Stand: 16.06.2018 09:00 Uhr  - Hallo Niedersachsen  | Archiv

Digitaler Jahrmarkt: Taugt die Cebit als Festival?

von Alexander Nortrup
Da zahlt sich der neue Termin im Juni aus: Cebit-Gäste feiern auf dem Freigelände bei sommerlichen Temperaturen mit Musiker Jan Delay.

Es ist spät geworden an diesem Abend in Cebit-Halle 27. Ein Mann in Begleitung eines laut lärmenden, hüfthohen Roboters gleitet vorbei Richtung Feierabend. Die meisten Stände sind verwaist, das Werbematerial auf den Tresen wartet geduldig auf den nächsten Messemorgen. In einer Ecke der Halle steht ein Putztrupp - die Mitarbeiter eines Messe-Dienstleisters besprechen ihre Reinigungsstrategie. Vor den Toren der Halle dagegen strebt der Messetag noch seinem strategischen Höhepunkt entgegen: Jan Delay, der Hutträger aus Hamburg, dessen Songs ohne fette Beats nicht denkbar wären, soll dem müden Messe-Giganten neues Leben einhauchen. Schließlich soll die einstige Computermesse ab jetzt ein hippes Festival sein. Oder zumindest werden.

Das neue Konzept: Messepartys für alle

Zum Abschluss der "ersten Cebit nach neuer Zeitrechnung" (O-Ton von Messe-Vorstand Oliver Frese) ist die Frage erlaubt: Hat das neue Konzept gezündet? Wie kann diese Frage überhaupt geklärt werden? Die Cebit-Macher geben eine erwartbar euphorische Antwort: "Das Konzept ist voll aufgegangen", sagte Frese am Freitag, und lobte die Kombination aus Business und Festival. Nach der Messe ab zur Party - ganz neu ist das Konzept ja nicht. Schließlich hat es immer schon Standpartys gegeben, bei denen Unternehmen nach Messeschluss ihre Kunden umgarnten. In diesem Jahr allerdings sollten - ganz demokratisch - alle ihre Party bekommen. Und ein bisschen sollte sicher auch die Messe als Ganze vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit gerettet werden.

Wie die Branche ändert sich die Cebit radikal

Wer an einem der Cebit-Abende über das prall gefüllte Freigelände geschlendert ist, hat eines bemerkt: Der Muff der grauen, alten Cebit ist endgültig abgelegt. Was genau das Neue ist, ist allerdings schwer zu sagen. Ein bisschen fühlt es sich an wie ein Jahrmarkt, sagen manche Beobachter. Aber ist eine Messe nicht ohnehin ein Jahrmarkt? Und wo sonst gibt es so viele Anzugträger im Riesenrad? Die Veränderung der Cebit sei disruptiv, sagen ihre Macher - und meinen damit, dass sie - wie Videotheken, die irgendwann von Streamingdiensten abgelöst wurden - völlig neue Antworten finden müsse. Das Alte sei eben Vergangenheit, die Zukunft gehöre dem Festivalgedanken. Die Cebit ist tot, lang lebe die Cebit, könnte man auch sagen.

Vieles ist alt an der neuen Cebit

Der Mann mit Hut heizt den Massen ein: Jan Delay amüsiert seine Fans mit Anekdoten aus der Frühzeit des 486er-PCs.

Dass die sommerlichen Temperaturen viele zum Entspannen und, ja - auch zum Abhängen auf die Freiflächen getrieben hat, war offensichtlich. Und auch, dass sich das Leben durchaus umfänglich aus den Hallen ins Freie verlagert hat. Auch dass bis 23 Uhr DJs öffentlich auf dem Gelände auflegten, war eine Premiere. Aber natürlich haben die Veranstalter nicht alles neu erfunden. Wieso auch? Eine Messe bleibt zunächst eine Messe. Auch 2018 zeigen Forschungsinstitute ihre Projekte an klassischen Ständen, kleine asiatische Händler preisen ihre Handyhüllen und Drohnenkoffer an, Flyer liegen aus. Es gibt mittelgroße Stände, die mit kreativeren Auftritten und der vielerorts unvermeidlichen italienischen Espresso-Siebträgermaschine punkten wollen. Und es gibt größere Unternehmen wie Vodafone, die auf der Freifläche eine begehbare Virtual-Reality-Messe installiert haben, die Bilder zum Staunen ermöglichte. Technik zum Anfassen und Erleben - das ist ein bisschen alte Cebit. Aber eben auch Teil der neuen.

