Celle: Lehrer warnt vor einer "multikulturellen Hölle"

Stand: 19.11.2020 10:26 Uhr

Der Lehrer Thorsten Althaus wirbt für eine AfD-Kampagne gegen eine "Corona-Diktatur" und warnt in einer parteiinternen Rede vor einer "multikulturellen Hölle". Schüler und Schülerinnen halten dagegen.

von Amelia Wischnewski

Thorsten Althaus ist verbeamteter Lehrer und unterrichtet Geschichte an zwei Gymnasien in Celle, dem Hölty-Gymnasium und dem Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium. Auf einem Flyer der AfD posiert der Lehrer nun öffentlich für eine Kampagne gegen die Maskenpflicht. "Die Corona-Diktatur muss beendet werden" ist auf dem Flugblatt zu lesen. Daneben das Porträt von Althaus, der im Begriff ist, seine Maske abzuziehen. Ein Staatsbediensteter, der sich in einer Diktatur wähnt?

Für die Landesschulbehörde ist alles in Ordnung

Die Landesschulbehörde wertet Althaus' Verhalten auf Anfrage bisher als unproblematisch. Sprecherin Bianca Trogisch verweist auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung, da der Mann auf dem Flyer nicht als Lehrer auftrete: "In der Schule scheint er nach jetziger Erkenntnislage nicht zu agitieren. Wenn dies der Fall wäre, würde sich die Sachlage ändern", schreibt Trogisch für die Landesschulbehörde in einem schriftlichen Statement.

Althaus hat sich an die Dienstvorschriften gehalten

Der Haupteingang des Hölty Gymnasiums in Celle. © NDR
Der Eingang des Hölty-Gymnasiums in Celle.

Monika Nerreter, Schulleiterin des Celler Hölty-Gymnasiums, bestätigt das. Althaus gehöre zu den Dienstältesten. Er habe sich als Kollege und Lehrer bisher korrekt verhalten und sich an die Dienstvorschriften - auch an die Pflicht eine Maske zu tragen - gehalten. Eine Elternbeschwerde, die dieser Darstellung widerspricht, liege allerdings bereits gegen ihn vor, wie die "Cellesche Zeitung" berichtet.

Die "Hölle der multikulturellen Gesellschaft" und das Vaterland

Eine Rede des Lehrers auf dem Parteitag der niedersächsischen AfD im September, mit der er sich um den Posten des Beisitzers im Landesvorstand bewirbt, kursiert derzeit als Videomitschnitt unter den Schülerinnen und Schülern. Darin sagt der Geschichtslehrer: "Wenn ich aus meinem Büro auf den Pausenhof schaue, dann sehe ich dort unsere Schüler spielen. Und ich denke mir jedes Mal, verdammt noch mal, es darf nicht sein, dass wir unsere Jugend in die Hölle der multikulturellen Gesellschaft schicken!" Althaus setzt unter Applaus nach: "Wir müssen unser Land retten! Es geht einzig und allein um unser Vaterland!"

Es geht um den Schulfrieden und die Vielfalt einer Schule

Thorsten Althaus auf einem Plakat der Afd, welches sich gegen Coronamaßnahmen wendet. © CELLESCHE ZEITUNG Foto: CELLESCHE ZEITUNG
Althaus fordert auf einem AfD-Plakat "Schluss mit der Corona-Panik".

Mathis Gayk, Schülersprecher am Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium, sagt, es hätten ihn zum Teil panische Reaktionen auf das Video erreicht. Einige Schülerinnen und Schüler seien besorgt, von dem AfD-Lehrer nicht mehr fair benotet zu werden. Als Schülervertretung sei es ihm wichtig, den Schulfrieden zu wahren. "Wir akzeptieren Meinungen. Aber es ist auch wichtig für uns, dass diese Meinungen niemanden verletzten oder einschränken. Und das ist hier geschehen." Hölty-Schüler Hauke Lüken: "Ich fand, das war ein direkter Angriff auf viele meiner Mitschüler, wir sind ein vielfältiges Gymnasium." Noemi So Espirito Santo, deren Vater aus Brasilien kommt, erklärt: "Mir ist es wichtig, mich mit meiner Schule identifizieren zu können und dass wir uns als Gemeinschaft klar von seinen Aussagen distanzieren."

