Ein Schild weist auf die 2G-Regel hin. © picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer Foto: Michael Bihlmayer

Corona in Niedersachsen: Der Spagat zwischen 3G und 2G

Stand: 23.10.2021 09:04 Uhr

In Niedersachsen gilt weitestgehend die 3G-Regel. Die freiwillige Option, auf 2G umzustellen, verspricht große Lockerungen und Freiheiten. In der Fläche scheinen diese aber nicht zu überzeugen.

von Tullio Puoti

Auf dem Wochenmarkt in Hannovers Südstadt tummeln sich die Besucher. Die meisten wünschen sich wieder mehr Normalität. Die 2G-Regel erleichtere den Alltag, sagen die einen. Die 3G-Regel nehme alle mit und sei sozial gerechter, meinen andere. In der Region Hannover wird die 3G-Regel nach einer Woche jetzt wieder gelten - wegen der steigenden Infektionszahlen. Damit stellt sich wieder die Frage: Was gilt?

Was bedeutet die 3G-Regel?

Nur Geimpfte, Genesene oder Getestete (3G) erhalten Zutritt zu Innenräumen von Behörden und anderen Einrichtungen wie Restaurants, Kinos, Fitnessstudios oder Krankenhäusern. Ausgenommen sind Kinder unter sieben Jahren und minderjährige Schüler, die regelmäßig getestet werden. Bei einem niedrigen Corona-Risiko kann die Regelung ausgesetzt werden. Antigen-Schnelltests dürfen nicht älter als 24 Stunden sein, PCR-Tests nicht älter als 48 Stunden. Gäste von Beherbergungseinrichtungen müssen bei der Anreise einen negativen Test vorweisen und diesen alle 72 Stunden wiederholen. Bei der 2G-Regel reicht ein Test nicht aus, hier haben nur Geimpfte oder Genesene Zutritt.

Der Spagat und sein Effekt

Die niedersächsische Landesregierung hat eine Art Anreizsystem geschaffen: Wenn Betreiberinnen und Betreiber sowie Konzertagenturen auf die 2G-Regel übergehen, können sie auf Abstand, Maske weitere Einschränkungen verzichten. Im Gegenzug haben ungeimpfte Menschen, die nicht als genesen gelten, keinen Zutritt mehr. Ein Spagat, der dazu führt, dass nun überall unterschiedliche Corona-Regeln gelten.

"Möchte meine Gäste und mein Personal schützen"

Seit rund zwei Wochen steigen die Infektionszahlen in Niedersachsen wieder an und das nicht nur in den Ballungsräumen. Aktuell gilt in über der Hälfte aller Landkreise zumindest eine 3G-Pflicht für viele Betriebe. Restaurantbesitzer Carl-Friedrich Weid vom Felsenkeller in Holzminden geht freiwillig einen Schritt weiter. Seine Gäste müssen geimpft oder genesen sein. "Unsere Gäste gehören vom Altersdurchschnitt überwiegend zur Risikogruppe", sagt er, "ich möchte sowohl meine Gäste als auch mein Personal schützen."

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Wirt verweist auf Hausrecht

Auf Diskussionen mit verärgerten Gästen verzichtet Weid. Er habe das Hausrecht und müsse sich nicht rechtfertigen: "Ich sage meinen Gästen auch nicht, wo sie zu Hause ihr Sofa hinstellen sollen. Wer diskutieren will, soll wegbleiben." In der Gastronomie sei das Verhältnis zwischen 2G und 3G nahezu ausgeglichen, sagt die Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Niedersachsen, Renate Mitulla. Bei Hotels sehe die Situation anders aus. Hier werde fast ausschließlich auf das 3G-Modell gesetzt. Einchecken an der Rezeption müsse man ohnehin.

