Corona: Niedersachsens Jugendämter unter Druck

Stand: 13.05.2021 18:00 Uhr

Mehr als 200 Beschäftigte aus dem Fachbereich Jugend, darunter Mitarbeitende der Jugendämter, mussten im ersten Corona-Jahr in Gesundheitsämtern aushelfen.

von Holger Bock und Marie-Caroline Chlebosch

Das ergab eine Abfrage des NDR Niedersachsen bei den 54 Jugendämtern des Landes. Experten sind sich einig: Kinder und Jugendliche gehören zu den Verlierern der Pandemie. Schule auf Distanz, Kitas in der Notbetreuung, kein Vereinssport, möglichst keine Treffen mit Freunden - all das belastet schon stabile Familien. Dort, wo Schulden, Jobverlust, schwere Erkrankungen oder enge Wohnverhältnisse hinzukommen, werden Familien mitunter durch die Pandemie in schwere Krisen gestürzt.

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Jugendämter ordnen Mitarbeitende ab

Umso wichtiger ist es, Familien rechtzeitig aufzufangen, ihre Probleme zu erkennen und sie bei der Bewältigung zu unterstützen. Eine Aufgabe, die von staatlicher Seite bei den Jugendämtern liegt. Schon in der Vor-Corona-Zeit waren diese mit Personal nicht unbedingt üppig ausgestattet, sagt Johannes Schmidt, Landesvorsitzender des Kinderschutzbundes Niedersachsen. Nun zeigt die Abfrage des NDR Niedersachsen, dass gerade in diesem so wichtigen Bereich einige Kommunen sogar Mitarbeitende abgezogen haben, um die Gesundheitsämter in der Pandemiebekämpfung zu unterstützen. Mehr als 200 Beschäftigte landesweit, zum Beispiel in den Landkreisen Celle, Cloppenburg, Aurich, Oldenburg, Peine, Gifhorn und im Ammerland. Das geht aus den Antworten auf die NDR Abfrage hervor.

Kinderschutzbund: Schwächung von Jugendämtern in der Pandemie

Es handele sich dabei, so die Kommunen, aber um Mitarbeitende aus dem Verwaltungsbereich. Die direkten Hilfen für überforderte Familien seien nicht betroffen gewesen, heißt es unisono: Aus kinderschutzrelevanten Bereichen habe man keine Mitarbeitenden abgezogen. Und dennoch ruft diese Praxis heftige Kritik vom Kinderschutzbund in Niedersachsen hervor. Der langjährige Vorsitzende Johannes Schmidt wird da sehr deutlich: Wenn in einer Krise Jugendämter geschwächt würden, selbst wenn nur Verwaltungsmitarbeitende abgezogen worden sein sollten, müssten sich die Verantwortlichen in den Kommunen schon die Frage stellen, ob das korrekt so war, sagt Schmidt. "Dann müssten Landräte und Bürgermeister sich vor die Jugendämter stellen und sagen, so etwas passiert nicht wieder und die Jugendämter bekommen jetzt mehr Personal", fordert der Vorsitzende des niedersächsischen Kinderschutzbundes.

18 Jugendämter ohne Abordnungen

Immerhin gaben bei der NDR Abfrage auch 18 Jugendämter in Niedersachsen an, ganz auf Abordnungen verzichtet zu haben. Für die Jugendämter im Land ist die Pandemie eine große Herausforderung. Ein Problem: Weil auch Kindertagesstätten und Schulen geschlossen sind, fehle zum Beispiel die soziale Kontrolle, sagt Diplom-Sozialarbeiterin Cathrin Herwig vom Jugendamt Emden. "Das sind die Institutionen, durch die wir als Jugendamt oft Informationen bekommen, die sagen: Da ist was nicht in Ordnung, könnt ihr bitte mal gucken." Der Wegfall mache es schwieriger, Problemlagen in den Familien frühzeitig zu erkennen. Auch der persönliche Kontakt zum Jugendamt sei in den meisten Fällen nur noch telefonisch oder per Videokonferenz möglich. Im ersten Lockdown seien landesweit fast alle Hausbesuche erst einmal ausgesetzt worden, berichten die 54 niedersächsischen Jugendämter.

