Stand: 20.03.2017 21:45 Uhr

Schnelligkeit ist wichtig, Reaktion noch wichtiger

von Alexander Nortrup

Es ist das eine, von einer neuen Technologie zu lesen. Und etwas völlig anderes, sie auszuprobieren. Die CeBIT will keine Publikumsmesse mehr sein, und doch gibt es hier viele Dinge zu sehen, die bestimmt nicht nur Fachkunden interessieren. Das schnelle Internet 5G gehört dazu. Und genauso das vernetzte (und demnächst dann autonome) Fahren in realen Autos, keinen Test-Bussen oder Prototypen. Beides lässt sich in Kombination am Messe-Pavillon von Vodafone sehen und erleben. Und beides erlaubt Aha-Erlebnisse, die eben nur bei einem Test möglich sind.

LTE wird bis zum 5G-Start immer besser

Erste Lektion: Viele Neuigkeiten kommen schrittweise. Das gilt etwa für das schnelle Internet. Der neue Standard 5G komme schließlich nicht aus heiterem Himmel, sondern in Etappen, erklärt Vodafone-Sprecher Dirk Ellenbeck im Gespräch mit NDR.de. Der Vorgänger, LTE, werde von den Anbietern immer weiter verbreitet, beschleunigt und optimiert, bis schließlich 2020 die neue Technik 5G startet. Und dann wird auch diese Schritt für Schritt verbreitet und zugleich technisch weiter optimiert. Warten auf 5G ist insofern nur bedingt nötig, denn LTE nähert sich 5G zumindest teilweise an: "Wir haben inzwischen in 30 deutschen Städten Übertragungsgeschwindigkeiten von 375 MBit/s", sagt Ellenbeck. "Ab Sommer dann in 15 Städten sogar 500 MBit/s." Klar - 5G soll 10.000 MBit/s bieten, das ist eine ganz andere Hausnummer. Aber schneller als alles Bisherige ist LTE 4.5, wie Vodafone die Ausbaustufe nennt, dennoch. Übrigens: Kaum ein Endgerät kann bislang solche Geschwindigkeiten nutzen - weder Apples iPhone 7 noch Samsungs Galaxy S7. Nur Sony und Huawei haben gerade entsprechende Geräte vorgestellt.

"Pepper" kann mit 5G einlochen

Zweite Lektion: Schnell ist wichtig - reaktionsschnell allerdings mindestens ebenso. Am Vodafone-Stand gibt es dafür eine gute Versuchsanordnung. In Kooperation mit der Technischen Universität Dresden wurde dort der Roboter "Pepper" aufgebaut. Der weiße Winzling hält eine Art Tablett mit einer Art Minigolf-Loch, in das man bei geschicktem Balancieren einen Ball bugsieren kann. Dabei reagiert "Pepper" auf die Gesten seines Gegenübers. Bei 3G-Geschwindigkeit geht das mit leichter Verzögerung, die aber dafür ausreicht, dass der Ball praktisch nie ins Loch fällt. Bei 5G dagegen kann "Pepper" so schnell reagieren, dass der Ball mit ein wenig Übung schnell ins Loch fällt.

Latenzzeit ist entscheidend

Der Grund dafür ist die sogenannte Latenzzeit, also die Reaktion des Netzes auf eine Nutzereingabe. Bei 3G beträgt sie noch knapp 100 Millisekunden, bei LTE (4G) sind es immer noch bis zu 50. Erst 5G sollen den Wert auf eine Millisekunde schmelzen lassen. Wer meint, das alles seien doch ohnehin extrem niedrige Werte, kassiert vom Vodafone-Sprecher ein heftiges Kopfschütteln: "Ob Ihr Fahrzeug auf der Autobahn bei 200 Stundenkilometern zum Bremsen eine Reaktionszeit von 50 oder einer Millisekunde hat, macht einen gewaltigen Unterschied." Zur Orientierung: Eine Millisekunde ist in etwa vergleichbar mit einem Wimpernschlag.

Erst vernetztes Fahren, dann autonomes Fahren

Dritte Lektion: Vor dem autonomen Fahren kommt das vernetzte Fahren. Der Parcours auf dem Vodafone-Außengelände bietet eine Anwendung in Sachen "Auto der Zukunft". Allerdings ist hier etwas zu sehen, das fast genau so schon heute umgesetzt werden könnte. Mit dem heutigen LTE-Mobilfunknetz und mit heutigen Autos, die allerdings ein paar mehr Features haben als die Standardmodelle. Konkret handelt es sich um drei Audi A8, die eingebaute Assistenzsysteme haben und miteinander über den mobilen Internetstandard LTE-VX vernetzt sind, aber vollständig von menschlichen Fahrern bedient werden. Drei Anwendungen werden gezeigt: Wer will, kann die Kamera des Vordermanns nutzen, etwa um einzuschätzen, ob ein Überholmanöver sinnvoll ist. "See through" heißt diese Technik. Das Fahrzeug löst zudem beim Hintermann ein akustisches Warnsignal aus, sobald es stark abbremst. Und wenn ein Fußgänger die Straße überqueren will, warnt dessen Smartphone die Autos und löst ebenfalls ein Warnsignal aus. Beim autonomen Fahren würde das Fahrzeug dann selbst abbremsen.

Lebenszeit gewinnen, wenn das Auto steuert

Durch die derart demonstrierte Vernetzung des Verkehrs solle optimistischen Schätzungen zufolge die Zahl der Unfälle um bis zu 90 Prozent sinken. Das setzt allerdings voraus, dass diese Technik bald standardisiert und massenhaft verbaut wird. Davor müssen noch einige Absprachen innerhalb der Industrie und mit der Politik erfolgen. Dass Fahrzeuge untereinander und mit Fußgängern kommunizieren werden, ist einer der CeBIT-Trends und gilt als sicher - es ist ein weiterer Schritt in Richtung des "Internet der Dinge". Aber ob Menschen wirklich massenhaft wie von Geisterhand gesteuert fahren wollen? Vodafone-Sprecher Ellenbeck fragt zurück: "Drei bis vier Jahre unseres Lebens verbringen wir durchschnittlich im Auto, davon allein ein Jahr im Stau. Was könnte man mit dieser Zeit nicht alles sinnvoll anfangen, wenn zumindest ein Teil davon das Auto übernähme?"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 20.03.2017 | 08:00 Uhr

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