzuvollziehen. "Ich bin auch manchmal müde", heißt es da. Oder: "Hast du es gut, du bist krankgeschrieben, während die Kinder zu Hause sind." Tatsächlich kann Dorthe ihren beiden Kindern gar nicht mehr richtig gerecht werden. Dabei wünscht sie sich so sehr, mit ihnen zu lauter Musik durchs Haus zu tanzen. Auch den Haushalt kann sie nicht mehr richtig organisieren. Bei einem Restaurantbesuch ist sie oft bereits überfordert vom Lesen der Speisekarte und der Geräuschkulisse.

Long-Covid- und Schlaganfall-Symptome ähneln einander

Im Mai hat Dorthe einen Ort gefunden, an dem ihre Erkrankung zum ersten Mal ernst genommen wurde: im Aphasie-Zentrum in Vechta. In der Reha-Klinik werden in der Regel Menschen wegen Schlaganfällen oder Schädel-Hirn-Traumata behandelt. Aber "relativ schnell haben wir gemerkt, dass die Long-Covid-Symptome denen eines Schlaganfalls ähneln", sagt Kathrin Billo vom Aphasie-Zentrum. Seit Ende vergangenen Jahres werden in der Reha-Klinik nun Long-Covid-Patienten behandelt, die alle leichte Infektionsverläufe hatten, aber unter heftigen Langzeit-Symptomen leiden. Nach einer intensiven Untersuchung und Diagnose erhalten Menschen, wie Dorthe dort Logopädie, Ergo- und Physiotherapie. Auch die Experten im Haus stehen noch am Anfang, stellen aber bei der Behandlung wiederum deutliche Unterschiede zu Schlaganfall-Patienten fest, sagt Kathrin Billo. Schlaganfall-Patienten würden meist an ihre Belastungsgrenze geführt, weil die Erfolge dann besser seien. Bei Long-Covid-Patienten sei das anders: Werde zu viel in der Therapie gemacht, komme es zu einem immensen Leistungsabfall und die Erkrankten bräuchten extrem lange Ruhephasen, um wieder auf die Beine zu kommen.

Expertin Billo: Erkrankte versuchen, Fassade zu wahren

Dorthe kommt zweimal wöchentlich zur Therapie ins Aphasie-Zentrum. In der Ergo-Therapie muss sie beispielsweise eine Mathe-Aufgabe für Fünftklässler lösen. Vor der Erkrankung war das keine Herausforderung für sie - nun schon. Es fällt ihr schwer, sich zu konzentrieren, sich die Zahlen zu merken - und es ist ihr sichtlich unangenehm. "So verrückt es klingt", sagt Kathrin Billo, "den Long-Covid-Patienten ist ihre Erkrankung extrem peinlich, sie versuchen oft, die Fassade zu wahren." Das gelinge aber nur bedingt. In einer Leistungsgesellschaft wolle niemand abfallen und die Scham sei groß, weil der Kopf nicht mehr wie vorher funktioniere. Damit einher gehe die Angst vor Jobverlust.

Angst, "nicht mehr die Alte" zu werden

Kathrin Billo wünscht sich mehr Aufklärung über Long Covid - genauso wie Dorthe. Sie ist oft traurig, verzweifelt, hat Angst, "nicht mehr die Alte" zu werden, aber sie wünscht sich nichts sehnlicher als das.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 08.08.2021 | 19:30 Uhr

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