Bernd Osterloh sitzt für ein Interview vor einer Kamera. © NDR Foto: NDR

75 Jahre Mitbestimmung bei VW: Bernd Osterloh im Gespräch

Stand: 26.11.2020 18:00 Uhr

Heute feiert der VW-Betriebsrat die Gründung der ersten Belegschaftsvertretung bei Volkswagen vor 75 Jahren. Aus diesem Anlass: Ein Gespräch mit VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh.

NDR: Herr Osterloh, wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken: Was war für Sie persönlich die dunkelste Stunde Ihrer Arbeit? Und was war die Sternstunde?

Osterloh: Die Sternstunde war der Erhalt des VW-Gesetzes, das muss ich ganz klar sagen. Wo wir hier in Wolfsburg eine Sitzung mit Stephan Weil und seinem Kabinett und dem Gesamtbetriebsrat gemacht haben. Und dann die Nachricht reinkam: Die EU-Kommission hat gesagt, das VW-Gesetz entspricht den Richtlinien von Europa. Das war, glaube ich, eine Sternstunde. Das Negativste war Dieselgate. Das ist wirklich eine echte Erschütterung gewesen. Und da können wir froh sein, dass wir das mit der finanziellen Substanz des Unternehmens so geschafft haben. 

Die Autoindustrie steckt im Umbruch. Volkswagen will sich vom reinen Autobauer zum Mobilitätsdienstleister wandeln. Hat es in den vergangenen 75 Jahren schon einmal so einen Umbruch gegeben wie jetzt?

Osterloh: Ich glaube, die Umstellung vom Käfer auf den Golf war zumindest aus meiner Sicht genauso eine Herausforderung. Das war das beherrschende Auto des gesamten Unternehmens. Und dann ein Riesenschritt, obwohl man gar nicht wusste, ob es die Kundennachfrage überhaupt gibt. Und zur Elektromobilität: Das Thema haben wir beim Betriebsrat schon vor zehn Jahren diskutiert. Und ich kann mich noch gut erinnern, als ein Vorstand damals bei mir im Büro gesessen hat - ich sage jetzt mal keinen Namen - und zu mir gesagt hat: Herr Osterloh, ich möchte nichts mehr hören zum Thema E-Mobilität. Das zeigt schon aus heutiger Sicht, dass man 2015 eigentlich den richtigen Schritt eingeleitet hat. Ein bisschen spät, würde ich sagen, aber man hat ihn eingeleitet.

Wie verändern sich denn Unternehmen und Belegschaft in diesem Wandel zu mehr Digitalisierung und Software?

Osterloh: Bisher hatten wir bei der Software einen eigenen Entwicklungsanteil zwischen zwei und zwölf Prozent. Und wir streben an, in Zukunft ungefähr 40 bis 50 Prozent zu haben. Dafür hat der Vorstand die Car.Software.Org in Angriff genommen (Anmerkung der Redaktion: Eine zentrale Software-Schmiede für den Konzern). Damit will man sich zielorientiert darauf konzentrieren, eine einheitliche Software für alle Autos zu machen. Mit Software ist heute eigentlich alles möglich. Da kann man dann vom Infotainment bis zum Thema autonomes Fahren alles auf die Straße bringen.

VW braucht also mehr IT-Expertinnen und Software-Talente. Aber die Konkurrenz ja auch. Wie kann VW gegen Firmen wie Tesla punkten?

Bernd Osterloh, Vorsitzender des Gesamt- und Konzernbetriebsrats sowie Mitglied des Präsidiums des Aufsichtsrates der Volkswagen AG, spricht bei einer Pressekonferenz von Volkswagen zu Digitalisierung, neuen Mobilitätsdiensten und Beschäftigungssicherung. © dpa-Bildfunk Foto: Christophe Gateau
Seit 2005 VW-Konzernbetriebsratschef: Bernd Osterloh.