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Unterschiedliche Modelle in Sportstätten

Das Hallenbad Holzminden setzt auf die 3G-Regel. Hier dürfen auch Gäste mit einem negativen Testergebnis schwimmen. Das Hallenbad Isernhagen (Region Hannover) hat zwar eine vergleichbare Größe. Geschäftsführer Stefan Otte befürwortet aber die 2G-Regel: "Wir sind ein kleines Bad mit wenig Personal. Die 2G-Regel erleichtert unseren Arbeitsalltag. Für aufwendige Kontrollen von Tests oder der Maskenpflicht braucht man mehr Leute", sagt er. Ein weiterer Punkt sei das junge Publikum. "Wir haben regelmäßig Schwimmkurse für kleine Kinder. Die können sich nicht impfen lassen, sodass ich hier auch eine Schutzpflicht für die Kinder sehe", sagt Otte. Mit der Einführung von 2G seien ihm Anfeindungen allerdings nicht erspart geblieben. "Ich habe mehrere böse Mails bekommen, deren Inhalt ich besser verschweige, und auch böse Anrufe. Darauf reagiere ich nicht mehr", sagt er.

"2G bedeutet für Fitnessstudios den Bankrott"

In der Fitnessbranche scheint sich das 2G-Modell dagegen bisher kaum durchgesetzt zu haben. Verlässliche Zahlen gibt es zwar nicht, aber es ist unter Fitnessstudios verbreitet, dem Kunden unter 3G-Bedingungen noch weiter entgegenzukommen. In vielen Studios können mittlerweile Selbsttests für ein oder zwei Euro vor Ort gemacht werden. In einem Testzentrum kostet ein Corona-Test zwischen 15 und 20 Euro. Studioleiter Günther Bender vom Solavida in Holzminden begründet sein Testangebot: "Als die Tests nicht mehr kostenlos gemacht werden konnten, haben wir reihenweise Ruhezeitanträge von unseren Mitgliedern bekommen. Die Leute haben uns gesagt, dass sie sich das regelmäßige Testen nicht leisten können."

Verband befürchtet Milliardenverlust

Einfach ausschließen kann und will Bender ungeimpfte Mitglieder aber nicht. Vor Corona seien zu Spitzenzeiten 100 bis 120 Aktive im Studio gewesen. Jetzt seien es nur maximal 40, auch wenn die Tendenz steige. "Wir haben durch Corona viele Mitglieder verloren. Wir können nicht noch mehr verlieren. 2G bedeutet für Fitnessstudios den Bankrott", sagt er. Der Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen schätzt, dass der Branche mit der 2G-/3G-Regelung ein Umsatzverlust von weiteren 1,34 Milliarden Euro und ein Rückgang von weiteren 35,8 Prozent der Mitglieder droht.

Einzelhandel zeigt kaum Interesse an 2G

Wer die 2G-Regel einführt, kann auf die Maskenpflicht und das Abstandhalten verzichten. Der Handelsverband Niedersachsen-Bremen (HNB) sieht jedoch Eingangskontrollen als klare Hürde im Alltag. Für Supermärkte sei dies höchst unpraktisch", sagt der HNB-Hauptgeschäftsführer, Mark Alexander Krack. Sie sollten als Teil der Grundversorgung für jeden offenbleiben. Der Anteil an interessierten Händlern am 2G-Modell sei aber ohnehin verschwindend gering, sagte Krack der Deutschen Presse-Agentur.

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In den Ferien möchten viele Menschen den ganzen Corona-Stress im Urlaub vergessen. Doch wer nicht geimpft ist, sollte sich im Vorfeld gut informieren: Immer mehr Reiseveranstalter setzten auf 2G. Alltours hat angekündigt, in den eigenen Hotels ab 31. Oktober nur noch Geimpfte und Genesene zu beherbergen. Das gelte für die Hotels der Alltours-Marke Allsun unter anderem auf Mallorca, den Kanarischen Inseln sowie den griechischen Inseln Kreta und Korfu. Einige Kreuzfahrten sind sogar nur für Geimpfte möglich - also ein 1G-Prinzip. Reisveranstalter TUI hat auf Anfrage erklärt, keine generelle 2G-Pflicht einzuführen. Man halte sich aber an die Vorgaben der Reise- und Heimatländer. Somit gibt es Reisen, die mit 2G stattfinden und andere mit 3G.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 23.10.2021 | 08:00 Uhr

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