Stand: 16.02.2018 13:15 Uhr

60 Prozent mehr Ausnahmen bei Sonntagsarbeit

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Noch mal fix etwas einkaufen: Immer häufiger ist das auch sonntags möglich. (Themenbild)

Der Sonntag wird auch in Niedersachsen immer mehr zum Arbeitstag. Diese gefühlte Tendenz wird durch zwei aktuelle Statistiken untermauert. Die "Neue Osnabrücker Zeitung" (NOZ) berichtet in ihrer Freitagsausgabe, dass die zuständigen Gewerbeaufsichtsämter im Jahr 2017 60 Prozent mehr Anträgen auf Sonn- oder Feiertagsarbeit zugestimmt haben als noch 2007. Zudem belegen Zahlen des Bundesarbeitsministeriums, dass der Anteil der Sonntagsarbeit bundesweit von 12,3 Prozent im Jahr 2006 auf knapp 14 Prozent 2016 gestiegen ist.

Ministeriumssprecherin: Aufschwung mit verantwortlich

Die Zahlen könnten mit der allgemeinen positiven wirtschaftlichen Lage zu tun haben, vermutete eine Ministeriumssprecherin im Gespräch mit NDR 1 Niedersachsen. "Wir können uns alle darüber freuen, dass die Wirtschaft so gut läuft", erklärte auch der Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen, Dr. Volker Müller: "Wenn bei der guten Konjunktur auch ausnahmsweise Sonn- und Feiertagsarbeit notwendig ist, ist das für alle Beteiligten besser als leere Auftragsbücher." Frederik Heidenreich von der katholischen Arbeitnehmerbewegung im Bistum Osnabrück sieht dagegen eine "fatale Entwicklung", da eine Ausnahme zur Regel werde: "Arbeitnehmer benötigen Zeit, die sich nicht rechnen muss."

Bistums-Vertreter: "Tag des Innehaltens und der Ruhe fehlt"

Auch Felix Bernard, Leiter des Katholischen Büros Niedersachsen, sprach von einer besorgniserregenden Entwicklung. "Wenn heute zunehmend über Stress und Burn-out am Arbeitsplatz geklagt wird, dann hängt das auch damit zusammen, dass ein Tag des Abschaltens, des Innehaltens und der Ruhe fehlt", sagte der Vertreter der katholischen Bistümer in Niedersachsen. Linken-Politikerin Krellmann kritisierte: "Je nach Auftragslage arbeiten viele bis zum Umfallen oder müssen fremdbestimmt zuhause bleiben. Die unternehmerischen Risiken werden auf die Beschäftigten verlagert, ihre Gesundheit und ihr Privatleben bleiben dabei auf der Strecke."

Deutlich mehr Ausnahmen als 2007 bewilligt

Die "NOZ" bezieht sich in ihrer Berichterstattung auf eine eigene Anfrage beim Landessozialministerium. Diese ergab, dass 2017 insgesamt 3.462 Ausnahmen bewilligt wurden - 2007 waren es noch 2.192. Abgelehnt worden seien lediglich 13. Die bundesweiten Zahlen hatte das Bundesarbeitsministerium Ende Januar auf die Kleine Anfrage der Hamelner Bundestagsabgeordneten Jutta Krellmann (Linke) mitgeteilt.

Streit um Weihnachtsschlachtung

Unternehmen können laut Arbeitszeitgesetz unter bestimmten Voraussetzungen entsprechende Ausnahmen von der Sonn- und Feiertagsruhe beantragen. Krankenhäuser, Gaststätten oder andere Betriebe, die klassischerweise an Sonntagen arbeiten, fallen nicht darunter. Für sie gelten bereits andere Bedingungen. Vergangenes Jahr hatten zwei Fleischhersteller aus Cloppenburg für Diskussionen gesorgt, weil sie am Zweiten Weihnachtstag arbeiten lassen wollten. Nach Kritik blieben die Werkstore aber schließlich geschlossen.

Gewerkschaften stimmen mit zu

Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) stimmen die Gewerkschaften vielen der Anträge selbst zu, wenn es etwa Zuschläge gibt und der Antrag mit dem Betriebsrat abgestimmt sei. Weil die Zahlen aber so stark gestiegen seien, wolle man die Genehmigungspraxis aber im Auge behalten, sagte eine DGB-Sprecherin dem NDR.

Besserverdienende befürworten Sonntagsöffnung

Die Sonntagsöffnung ist in vielen Belegschaften unter anderem wegen der Zuschläge durchaus umstritten. Eine repräsentative Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov hatte im Sommer 2017 ergeben, dass die Zahl der Deutschen, die sich gegen die Sonntagsöffnung aussprechen, von 54 Prozent im Vorjahr auf 41 Prozent gesunken ist. Allerdings hat die gleiche Studie ergeben, dass die große Zahl der Befürworter mit mehr als 2.500 Euro netto weitaus mehr verdient als diejenigen, die etwa im Einzelhandel sonntags arbeiten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 16.02.2018 | 12:00 Uhr

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