Anstieg von Corona-Infektionen: Ist Niedersachsen gewappnet?

Stand: 08.10.2020 18:53 Uhr

Die Zahl der Corona-Infektionen ist in Niedersachsen innerhalb eines Tages drastisch gestiegen. Das könnte schon bald dazu führen, dass wieder mehr Menschen im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Noch sind es vor allem junge Menschen, die sich mit Corona infizieren. In dieser Altersgruppe gibt es nur selten schwere Verläufe der Krankheit und die Betroffenen können sich in der Regel zu Hause auskurieren. Nach Angaben einer Sprecherin des Gesundheitsministeriums müssen derzeit in Niedersachsen weniger als 200 Corona-Patienten im Krankenhaus behandelt werden. Doch mit einer sprunghaften Ausbreitung erreicht das Virus auch wieder vermehrt ältere Menschen und jene mit Vorerkrankungen, die dann auf eine medizinische Behandlung angewiesen sind. Wie gut ist das Gesundheitssystem in Niedersachsen darauf vorbereitet?

Weniger Krankenhausbetten insgesamt, mehr Intensivbetten

Mit Blick auf Länder wie Frankreich und Spanien, wo die Infektionszahlen rasant gestiegen sind, sehe man, wie schnell die Krankenhauskapazitäten an ihr Limit kommen, sagte die Ministeriums-Sprecherin. In Deutschland seien Krankenhäuser dazu verpflichtet, ein gewisses Betten-Kontingent für Covid-19-Patienten vorzuhalten. Sollte dieses in Niedersachsen knapp werden, greife ein "Alarm-Automatismus", sagte die Sprecherin. Daraufhin würden weitere Maßnahmen erfolgen, wie beispielsweise die Reaktivierung von Reha-Kliniken zur Behandlung von Corona-Patienten. In Niedersachsen ist die Zahl der Krankenhausbetten von 1991 bis 2020 deutlich geschrumpft. Gab es 1991 noch 55.804 Betten, sind es aktuell noch 40.194. Die Zahl der Intensivbetten stieg jedoch im selben Zeitraum von 1.593 auf aktuell 2.637.

Behelfskrankenhaus für 485 Patienten auf dem Messegelände

Um für eine große Zahl an Corona-Patienten gewappnet zu sein, hatte die Region Hannover Ende März die Deutsche Messe AG mit der Einrichtung eines Behelfskrankenhauses beauftragt. Die Behelfsklinik verfügt über 485 Betten, medizinische Geräte und Sanitäranlagen. Sollte die Bedarfsklinik voll ausgelastet sein, würden nach Angaben des Projektverantwortlichen Marcus Eibach bis zu 1.500 Ärzte und Pfleger im Drei-Schicht-Betrieb die Patienten versorgen. Weil jedoch die Kapazitäten in den regulären Kliniken auch auf dem Höhepunkt der Pandemie im Frühjahr ausreichten, kam das Behelfskrankenhaus auf dem Messegelände bislang nicht zum Einsatz. Derzeit ist es im Ruhemodus, könne aber innerhalb von vier Wochen wieder an den Start gehen. Bundesweit gibt es laut Eibach nur in Berlin eine ähnlich Bedarfsklinik.

320 neue Corona-Fälle in Niedersachsen

Die Zahl der neuen Corona-Infektionen ist bundesweit sprunghaft gestiegen. Innerhalb eines Tages meldete das Robert Koch-Institut 4.058 neue Fälle. In Niedersachsen gab es 320 neue Corona-Fälle - und damit so viele wie seit Anfang April nicht. Erstmals seit Mitte September sind auch wieder drei Menschen an einem Tag an Covid-19 gestorben. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) rechnet angesichts der neuen Zahlen mit einer sehr herausfordernden Zeit. "Das ist wirklich erschreckend, weil es ein richtiger Sprung ist von einem Tag auf den anderen."

Grenzwert in drei Landkreisen und einer Stadt überschritten

Mittlerweile haben drei Landkreise die kritische Marke von 50 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen überschritten. Im Landkreis Vechta liegt die Sieben-Tages-Inzidenz bei 68,8 Fällen pro 100.000 Einwohner. Im Landkreis Emsland liegt sie bei 55,4 Fällen - dort gibt es einen Hotspot in einem Schlachthof in Sögel. Im Landkreis Wesermarsch liegt der Inzidenzwert bei 56,4 Fällen. Auch in Delmenhorst ist die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen auf 63,7 gestiegen - damit ist die Stadt Corona-Risikogebiet. Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD) entschied noch am Donnerstag, dass alle Schulen der Stadt am Freitag geschlossen bleiben. Auch Delmenhorster Schülerinnen und Schüler, die eine Schule außerhalb des Stadtgebietes besuchten, dürften am Freitag nicht am Unterricht teilnehmen, hieß in einer Mitteilung der Stadt. Für Urlauber aus Regionen, in denen der kritische Grenzwert überschritten ist, will Niedersachsen ein Beherbergungsverbot auf den Weg bringen.


08.10.2020 15:04 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags hatten wir geschrieben, dass ein Schlachthof in Emstek im Landkreis Vechta liegt. Richtig ist, dass Emstek im Landkreis Cloppenburg liegt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 08.10.2020 | 12:00 Uhr

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