Das Hölty-Kollegium bereitet eine Stellungnahme vor

Das Video hat auch Hölty-Schulleiterin Nerreter aufhorchen lassen: "Das können und wollen wir so nicht im Raum stehen lassen." Das Hölty-Gymnasium stehe für gelebte Integration von Inklusionskindern und Schülern mit Migrationshintergrund. Ein Statement des Lehrerkollegiums sei in Arbeit und solle bald auf der Homepage der Schule veröffentlicht werden. Die Schüler der beiden Gymnasien waren schneller. Mit einer Kunstaktion haben sie ihren Standpunkt klar gemacht. "#Multikulti ist himmlisch" schrieben sie mit bunter Kreide auf den Schulhof. Schüler und Lehrkräfte wurden aufgefordert, Herzchen neben den Schriftzug zu malen und das Bild in den sozialen Netzwerken zu teilen.

Mangelndes Geschichtsbewusstsein und Urteilsvermögen?

Eine der beiden Wirkungsstätten des Lehrers, das Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium, ist Partnerschule der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen. Deren ehemaliger Leiter, Jens-Christian Wagner, seit Oktober Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, ist alarmiert. "Mit seinem Vergleich der Corona-Schutzmaßnahmen, der Gleichsetzung mit einer Diktatur, hat Herr Althaus bewiesen, dass er ganz offensichtlich weder über Geschichtsbewusstsein noch über historisches Urteilsvermögen verfügt und damit nicht über die Grundvoraussetzungen, die ein Geschichtslehrer mitbringen sollte."

Wird ein "erfolgreicher Geschichtslehrer" diskreditiert?

Der stellvertretende Landesvorsitzende der AfD Niedersachsen, Stephan Bothe, hält die Empörung für völlig überzogen. Er forderte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) auf, sich vor den AfD-Lehrer Althaus zu stellen und diesen vor Anfeindungen zu schützen. Eine völkische Gesinnung könne Bothe bei seinem Parteikollegen nicht erkennen. Das, was jetzt passiert, sei "ein Versuch des politischen Gegners, einen erfolgreichen Geschichtslehrer zu diskreditieren". Das Wort "Corona-Diktatur" verteidigte Bothe als "Zuspitzung im politischen Meinungswettbewerb".

Der Oberstudienrat möchte in den Bundestag

Thorsten Althaus selbst wollte sich auf Anfrage des NDR nicht äußern. Der Oberstudienrat möchte sich im Dezember für die Bundestagswahl aufstellen lassen.

Weitere Informationen
Jens Kestner (AfD) hebt auf dem AfD-Parteitag in Braunschweig als Siegerpose die Faust in die Luft. © dpa-Bildfunk Foto: Swen Pförtner

Jens Kestner ist neuer AfD-Landesvorsitzender

Auf dem Landesparteitag der AfD in Braunschweig ist Jens Kestner in einer Stichwahl zum Landesvorsitzenden gewählt worden. Der Auftakt des Parteitags hatte sich wegen Demos verzögert. (13.09.20) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 19.11.2020 | 07:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

Eine junge Frau geht in einem Einkaufscenter an einem Weihnachtsbaum vorbei. © dpa - picture alliance Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON

Weihnachtsgeschäft startet in Niedersachsen gedämpft

Der große Ansturm blieb von Lingen über Hannover bis Braunschweig am ersten Adventssonnabend aus. mehr

Einsatzkräfte der Feuerwehr löschen einen Brand in Hannover. © Tele-News-Network

Polizei nimmt mutmaßlichen Brandstifter in Hannover fest

Die Ermittler prüfen nun, ob der Verdächtige auch für eine Reihe anderer Brände in der Stadt verantwortlich ist. mehr

Die Klasse 9b an der IGD Mühlenberg in Hannover. © NDR

NDR Serie: Die Klasse 9b zwischen Stoßlüften und Gebeten

Ein Jahr lang begleitet der NDR die 9b der IGS Mühlenberg. Thema diesmal: Wer hat welchen Glauben und wie wird gebetet? mehr

Gruppe junger Leute bilden einen Kreis © Fotolia.com Foto: william87

Ehrenamtspreis für "SCHLAU Niedersachsen"

Zwölf Projekte, Initiativen und Vereine aus dem ganzen Land sind mit insgesamt 36.000 Euro ausgezeichnet worden. mehr