Corona: Schlachthofschließung bringt Bauern in Existenznot

Stand: 08.10.2020 16:24 Uhr

Die niedersächsischen Schweinehalter fordern wegen der fehlenden Schlachtkapazitäten Unterstützung von der Politik. Die Corona-bedingte Schließung des Schlachthofs in Sögel sei "ein Faustschlag".

Am Morgen hatte Argrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) die Diskussion mit einer emotionalen Rede im Landtag zusätzlich befeuert. Vor allem in Niedersachsen befänden sich die Betriebe in einer existenzgefährdenden Notlage, teilten das Landvolk Niedersachsen und die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) daraufhin gemeinsam mit. Notwendig sei ein Maßnahmenbündel, das von der zeitweiligen Aussetzung von Schlachtobergrenzen, Verlängerung der Arbeitszeit bis zu vorübergehenden Ausnahmeregeln bei den Platzvorgaben für Tiere reiche.

Geringere Schlachtkapazitäten wegen Corona

Die Schlacht- und Zerlegekapazitäten sind schon seit Wochen aus Infektionsschutzgründen reduziert. Erschwerend kommen aktuelle Corona-Infektionen in zwei Großschlachthöfen hinzu. Ein Schlachthof in Emstek (Landkreis Cloppenburg) musste seine Kapazitäten um gut die Hälfte reduzieren. Ein zum Tönnies-Konzern gehörender Betrieb in Sögel (Landkreis Emsland) wird zum Wochenende gar für drei Wochen komplett schließen. Dadurch fehlen für etwa 120.000 Schweine in der Woche die Schlachtkapazitäten. Beide Betriebe stellen laut Otte-Kinast zusammen 40 Prozent der Schlachtkapazitäten in Niedersachsen.

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Schweinehalter fordern Rücknahme von Schließung

Sollten die Kapazitäten nicht schnell wieder aufgestockt werden, könnten zu Weihnachten weit über eine Million Schweine in den Ställen stehen, sagte ISN-Geschäftsführer Torsten Staack. Gerade die vom Landkreis Emsland angeordnete Komplettschließung in Sögel sei ein "Faustschlag" gegen die Schweinehalter. Der Landkreis müsse die Verfügung zurücknehmen, so Staack. Der Landkreis hatte die Schließung des Betriebs verfügt, nachdem am Mittwoch 112 positive Corona-Fälle festgestellt worden waren. Betreiber Tönnies hat dagegen Rechtsmittel angekündigt.

Reimann verteidigt Vorgehen und attackiert Tönnies

Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) verteidigte die Schließung mit deutlichen Worten. "Ich halte dies für eine richtige und notwendige Entscheidung des Landrates zur Eindämmung des Infektionsgeschehens vor Ort", teilte Reimann mit. Der Gesundheitsschutz der Beschäftigten im Betrieb und aller Bürgerinnen und Bürger des Emslandes habe Priorität. "Vor diesem Hintergrund finde ich es empörend, dass der Tönnies-Konzern gerichtlich gegen diese Entscheidung vorgeht", so die Ministerin.

Auch in Emstek droht Schließung

Inzwischen hat das Emsland die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen überschritten. Der Region drohen deshalb Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens. Im Nachbarlandkreis Cloppenburg beobachten die Behörden sorgsam die Entwicklung in dem Emsteker Schlachthof. Sollten die Infektionszahlen steigen, wäre auch hier eine Komplettschließung möglich.

Thema sorgt für emotionale Diskussionen

Otte-Kinast hatte am Donnerstagmorgen im Landtag auf die verzweifelte Lage vieler Landwirte hingewiesen. Während ihrer Rede war die Landwirtschaftsministerin in Tränen ausgebrochen. Auch in den Sozialen Medien wird die Diskussion sehr emotional geführt, wie ein Blick auf den Facebook-Account von NDR 1 Niedersachsen zeigt. Dabei mehren sich die Stimmen, dass das System Massentierhaltung von der als Katalysator wirkenden Corona-Pandemie zunehmend seine Grenzen aufgezeigt bekommt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 08.10.2020 | 16:00 Uhr

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