Stand: 30.04.2020 19:36 Uhr

Corona unterbricht Tradition: 1. Mai ohne Demos

Ein Rentner sitzt auf einer Bank mit Aufschrift "Rente: Kurswechsel jetzt" bei einer DGB-Veranstaltung zum Tag der Arbeit. © dpa Foto: Julian Stratenschulte
Wer am Tag der Arbeit demonstrieren will, muss das in diesem Jahr übers Internet tun. Kundgebungen wurden abgesagt.

Die Coronavirus-Pandemie schafft nie da gewesene Lebensbedingungen. Geschlossen, abgesagt, verboten - diese Begriffe prägen gerade den Alltag. Das Osterfest ohne Gottesdienste in den Kirchen war so ein Ereignis, das man sich vor Kurzem nicht hätte vorstellen können. Und nun folgt der 1. Mai, der Tag der Arbeit: Kundgebungen, Demonstrationen, überall Polizei, mancherorts auch Ausschreitungen gehören eigentlich zum garantierten Bild in den Städten - nicht so in diesem Jahr.

VIDEO: 1. Mai: Flickenteppich von Aktionen (3 Min)

"Es schmerzt, dass die Plätze leer sein werden"

Stille Städte am 1. Mai - das tut der Arbeiterbewegung in der Seele weh. Auf öffentliche Versammlungen zu verzichten, sei derzeit alternativlos, sagte Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in Hannover dem Evangelischen Pressedienst (epd). Doch es schmerze ihn, "dass die Plätze in ganz Deutschland am 1. Mai erstmals seit der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbunds im Jahr 1949 leer sein werden".

Geschichte
Historische Illustration des sogenannten Haymarket Riot in Chicago im Mai 1886. © picture alliance Foto: Everett Collection

Maifeiertag: Wie der 1. Mai zum "Tag der Arbeit" wurde

1919 wird der 1. Mai, einst Streiktag der Arbeiterklasse, erstmals deutscher Feiertag. Seine Wurzeln hat der "Tag der Arbeit" in den USA. In diesem Jahr verzichtet der DGB wegen Corona auf Kundgebungen. mehr

Tag der Arbeit per Livestream im Netz

Der Tag der Arbeit fällt natürlich nicht aus. Wie so vieles andere - von Konzert und Theater über Gottesdienst bis zu Fridays for Future - wird der 1. Mai ins Netz verlegt. So gibt es etwa einen Livestream des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Der Austausch findet über soziale Netzwerke statt. Statt in der großen Menge wird also jede Aktivistin, jeder Aktivist den Tag für sich verbringen - unter dem tröstlichen Motto "solidarisch ist man nicht alleine".

"An diesen Zustand nicht gewöhnen"

Vieles, das für Menschen in normalen Zeiten den Höhepunkt des Jahres darstellt, fällt 2020 einfach weg. Das geht eben nicht anders, wie die meisten einsehen. Gewerkschafter Vassiliadis spricht vor dem virtuellen Tag der Arbeit dennoch eine Mahnung aus: Mögliche negative Auswirkungen der Corona-Schutzmaßnahmen auf Mitbestimmung und Demokratie müsse man im Blick behalten. "In der gegenwärtigen Krise finden demokratische Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse, die üblicherweise physischer Gremien bedürfen, überwiegend auf digitalem Weg statt", so Vassiliadis, "an diesen Zustand sollten wir uns nicht gewöhnen."

Demokratie "von Angesicht zu Angesicht"

Michael Vassiliadis © Stefan Koch Foto: Stefan Koch
Demokratie nur virtuell - laut Michael Vassiliadis kann das nur eine Ausnahme sein. (Archivbild)

Während also einerseits Hoffnungen geäußert werden, dass erfolgreiche Experimente in der Zeit nach der Krise fortbestehen werden - mehr Homeoffice und höhere Wertschätzung für Pflegepersonal zum Beispiel -, dürfen demokratische Prozesse dem IG-BCE-Chef zufolge nicht ins Virtuelle abgleiten, weil das als effizienter wahrgenommen werde. Wirkliche Demokratie in Betrieben und Parlamenten müsse "vom Verhandeln von Angesicht zu Angesicht geprägt sein und auf der Straße von Versammlungsfreiheit und Demonstrationsrecht".

Globus mit Kopfhörern © fotolia.com Foto: slaved

AUDIO: Weltwissen: Der 1. Mai (4 Min)

Weitere Informationen
Papierfähnchen mit dem Aufdruck 1. Mai stehen neben roten Nelken. © dpa Foto: Stephanie Pilick

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Kommentar: Keine Arbeit am Tag der Arbeit

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 01.05.2020 | 09:00 Uhr

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