Hinweisen auf Kindeswohlgefährdungen wurde immer nachgegangen

Anders war das bei Kindeswohlgefährdungen. Wenn eine konkrete Gefahr für Kinder erkannt wurde, konnten Jugendämter auch im ersten Lockdown direkt eingreifen. "Dann haben wir natürlich auch alles sofort liegen gelassen und haben vor Ort geholfen", sagt Cathrin Herwig aus Emden. Auch die anderen Jugendämter in Niedersachsen betonen auf NDR Anfrage, dass bei Kindeswohlgefährdung jederzeit sofort Maßnahmen ergriffen worden seien. Im Laufe des vergangenen Jahres sind die niedersächsischen Jugendämter kreativ mit den Kontaktbeschränkungen umgegangen und sie wurden ausgerüstet. In allen Kommunen sind Laptops, Video- und Telefonkonferenzsysteme angeschafft worden, um die fehlenden direkten Kontakte zu Familien mit Problemlagen zumindest digital aufrechterhalten zu können. Hilfeplangespräche wurden so digital oder auch mal draußen durchgeführt. Und das bei durchaus enger Personaldecke. Und der Herausforderung, dass in den meisten Jugendämtern wechselnd in Teams gearbeitet werden musste, um bei Verdachts- oder Krankheitsfällen weiterhin einsatzfähig zu sein.

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Kinderschutzbund fordert Kinderschutzbeauftragten

Teilweise betreuen Beschäftigte in Jugendämtern 60 bis 70 Fälle. Viel zu viele, sagt Johannes Schmidt vom Kinderschutzbund: "Da kann man nicht immer alle Familien im Blick haben." In der Pandemie habe sich gezeigt, dass die Rechte von Kindern und Jugendlichen kaum eine Rolle gespielt hätten. Schmidt fordert die Landesregierung deshalb auf, einen Kinderschutzbeauftragten einzusetzen. Dieser müsse direkt beim Ministerpräsidenten angesiedelt sein, um immer dann das Wort zu erheben, wenn Kinder- und Jugendrechte bei Verordnungen und Gesetzen nicht ausreichend mit einbezogen würden. Schmidt ist sich sicher: Ein solcher Beauftragter hätte auch dafür gesorgt, dass in der größten Krise für Familien nicht ausgerechnet die Jugendämter durch Personalabordnungen geschwächt worden wären.

Jugendämter befürchten massiven Hilfebedarf nach Lockdown-Ende

Je länger die Pandemie dauere, umso schwieriger sei die Situation in den Familien, sagt Roland Levin von der Arbeitsgemeinschaft der Jugendämter in Niedersachsen. "Die Spannungen steigen bei allen Familien. Lange halten sie das nicht mehr aus", sagt Levin. Er befürchtet, dass sich langsam herausstellen wird, welche Folgen die Pandemie hat. Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung, in der Schule und im Sozialverhalten befürchten fast alle Jugendämter in Niedersachsen. "Wir werden einen massiven Bedarf an Hilfen für Kinder und Jugendliche haben", sagt Levin, der selbst auch Jugendamtsleiter der Region Hannover ist. Das werde auch erhebliche finanzielle Auswirkungen auf Jugendhilfe und Schule haben.

200 Millionen Euro für Niedersachsen

Den kommenden Bedarf an Unterstützung sieht offenbar auch die Große Koalition in Berlin. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat in der vergangenen Woche ein "Aufholprogramm" angekündigt. Rund eine Milliarde Euro will der Bund in Nachhilfeprogramme stecken, eine weitere Milliarde in soziale Projekte. Das Geld soll im kommenden Jahr fließen. Davon würden 200 Millionen Euro nach Niedersachsen kommen, teilte Niedersachsens Sozialministerin Daniela Behrens (SPD) mit. In enger Kooperation mit den Kommunen solle das Geld in Form eines Kinderfreizeitbonus, für Familienferienstätten oder Mehrgenerationenhäuser ausgegeben werden.

Kritik: Hilfepaket des Bundes reicht nicht aus

Eltern- und Lehrerverbände haben das Paket als vollkommen unzureichend kritisiert und ein zusätzliches Engagement der Länder gefordert. Das sieht auch der Kinderschutzbund so. Kinder und Jugendliche in Stadtteilen und Dörfern müssten von dem Geld profitieren, fordert der niedersächsische Vorsitzende Schmidt. Auch müssten Jugendämter dezentralisiert und entbürokratisiert werden. Es sei ein Neudenken der Hilfestruktur in den Kommunen und Stadtteilen nötig, sagt der Vorsitzende des Kinderschutzbundes.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 13.05.2021 | 19:30 Uhr

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