Osterloh: Ich habe den Eindruck, dass die neue Generation ganz andere Ansprüche hat. Und genau den Ansprüchen müssen wir uns stellen. Ich habe persönlich, was das betrifft, keine Angst vor Elon Musk. Weil bei uns auch Leistung abgefordert wird, aber nicht bis ins Unendliche. Denn das ist etwas, was die jungen Leute absolut nicht mehr wollen. Früher war das ja üblich, acht oder zehn Stunden zu arbeiten, das Licht im Büro brennen zu lassen, so nach der Devise: Ich bin wichtig. Ich glaube, die kommenden Generationen, die muss man dann mit anderen, für sie wichtigen Dingen für das Unternehmen begeistern. 

Schaffen Sie das, den Nachwuchs für die IG Metall zu begeistern?

Osterloh: Ich glaube, Volkswagen hat in Sachen Software mittlerweile einen guten Ruf. Wir sind ja nicht nur in Wolfsburg. Wir sind mit unseren Labs in München. Wir sind in Berlin, wir sind in den USA, wir sind in Lissabon, wir sind in Barcelona. Also da ist sehr viel gemacht wurden. Der Betriebsrat ist natürlich daran interessiert, dass wir junge und gut ausgebildete Kolleginnen und Kollegen bekommen. Und klar musst du rüberbringen, wofür ist so ein Betriebsrat, wofür ist so eine IG Metall eigentlich da. Aber das gelingt uns hier in so einem Großbetrieb ganz gut.

Wie denn zum Beispiel?

Osterloh: Zum Beispiel beim Thema Geld oder Freizeit. Wir haben dazu die Belegschaft befragt, was sie lieber möchten. Im Tarifvertrag haben wir dann sechs bis acht zusätzliche freie Tage durchgesetzt. Das ist ja aus den Ansprüchen der Menschen gekommen. Alleine setzt das keiner durch. Das kannst du natürlich nur mit einer starken kollektiven Gemeinschaft. 

Macht Ihnen das Sorge, dass der Wandel in der Autoindustrie sehr viele Arbeitsplätze kostet?

Osterloh: Ich glaube, es ist beherrschbar. Aber sollte die Abgasnorm Euro 7 so kommen, wie zurzeit geplant, wird das eine riesen Herausforderung. Nicht nur außerhalb von Volkswagen, sondern auch für Volkswagen. Wenn wir keine Verbrennungsmotoren mehr verkaufen könnten, würde das bedeuten, dass wir keine Motoren-Standorte mehr brauchen. Und auch keine Getriebe-Standorte mehr. Wenn der Tod des Verbrenners beschlossen wird, dann muss man sich überlegen, was ich dann mit Standorten wie Chemnitz oder Salzgitter mache.

Es gibt den Vorwurf, dass ein VW-Kollege im Werk in Zwickau rassistisch beleidigt wurde. Stimmt das?

Osterloh: Ich kann den Einzelfall nicht beurteilen. Alles, was zurzeit an Vorwürfen da ist, wird durch Konzernsicherheit, Kriminalpolizei durch das Personalwesen und durch den Betriebsrat mit begleitet und untersucht. Persönlich hat mich das getroffen. Ich bin selber mit einer Italienerin verheiratet. Meine Kinder haben die doppelte Staatsbürgerschaft. Volkswagen als Rassisten-Bude darzustellen, finde ich unmöglich.

Macht das eigentlich Spaß, als der mächtigste Betriebsrat in Deutschland zu gelten?

Es macht Spaß, aber geschmeichelt fühlte ich mich davon nicht unbedingt. Ich finde den Titel nicht ganz so spannend. Mir geht es um das Unternehmen, mir geht es um die Belegschaft. Ich bin für die Sicherheit der Arbeitsplätze zuständig. Das ist so, wie ich mich sehe. Ich könnte nicht so arbeiten, wenn ich nicht meine ganzen Kolleginnen und Kollegen hätte. Ohne die wäre ich nicht so wichtig, wie Sie mich gerne machen.

Das Interview führten Hilke Janssen und Annette Deutskens.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 27.11.2020 | 19:30 Uhr

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