Stand: 25.09.2018 21:17 Uhr

153 Missbrauchsopfer allein im Bistum Hildesheim

Die katholische Kirche hat am Dienstag auf der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda die Ergebnisse einer bundesweiten Studie zu sexuellem Missbrauch durch Geistliche vorgestellt. Auch die Bistümer Osnabrück und Hildesheim äußerten sich. Der neue Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer meldete sich in einer Videobotschaft zu Wort: Er nennt darin Zahlen von Opfern und Tätern und bittet die Betroffenen um Vergebung. "In unserer Diözese sind ab den 1960er-Jahren bis heute mindestens 153 Menschen Opfer sexualisierter Gewalt geworden", sagt Wilmer im Video. "Ich sage 'mindestens', weil wir nicht wissen, wie hoch die Dunkelziffer ist. Beschuldigt sind 46 Geistliche aus dem Bistum Hildesheim, deren Taten allesamt untersucht worden sind."

Bischof Heiner Wilmer spricht in die Kamera © Bistum Hildesheim

Bischof Wilmer: "Wir haben versagt"

Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer bittet Opfer von Missbrauch und ihre Angehörigen um Vergebung. Die Kirche habe "eine fragwürdige Kultur des Schweigens gepflegt", so der Bischof.

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"Wir haben versagt"

Die Kirche hätte die Aufgabe gehabt, den Opfern Geborgenheit und Schutz zu gewähren, so Wilmer: "Dabei haben wir versagt." In zu vielen Fällen habe die Kirche Betroffenen nicht geglaubt, weitere Taten nicht verhindert, Täter nicht angezeigt. "Zu oft haben wir weggeschaut und eine fragwürdige Kultur des Schweigens gepflegt." Wilmer spricht in seiner Videobotschaft den Opfern, die an die Öffentlichkeit gegangen sind, Respekt und Dankbarkeit aus. Er lädt zudem Betroffene und Angehörige ein, mit ihm über das Erlebte zu sprechen.

Videos
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Hallo Niedersachsen

Katholische Kirche legt Missbrauchsstudie vor

Hallo Niedersachsen

Die katholische Kirche hat Zahlen zu Missbrauchsfällen der vergangenen Jahrzehnte veröffentlicht. Im Bistum Hildesheim sind 153 Fälle dokumentiert. Video (07:08 min)

Mehrzahl der Betroffenen ist männlich

Den Angaben des Bistums zufolge wurden Personalakten von 848 Priestern durchgesehen. Die Mehrzahl der Taten sei in den 60er- und 70er-Jahren begangen worden. 101 Betroffene seien männlich, 16 weiblich. Bei 36 Betroffenen geht das Geschlecht demnach aus den Unterlagen nicht hervor.

Noch lebende Beschuldigte "wurden zur Rechenschaft gezogen"

Von den 46 beschuldigten Priestern sind laut Bistum nur noch zehn am Leben. Sie "wurden zur Rechenschaft gezogen", heißt es vom Bistum. Gegen sie seien kirchliche Sanktionen verhängt und teils Strafanzeigen gestellt worden. Zwei der Geistlichen seien noch im aktiven Dienst. Ihnen "wurde kein sexueller Missbrauch zur Last gelegt, sondern grenzüberschreitendes Verhalten", teilte das Bistum mit. "Beide haben intensive Sensibilisierungsmaßnahmen und Auflagen erhalten." Das Bistum hat eigenen Angaben zufolge seit 2011 an 41 Betroffene Anerkennungszahlungen von insgesamt 170.000 Euro geleistet, im Einzelfall zwischen 1.000 und 10.000 Euro.

Hilfe für Betroffene

Betroffene von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche können sich an die folgenden Beratungsstellen wenden:

Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung
Tel.: 0800 22 55 530

Katholische Kirche
Tel.: 0800 000 56 40

Weißer Ring e.V.
Tel.: 116 006

Eckiger Tisch
Email: info@eckiger-tisch.de

Zu zögerlich reagiert

Bereits eine vor knapp einem Jahr vorgelegte unabhängige Studie hatte dem Bistum schwerwiegende Versäumnisse im Umgang mit Missbrauchsfällen angelastet. Bei dem Gutachten ging es insbesondere um Vorwürfe gegen den 1988 verstorbenen Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen und den Priester Peter R., dem elf Fälle sexualisierter Gewalt nachgewiesen wurden. Die Gefährdung von Minderjährigen wurde der Studie zufolge wissentlich in Kauf genommen. Selbst nach Bekanntwerden massenhaften Missbrauchs in katholischen Einrichtungen 2010 habe das Bistum im Fall eines Serientäters nur zögerlich reagiert.

"Schwerwiegende Fehler" im Bistum Osnabrück

Das Bistum Osnabrück hatte bereits vorab von 35 Beschuldigten und 68 Opfern berichtet. "Aus heutiger Sicht sind auch im Bistum Osnabrück auf den verschiedenen Ebenen schwerwiegende Fehler gemacht worden, zum Beispiel in der Versetzungspraxis", sagte Generalvikar Theo Paul am Dienstag in Osnabrück. Mittlerweile gibt es einen Präventionsbeauftragten sowie zwei unabhängige Ansprechpartner für Opfer von Missbrauch in der Diözese. "In den kommenden Jahren werden wir weiter an dem Wechsel von der Institutionenperspektive auf die Betroffenenperspektive arbeiten", versprach Paul.

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Aufarbeitung erst am Anfang

Die Fälle von zwölf Beschuldigten seien an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden. Neun Verfahren seien eingestellt, drei Personen strafrechtlich verurteilt worden. Im Gemeindedienst sei keiner der Beschuldigten mehr. Bereits in der vergangenen Woche hatte Paul an die Mitarbeiter geschrieben, die systematische Aufarbeitung des Missbrauchs in der Kirche stehe erst am Anfang. "Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Aufdeckung von Machtstrukturen, die Missbrauch begünstigen, um noch genauer zu verstehen, wie es zum Missbrauch in der Kirche kommen konnte." Bis 2015 hat das Bistum eigenen Angaben zufolge Anerkennungszahlungen von insgesamt 69.000 Euro an Betroffene geleistet. Bis heute flossen demnach weitere 12.000 Euro.

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34 Beschuldigte im Oldenburger Land - unabhängig von Studie

Zahlen vorgelegt hat auch das Bistum Münster. Darin enthalten sind die Fälle im Oldenburger Land: Unabhängig von der bundesweiten Studie wisse man dort von 34 Beschuldigten in der Zeit von 1931 bis 2016. Wie viele Beschuldigte die Forscher insgesamt festgestellt hätten, sei dem Bischöflich Münsterschen Offizialat nicht bekannt. Eine mögliche Opferzahl im Oldenburger Land wird nicht genannt. An Betroffene seien insgesamt knapp 47.000 Euro gezahlt worden, "dazu kommen die Zahlungen aus dem NRW-Teil des Bistums an Betroffene im Offizialatsbezirk Oldenburg."

Opfervertreter Katsch: Studie zeigt nur einen Teil

Die Ergebnisse der Studie zeigen nach Ansicht von Opfervertreter Matthias Katsch nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Sie dokumentierten "das, was sich in den Archiven der Bistümer fand", sagte Katsch der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". "Wir wissen aber, dass Akten vernichtet wurden und viele Fälle nicht richtig dokumentiert wurden." Außerdem sei von einem großen Dunkelfeld auszugehen, so Katsch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 25.09.2018 | 16:00 Uhr

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