Veranstalter wirtschaftlich zufrieden

Beim Gang über das Gelände fällt auf, wie kompakt alles geworden ist: Die Hallen rund um das Holzdach dominieren das Messegeschehen, alles bewegt sich in einem deutlich eingeschränkteren Rahmen als früher. 120.000 Besucher sind 2018 gekommen, so wenige wie noch nie zuvor. Auch das gehört zur Wahrheit der neuen Cebit: Ja, sie ist kleiner geworden - weniger Besucher, weniger Aussteller, weniger verkaufte "klassische" Fläche. Man habe aber auf andere Weise Geld verdient, lässt Messe-Sprecher Hartwig von Saß durchblicken: Etwa durch große Events, die Firmen ohne Ausstellungsfläche auf dem Gelände durchgeführt hätten. Die wirtschaftliche Bilanz der neuen Cebit, so sagt es Messe-Vorstand Oliver Frese, sei positiv. Was das genau heißt, sagt er nicht. Wichtiger als Zahlen sei für ihn aber ohnehin, wie zufrieden die Aussteller sind.

Vorstände und Ehrengäste wackeln hüftsteif mit

An der Halle 27 macht das Presseteam der Messe inzwischen ein Gruppen-Selfie. Die Stimmung wirkt gelöst, die Arbeit vieler Monate findet im neuen Festivalgewand der Veranstaltung ihren Abschluss. Die Vorstände und Ehrengäste auf der VIP-Tribüne wirken noch ein wenig hüftsteif. Aber auch Messechef Frese schwingt mit schwarzem Sweatshirt und Sneakers das Tanzbein. Auf der großen Hauptbühne zappelt Jan Delay wild umher und heizt der zunächst etwas müden Masse mit einem Hit nach dem anderen ein. "Ihr seid noch so im Business-Modus", ruft Delay von der Bühne. "Aber das kriegen wir schon noch hin. Nachher werden wir alle gemeinsam abgehen wie eine gallertartige Masse."

Manager tanzen sich in Extase

Ein Schwarm von 350 Drohnen eines Chip-Herstellers rundet die Festival-Abende optisch ab.

Das gefällt den Einstecktuch- und Scheitelträgern ebenso wie den Konzertgängern mit Basecap und Lippenpiercing. Sie grooven johlend mit dem Mann aus Hamburg und seiner Band. Ringsherum wird an zahlreichen Tischen gekrökelt, Besucher stehen mit einem Feierabendbier in der Hand dabei und betrachten entspannt die Szenerie. Selbst der Pressesprecher des Bundesnachrichtendienstes wippt vorsichtig mit. Zwischenzeitlich ist es unmöglich, mit dem Smartphone zu surfen: Das Mobilfunknetz ist während des Konzertes vollkommen überlastet. Alle laden offenbar wie verrückt Bilder und Videos hoch. Ein Porsche-Manager tanzt sich mit seinem Kollegen in Extase.

Cebit-Besucher sind jünger und nehmen Festival an

"Wo geht die Party ab?", fragt Jan Delay seine Fans. "Hier geht die Party ab", schreien männliche und weibliche Business-Kehlen zurück. Mehr als 90 Prozent der Cebit-Besucher seien vom Fach gewesen, wird Messesprecher Hartwig von Saß auf der Bilanz-Pressekonferenz zwei Tage später sagen. Umgekehrt heißt das: Wer sich im Festivalbereich bewegt hat, wer Konzerte und DJ-Sessions besucht hat, war mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vorher in den Hallen unterwegs. Man könnte daraus pessimistisch schließen, dass es keine neuen, externen Besucher gegeben hat. Oder optimistisch folgern, dass Cebit-Gänger jünger geworden sind und wie selbstverständlich den Festival-Charakter angenommen haben.

Abends Disco, morgens Business - es scheint zu klappen

Hier ist bis zum nächsten Morgen wieder alles messefein: die Cebit-Bühne um Mitternacht.

Zu der optimistischen Variante passt, dass der Durchschnitts-Besucher dem Veranstalter zufolge 35 Jahre als war. Und dazu passt auch die Beobachtung, dass viele bei den Konzerten zwar in Hemd oder Bluse mit Firmensignet, aber ohne Jacke oder Tasche unterwegs waren. Später haben sie dann vermutlich gemeinsam mit Kollegen und Kunden die Drohnen-Lichtshow am Nachthimmel bewundert, ihre Habseligkeiten vom Stand geholt. Und am nächsten Morgen weiter Businesskontakte gepflegt - müde, aber glücklich. Alte oder neue Cebit? Graue Hallen oder buntes Festival? Man darf vermuten, dass für viele Besucher diese Entscheidung nicht schwer zu treffen ist.

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Hallo Niedersachsen | 15.06.2018 | 19:30 Uhr

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